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Päpstliche Akademie für das Leben stellt sich neu auf

Wie der Vatikan neue Wege beim Lebensschutz geht

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Vatikanstadt - Der Vatikan hat seine Lebensschutz-Akademie neu aufgestellt. Sie soll noch stärker in Politik und Gesellschaft hineinwirken. Zur ersten Hauptversammlung nach dem Umbau gab es Kritik, aber auch Gewohntes.

Von einem "guten Dialog" spricht die Päpstliche Akademie für das Leben zum Abschluss ihrer dreitägigen Jahresversammlung diesen Samstag auf Twitter. Auch der Kölner Arzt und Theologe Manfred Lütz sieht das ähnlich: "Früher haben wir Katholiken uns gegenseitig gesagt, was wir denken. Das wissen wir jetzt. Um es auch anderen zu vermitteln, reden wir jetzt mit ihnen", kommentiert er die Veränderungen bei dem international besetzten Gremium.

Berater: Wir müssen in Politik und Gesellschaft wirken

Dass der Akademie, die sich seit Donnerstag im Vatikan traf, auch nichtkatholische, ja nichtchristliche Wissenschaftler angehören, die nicht in allen Punkten katholische Lehre vertreten, war einzelnen Kritikern durchaus ein Dorn im Auge. Für die allermeisten Mitglieder wie Beobachter jedoch ist es "eine notwendige Voraussetzung, um die lebensfreundlichen Positionen der katholischen Kirche besser zu vermitteln". So sieht es etwa der deutsche Medizinethiker Stephan Sahm. "Unsere Arbeit hier hat doch nur Sinn, wenn sie in die Politik und Gesellschaft wirkt", sagt er.

Ende Juli wurde Sahm, der auch Chefarzt des Ketteler-Krankenhauses in Offenbach/Main ist, für fünf Jahre zum korrespondierenden Mitglied der Akademie berufen. Er war das schon einmal - und stellt im Vergleich zu früher fest, "dass wir jetzt schon mal aufgefordert werden, auch mit Journalisten zu sprechen". Anliegen vermitteln, über Entwicklungen informieren, sich austauschen - all das werde nun wichtiger genommen.

Eine Patientin des Altersheims des Frauenordens "Missionarinnen der Nächstenliebe" im Gespräch mit Schwester Marica am Pasupati Tempel in Kathmandu am 4. Juli 2015. Der Orden wurde 1978 von Mutter Teresa initiiert.
Während es beim Lebensschutz in Europa oft um komplexe ethische Probleme geht, stellt sich in ärmeren Ländern eine viel grundlegendere Frage: nach einem solidarischen und gerechten Gesundheitssystem.

Bei der Jahresversammlung 2017 unter dem Motto "Das Leben begleiten. Herausforderungen im technologischen Zeitalter" ging es auch darum, wie unterschiedlich sich Lebensschutzfragen oft stellen. Laut Sahm diskutiert Europa bioethische Fragen oft sehr individualethisch: Wer hat welche Rechte und darf was? In Bolivien oder Indien hingegen haben ganze Bevölkerungsschichten gar keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung, sterben Menschen früher. Da wird Lebensschutz eine Frage von Gerechtigkeit und Solidarität.

Kritik an Sterbehilfe bei belgischem Orden

Am zweiten Tag des Kongresses etwa wurde berichtet, wie skeptisch Menschen in vielen Ländern gegenüber Gesundheitsbehörden seien. Der Kirche hingegen vertrauten sie. Auf dem Gebiet der Palliativmedizin und -pflege etwa gebe es keine Organisation, die weltweit so präsent sei, wie die katholische Kirche. Den Hinweis auf dieses Pfund der Kirche verbindet Sahm mit einer Warnung vor der gegenwärtigen Entwicklung in Belgien. Mit seiner Entscheidung, aktive Sterbehilfe in seinen Kliniken nicht mehr ausschließen zu wollen, begebe sich der belgische Orden "Brüder der Nächstenliebe" auf eine abschüssige Bahn.

Die Diskussion um momentane individuelle Rechte von Patienten und Pflichten von Ärzten verliere die langfristigen sozialen Folgen aus den Augen meint Sahm. Er illustriert das am Beispiel assistierter Suizid. Von 100.000 Selbstmordversuchen pro Jahr in Deutschland, führten 10.000 tatsächlich zum Tod. Die 90.000 anderen Menschen verhielten sich in den Wochen vor dem Versuch oft sehr ambivalent. Wenn das Gesetz Hilfe beim Suizid erleichtere, verändere sich langfristig die Einstellung dazu. Rechne man Erfahrungen aus der Schweiz auf Deutschland hoch, "würde das pro Jahr sechs- bis achttausend mehr Suizide bedeuten", warnt der Chefarzt.

Ein Thema, das dieser Tage im Vatikan in Vorträgen und Diskussionen ausführlich, in der Öffentlichkeit aber wenig diskutiert wird, sind neue Gentechniken wie die Genschere "CRISPR-Cas9". Da ändere sich die Vorstellung von Leben: Zunehmend werde es "zu einem Produkt, das nach Qualitätsmerkmalen bestellt wird", sagt Sahm.

Papst: Wir sind Geschöpfe, keine Zellhaufen

Technik und Forschung im größeren, sozialen und ethischen Zusammenhang zu sehen, war ein oft geäußerter Appell. Auch vom Papst, der in seiner Rede vor der Versammlung sagte: "Jeder von uns ist ein von Gott gewolltes und geliebtes Geschöpf, nicht nur ein gut organisierter Zellhaufen ausgewählt durch die Evolution." Leben zu schützen und begleiten - von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende: Dieses Anliegen der katholischen Kirche hat sich durch die personelle Öffnung und inhaltliche Neuausrichtung der Päpstlichen Akademie für das Leben nicht verändert.

Linktipp: Erstmals Erbgut eines Embryos verändert

Forscher in den USA habendas Erbgut von Embryonen verändert und damit einen Gendefekt behoben. Für die Wissenschaft ein Durchbruch – doch Ethiker und Kirche schlagen Alarm. (Artikel von August 2017)

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