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ZDF-Redakteur Jürgen Erbacher im Interview über sein neues Papst-Buch

Wie radikal ist der Papst?

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Mainz - Franziskus provoziert mit seinen deutlichen Worten. Aber ist er dadurch ein "radikaler Papst" und sein Pontifikat eine "franziskanische Wende"? So lautet der Titel eines am Donnerstag erschienenen Buchs. Autor und ZDF-Vatikankenner Jürgen Erbacher spricht im Interview mit katholisch.de über die Haltungsänderung, die Franziskus der Kirche verordnete und darüber, ob der Papst die Erwartungen an seine Person erfüllen kann.

Frage: Herr Erbacher, um auf den Buchtitel Bezug zu nehmen: In welcher Hinsicht ist Papst Franziskus Ihrer Einschätzung nach radikal?

Jürgen Erbacher: Der Papst sagt, dass jegliches Handeln der Kirche ganz klar an Christus orientiert sein muss. Er hat der Kirche eine radikale Haltungsänderung verordnet, indem er sagt: Dem Beispiel Jesu folgend steht der Mensch im Mittelpunkt und die Frage, wie man zu ihm gehen und ihm helfen kann, sein Leben zu meistern. Das läuft quer zu dem, was man sonst von Dogmen oder kirchenrechtlichen Regelungen her kennt. Das soll nicht heißen, dass Franziskus das alles über Bord wirft, sondern dass er die Haltung ändert. Durch manches provokative Wort – "Diese Wirtschaft tötet" ist keine diplomatische Sprache – versucht er, die Leute herauszufordern. Sie sollen Position beziehen und über das eigene Verhalten nachdenken.

Der Journalist Jürgen Erbacher arbeitet bei der ZDF-Redaktion "Kirche und Leben".

Um Franziskus und seine Radikalität, mit der er sich etwa bei sozialethischen Themen ausdrückt, zu verstehen, müssen wir in Europa den Blick weiten auf den Blickwinkel eines Lateinamerikaners. Während wir laut dem Befreiungstheologen Leonardo Boff nur eine weichgespülte Globalisierung erfahren, merkt man in Lateinamerika viel mehr die negativen Auswirkungen der Globalisierung. In dem Buch versuche ich, den theologischen und gesellschaftlichen Hintergrund des Papstes zu erklären.

Frage: Was meinen Sie mit "franziskanischer Wende"? Gibt es da im Papstamt selbst einen Wandel oder meinen Sie, dass der Kardinal Jorge Mario Bergoglio als Papst anders agiert als früher?

Erbacher: Ich glaube nicht, dass er sich sehr gewandelt hat. Die Menschen, die ihn seit seiner Zeit als Weihbischof kennen, sagen dass er sich treu geblieben ist. Nur ein Weggefährte sagte mir, dass Bergoglio früher wesentlich ernster dreinschaute im Gegensatz zu jetzt, wo er viel lächelt. Franziskus selbst sagte kurz nach seiner Wahl, dass er nun ein älterer Herr weit über 70 sei und sich nicht mehr verändern werde.

Man kann mit Papst Franziskus die Hoffnung haben, dass sich an der Haltung der Kirche im Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen etwas ändert.

Jürgen Erbacher über den Papst

Franziskanische Wende meint zum einen, dass der Papst der Kirche eine Wende verordnet. Und zum anderen ist der Begriff auf Franziskus von Assisi bezogen. Denn auch der heilige Franz wollte zu seiner Zeit eine radikale Rückbesinnung auf die Botschaft Jesu.

Frage: Welche Erwartungen von den vielen, die es an ihn gibt, wird denn Papst Franziskus erfüllen?

Erbacher: Er hat einige Erwartungen schon erfüllt: Er packt einige Dinge in Bezug auf den Vatikan beherzt an. Ein Beispiel sind die Reformen im Finanzbereich, die noch lange nicht am Ende sind, weil es auch Widerstände gibt. Als der Papst den K9-Kardinalsrat einsetzte, hat er einen Wunsch vieler Kardinäle aus dem Konklave aufgegriffen: Die wollten mehr Beratungen, in die auch die Weltkirche besser mit einbezogen wird. Wir werden sehen, wie sich die Synode als Beratungsinstrument weiterentwickelt, da wird sicher noch einiges getan bis zur nächsten Familiensynode im Herbst 2015.

Bei den Erwartungen, die sich auf Reformen in Bezug auf Theologie und Lehre beziehen, muss man noch abwarten. In einer Institution wie der katholischen Kirche sind eineinhalb Jahre Pontifikat zu kurz für eine Änderung. Papst Franziskus betont immer, ein Sohn der katholischen Kirche zu sein und damit ist klar, dass er etwa bei Lebensschutz, Ehe und Familie in der Lehrtradition der Kirche steht. Aber durch den radikalen Ansatz, vom Menschen her zu denken und sich an Jesus zu orientieren, der an der Seite der Menschen in Schwierigkeiten stand, stellt sich die Frage, ob man die Lehre immer Eins zu Eins umsetzen kann. Man kann mit Papst Franziskus die Hoffnung haben, dass sich an der Haltung der Kirche im Umgang mit Menschen in schwierigen Situationen etwas ändert. Diese Erwartung ist meiner Ansicht nach berechtigt.

Das Interview führte Agathe Lukassek

Zur Person

Jürgen Erbacher ist Theologe, Politikwissenschaftler und Journalist. Seit 2005 arbeitet er als ZDF-Redakteur von "Kirche und Leben". Sein neues Buch "Ein radikaler Papst. Die franziskanische Wende" ist im Pattloch-Verlag erschienen.

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