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Justiziar des Jüdischen Weltkongresses über eine Mail von Papst Franziskus an ihn

Wie eine sanfte Brise

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Bonn/New York - Menachem Rosensaft ist Juraprofessor an den New Yorker Universitäten Columbia und Cornell und Justiziar des Jüdischen Weltkongresses. Im September hielt der Sohn zweier jüdischer KZ-Überlebender eine Gastpredigt in seiner Gemeinde, die er später an Papst Franziskus schickte.

Darin beschrieb der 65-Jährige, wie er nach dem Holocaust an einen Gott glaubt, der die Gräueltaten nicht ignorierte, sondern im Gegenteil den Überlebenden göttliche Kraft gab. Einige Wochen später antwortete der Papst. Im Interview berichtet Rosensaft über die Nachricht und seine Hoffnungen für die katholisch-jüdischen Beziehungen.

Frage: Herr Rosensaft, wie kam es zu dem Kontakt mit Papst Franziskus?

Rosensaft: Grundlage war eine Predigt, die ich zwischen dem jüdischen Neujahr und Jom Kippur gehalten habe. Darin versuchte ich meine persönliche Herangehensweise darzulegen, wie Gottes Existenz und die Grauen des Holocaust vereinbar sind. Die Predigt wurde in den USA veröffentlicht und ein Freund von mir schlug vor, sie an Papst Franziskus zu schicken. Ich bin beeindruckt von ihm, seiner Haltung zu Juden, zu allen Menschen, von seiner Barmherzigkeit. Vor diesem Hintergrund beschloss ich, meine Predigt mit einer kurzen persönlichen Nachricht zu schicken. Zu meiner großen Verwunderung hat er sie gelesen und geantwortet.

Frage: Wie haben Sie ihm die Predigt zukommen lassen?

Rosensaft: Ich habe den Text per Kurier geschickt. Er hat dann wiederum einige Wochen später per Email geantwortet.

Frage: Hatten Sie mit dieser Reaktion gerechnet?

Rosensaft: Nicht im Geringsten. Ich hatte eine winzige Hoffnung, dass er den Brief erhalten würde, und war ausgesprochen dankbar, dass er meine Nachricht nicht nur gelesen hatte, sondern dass er in so warmen und herzlichen Worten geantwortet hat.

Frage: Was hat er geschrieben?

Rosensaft: Er hat mir nicht nur geschrieben, dass er versteht, wie ich zu meiner Haltung gekommen bin - er hat meine Predigt durch eine jüdisch-theologische Brille gelesen mehr als durch eine christliche Brille. Das hat mich sehr begeistert. Er hat Bezug genommen auf das Erste Buch der Könige und wie der Prophet Elias auf Gott trifft. Gott erscheint dabei nicht im Erdbeben oder im Feuer oder in sonstiger zerstörender Kraft, sondern in einer "sanften Brise", wie Papst Franziskus es so treffend übersetzt hat.

Gott ist die innere Stimme und das innere Gefühl, dass die Opfer von Genoziden stützt. Franziskus hat es sogar die "einzige mögliche hermeneutische Interpretation" genannt und damit meine Interpretation nicht nur verstanden, sondern für gültig erklärt.

Frage: Haben Sie zuvor Papst Benedikt XVI. oder Johannes Paul II. kontaktiert?

Rosensaft: Nein, das hat sich nicht ergeben. Ich bin Jurist, kein Theologe. Ich war aber sicherlich von den Besuchen Papst Johannes Pauls II. in Auschwitz und Israel beeindruckt und von seinen Bemühungen, den jüdisch-katholischen Dialog zu verbessern. In der Tat waren die jüdisch-katholischen Beziehungen nie stärker als jetzt. Das ist ein Verdienst der vergangenen Jahre.

Frage: Glauben Sie, Franziskus wird den Dialog besonders ausbauen?

Der Rechtsanwalt Menachem Rosensaft ist Justiziar des Jüdischen Weltkongresses New York.

Rosensaft: Alles, was ich sagen kann ist: Franziskus ist der erste Papst, der sein Amt mit engen jüdischen Freunden an seiner Seite begonnen hat. Mit diesen hat er sich in Argentinien viel ausgetauscht, und er macht das weiterhin. Soweit ich sehe, betrachtet er das Judentum eher als eine Schwesterreligion zum Christentum denn als bloßes Fundament, das ausgebaut wurde. Das gibt Chancen für weitere Dialoge und engere Beziehungen.

Frage: Papst Franziskus hat sich schon mit führenden jüdischen Persönlichkeiten im Vatikan getroffen...

Rosensaft: Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Botschafter Ronald Lauder war bereits zu einer Privataudienz bei Franziskus. Es war ein sehr herzliches Treffen und Franziskus hat erneut betont, dass es seines Erachtens für einen wahren Christen unmöglich ist, Antisemit zu sein - schließlich waren Jesus, seine Mutter und die Aposteln Juden.

Frage: Wie können die katholisch-jüdischen Beziehungen noch ausgebaut werden?

Rosensaft: Die Welt steht vor großen Herausforderungen. Es gibt so viele Bereiche menschlichen Leides, zum Beispiel Diskriminierung und Armut. Wenn wir hier zusammenarbeiten, können wir viel erreichen. Je näher wir uns stehen, desto besser.

Frage: Die Rolle der katholischen Kirche und des Vatikan während des Holocaust ist bis heute umstritten. Ist es wichtig, dass weiter darüber debattiert wird?

Rosensaft: Das Thema muss gründlich erforscht werden mit Zugang zu allen Archiven. Es gab Kleriker, die sehr viel getan haben, um Juden zu retten. Die Frage ob Papst Pius XII. genug oder nicht genug für die Juden getan hat und ähnliche Aspekte sollten dennoch gründlich geklärt werden. Ich glaube, dass irgendwann die vatikanischen Archive ihre Tore für diese Arbeiten öffnen werden. Aber wir leben in der Gegenwart: Dass der Vatikan dem NS-Verbrecher Erich Priebke eine kirchliche Bestattung verweigert hat, ist ein starkes Zeichen.

Frage: Wie meinen Sie das?

Rosensaft: Bis zum heutigen Tag hat die katholische Kirche keinen NS-Verbrecher exkommuniziert. Nun hat es das eindeutige Signal gegeben, dass ein Mörder wie Priebke eigentlich nicht auf einen katholischen Friedhof gehört und keine öffentliche katholische Trauerfeier verdient hat. Das ist eine starke Geste für Opfer aller Genoziden nicht nur für die Opfer des Holocaust. Ein Zeichen, dass solche Verbrecher nicht Teil der menschlichen Familie sind.

Das Interview führte Anna Mertens (KNA)

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