Als ich erstmals die Alte Messe besuchte

Eigentlich war die "Alte Messe" für ihn nur eine Kuriosität. Doch vor genau zehn Jahren kehrte sie als außerordentlicher Ritus in die Kirche zurück - und katholisch.de-Redakteur Felix Neumann ging hin.

Liturgie | Bonn - 14.09.2017

Seit genau zehn Jahren ist "Summorum Pontificum" in Kraft: Aus der "Alten Messe" wurde der "außerordentliche Ritus". Der römische Ritus hatte nun zwei Ausformungen: gleich gültig, gleich rechtgläubig, wenn auch nicht gleichberechtigt. Für die einen – endlich! – Gerechtigkeit, für die anderen ein großer Schritt auf dem Weg hinter die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück. Auf jeden Fall: maximal polarisierend.

Und doch war in den kirchlichen Kreisen, in denen ich mich damals bewegte, die Alte Messe bestenfalls unterschwellig ein Thema: Meine Heimatpfarrei, noch recht volkskirchlich geprägt, weder besonders liberal noch besonders konservativ, war liturgisch nicht übermäßig engagiert. Wichtig war vor allem, dass die Ministranten sich benahmen, keine unbekannten Lieder gesungen wurden, die bekannten dann aber engagiert und mit Anspruch: Wenn der Kirchenchor bei "O Haupt voll Blut und Wunden" daneben lag, war das das eigentliche Skandalon des Karfreitags. Wie es vor der Liturgiereform war, war höchstens Teil der Anekdoten der Älteren. Wenn die Elterngeneration vom komplizierten Ministrantendienst auf Latein erzählte, wenn die Großeltern von überlangen, unverständlichen, aber feierlichen Messen erzählten. Wirklich zu vermissen schien die Alte Messe niemand – stattdessen war die neue Messe das "normale" und das "konservative". In Jugendgottesdiensten überboten wir uns darin, etwas "anders" zu machen: Warum nicht mal mit dem Friedensgruß beginnen? Warum Hostien, wenn man Fladenbrot verwenden kann? Predigen kann doch jeder oder alle gemeinsam. Mit Stuhlkreis statt Bankreihen, "biblischem Anspiel" statt Lesung, Gitarre statt Orgel wurden alle Klischees und kaum eine liturgische Regel erfüllt.

Eine Messe auf Latein war nur ein Gerücht

Selbst der neue Ritus auf Latein war schon exotisch. Das erste Hochgebet, in der Form am nächsten am alten Messkanon, hörte man in meinen Gemeinden nie. Die wenigen Orte, an denen die Alte Messe gepflegt wurde, waren bestenfalls Gerüchte, Kuriositäten: Da oben, über den Bergen von Heidelberg lesen Mönche die Messe auf Latein, irgendwo am Bodensee gibt es ein Kloster, wo sie mit dem Rücken zum Volk feiern.

Wie genau ich auf die Alte Messe aufmerksam wurde, kann ich nicht mehr genau rekonstruieren; es war jedenfalls vor "Summorum Pontificum". Martin Mosebach veröffentlichte 2002 seine Sammlung "Häresie der Formlosigkeit", eine bisweilen schwärmerische, bisweilen polemische Apologie der Alten Messe. 2005 habe ich das Buch gelesen. In meinen Unterlagen habe ich noch die Rechnung des etwas anrüchigen österreichischen Verlags, der sich auf eine "Bibliothek der Reaction" und von der Neuen Rechten geschätzte Autoren spezialisiert hat. Bestellt habe ich es wohl wegen der Debatte darüber unter Liturgikern und Konzilshistorikern, die vor allem in der Herder-Korrespondenz geführt wurde.

Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren. Der Schriftsteller zählt zu den bekanntesten konservativen katholischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
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Mosebach zeichnete ein idealisiertes Bild der Alten Messe und stellte ihr all die Zerrbilder der neuen dagegen. Die Langeweile, die Unverständlichkeit, die Eltern und Großeltern gelegentlich erwähnten, die real existierende Liturgie vor dem Konzil spielt keine Rolle. Wer die "Häresie der Formlosigkeit" liest, bekommt den himmlischen Gottesdienst, der im hergebrachten Ritus Einzug selbst in schäbige Frankfurter Hinterhofkirchen hält, all den lieblosen und in Folge glaubensschwachen Ausformungen des "Novus Ordo" entgegengestellt.

Trotz aller Polemik war Mosebach aber doch anzumerken: Es geht um mehr als Latein und Rücken zum Volk. Das allgemeine Entsetzen unter engagierten Laien und ebenso konzilsgeprägten Priestern, das auf "Summorum Pontificum" folgte, konnte ich da schon nicht mehr nachvollziehen. Im Gegenteil: Ein Ritus in mehreren Ausformungen, das kam mir sehr plausibel vor: Im Jugendverband feierten wir de facto ja auch in einer Form, die sich nominell zwar aufs Messbuch bezog, praktisch aber alles andere als ordentlich war. Warum also nicht auch ganz legal und römisch erlaubt anerkennen, dass der eine Ritus viele Formen hat?

Klischee erfüllt: Adrett gekleidet und gescheitelt

Eine Messe im tridentinischen Ritus hatte ich bis dato nicht besucht; wo auch? Piusbrüder gab es zwar in Freiburg, zu Schismatikern in die Messe zu gehen war aber keine Option. "Summorum Pontificum" kam mir also ganz gelegen. Recht bald wurde die Adelhauser Kirche in der Freiburger Innenstadt als einer der Orte bestimmt, an denen im Erzbistum der außerordentliche Ritus gefeiert werden sollte.

Mit einem antiquarischen Volksschott ging ich in eine der ersten regulären außerordentlichen Messen dort. Die Gemeinde: viele Ältere, aber auch erstaunlich viele jüngere Familien, einige mit kleinen Kindern, alle sehr adrett gekleidet und gescheitelt. Immerhin dieses Klischee hält. Konnte auch die Messe halten, was Mosebach versprach? Die Ausführung war jedenfalls bis ins Detail choreographiert: der Gesang der Schola, die Gesten und Bewegungen des Priesters, die Andächtigkeit der Ministranten. Die Predigt: nun ja. Etwas viel Pfarrer von Ars und Diktatur des Relativismus und Kulturpessimismus. Insgesamt: kein welterschütterndes Ereignis, keine Bekehrung zum liturgischen Traditionalisten, keine Abkehr vom ordentlichen Ritus – aber ein Erlebnis, was Gottesdienst auch bedeuten kann. Dass "participatio actuosa", die tätige Teilnahme, mehr Dimensionen hat als Aktion und auch im stillen, betenden Mitvollzug des Mysteriums liegen kann. Das klare Betonen und Befolgen der Messordnung ist nicht bloß rubrizistisch. Es eröffnet auch eine andere Form von Freiheit: Kein aktivistischer Gottesdienst, in dem ständig geredet und erklärt wird; stattdessen eine Reduktion auf das mystische Erleben, auf einen ästhetischen Zugang zum Mysterium, das von zu vielen Erklärungsversuchen selten klarer wird.

Die traditionalistische Piusbruderschaft zelebriert die Messe nach dem alten Ritus.
Die Diskussionen zwischen Gegnern und Befürwortern der Alten Messe hält bis heute an. Ein Streitpunkt: Feiert der Priester die Messe abgewandt vom Volk Gottes oder gemeinsam mit ihm in Richtung des auferstandenen Herrn?
 KNA

Manche Kritik am außerordentlichen Ritus teile ich: Latein als Welt- und Kirchensprache sorgt für eine überzeitliche und überörtliche Gemeinschaft – wenn aber selbst die Lesungen auf Latein vorgetragen werden, vor allem, wenn der Priester sie dann auf der Kanzel noch einmal schnell auf Deutsch vorliest, damit man weiß, worüber er predigt, dann wirkt das fast unfreiwillig komisch. Die Messe ist kein magisches Ritual; die Heilige Schrift erzählt von den Begegnungen von Menschen mit Gott, die volkssprachlichen Übersetzungen sind so gut wie die lateinische Übersetzung.

Es braucht eine unbelastete Generation

Anderes wird erst in der Mitfeier plausibel: Die Zelebrationsrichtung etwa. Menschenabgewandt, priesterzentriert, unhöflich sei das Feiern "mit dem Rücken zum Volk". So habe ich es nie erlebt – im Gegenteil: Nicht als Rückenzeigen, sondern als gemeinsame Zelebrationsrichtung von Priester und Gemeinde. Besonders deutlich wird das in der Wandlung. Barocke Pracht am Altar und kostbare Paramente werden dort erst plausibel und gerechtfertigt: Der Priester steht weniger auf einer Bühne, als dass aus all dem Gold und Prunk die einfache Hostie hervorsticht, während der Priester als Person zurücktritt. Eine gemeinsame Zelebrationsrichtung drückt aus: Das wandernde Volk Gottes geht gemeinsam in eine Richtung, auf den auferstandenen Herrn zu – hier sind sich die Alte Messe und die nach dem Konzil populäre kreisförmige Anordnung von Altar und Bänken um eine gemeinsame Mitte, ja sogar der Stuhlkreisgottesdienst ähnlicher, als Freunde und Gegner der verschiedenen Formen es sich eingestehen.

Seit "Summorum Pontificum" habe ich nicht angefangen, regelmäßig den außerordentlichen Ritus mitzufeiern. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, nehme ich sie wahr, wenn nicht, vermisse ich die Alte Messe nicht. Aber ich bin froh über die Entscheidung, sie zu "normalisieren", so dass sie nicht mehr hauptsächlich von Sonderlingen und Schismatikern gefeiert werden kann. Eine Befriedung der liturgischen Grabenkämpfe hat das noch nicht erzeugt; zu ideologisch aufgeladen ist die Messform immer noch. Wahrscheinlich braucht es dazu auch eine unbelastete Generation. Der Streit um die Liturgie wurde auch als Stellvertreterkrieg um die Deutungshoheit – oder gar die Relevanz überhaupt – des Zweiten Vatikanischen Konzils geführt. Einige der Nachgeborenen – zu denen ich auch gehöre – scheinen mir diese Konflikte immer weniger austragen zu müssen und können daher unbefangener an die zwei Varianten des einen Ritus herangehen, beide Formen feiern, ohne daraus ein kirchenpolitisches Statement machen zu müssen. Erst dann ist auch möglich, was sich Kardinal Robert Sarah, der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung jüngst wieder gewünscht hat: Dass keine der Formen im Traditionalismus erstarrt, beide sich wechselseitig befruchten und so organisch weiterentwickeln können, um immer besser Christus in der Feier der heiligen Geheimnisse nahe zu kommen.

Von Felix Neumann

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