Welche Relevanz hat die "Alte Messe" heute?

Ablehnung herrschte auf der einen, Jubel auf der anderen Seite: Vor zehn Jahren veröffentlichte Papst Benedikt XVI. einen Erlass, der den Zugang zur Messfeier im vorkonziliaren Ritus massiv erleichterte.

Liturgie | Bonn - 07.07.2017

Gerüchte über diesen Schritt hatten schon vorher die Runde gemacht. Als Benedikt XVI. am 7. Juli 2007 dann tatsächlich mit einem Erlass, "Motu proprio" genannt, die vorkonziliare "Alte Messe" allgemein wieder zuließ, war die Aufregung in der katholischen Welt groß. Was in dem – für kirchliche Verhältnisse – relativ knapp gehaltenen Schreiben "Summorum Pontificum" ("Die Sorge der Päpste") formuliert war, hatte es in der Tat in sich: Plötzlich gab es in der Weltkirche offiziell zwei römische Messriten. Der Papst wolle die Uhren zurückdrehen, sagten Kritiker. Ein längst überfälliger Schritt und Ausgangspunkt für eine nötige Reform der Reform, jubelten Befürworter.

Aber zunächst die Frage, was genau Benedikt da aus dem Winterschlaf geholt hatte: Im Volksmund auch als "Tridentinische Messe" bezeichnet, wird die Herkunft relativ schnell deutlich. Grundsätzlich handelt es sich um die Feierform nach dem Messbuch von 1570, das das Konzil von Trient (1545 bis 1563) in Auftrag gegeben hatte. Allgemein wird diese Messfeier mit der lateinischen Sprache assoziiert und einem Priester, der "mit dem Rücken zum Volk" steht. Abgesehen von kleineren Änderungen war die Liturgie 400 Jahre lang in Kraft. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) sah nun dringenden Handlungsbedarf. Es setzte eine Liturgiereform in Gang, die die äußere Gestalt der Messe sowie alle anderen liturgischen Feiern grundlegend änderte.

Das schmeckte nicht jedem. Prominenter Vertreter unter den Gegnern der Liturgiereform war der französische Erzbischof Marcel Lefebvre. Er gründete im Jahr 1969 die Priesterbruderschaft St. Pius X., die an der vorkonziliaren Liturgie festhielt und Teile des Konzils ablehnte. 1988 kam es dann zum offenen Bruch mit Rom, als Lefebvre vier Bischöfe ohne päpstliche Genehmigung weihte. In den Augen der Kirche ein schismatischer Akt. Lefebvre und die vier Bischöfe wurden exkommuniziert.

Eine offene Wunde

Ein gewisser Kardinal Joseph Ratzinger hatte als Präfekt der Glaubenskongregation noch versucht, die unerlaubten Bischofsweihen abzuwenden und eine Einigung mit der Piusbruderschaft zu erzielen. Das Scheitern der Verhandlungen mit Lefebvre riss dann offenbar eine Wunde, die bei Ratzinger auch Jahrzehnte später nicht verheilt war.

Martin Klöckener ist Professor auf dem zweisprachigen Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft und Direktor des Instituts für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg in der Schweiz.
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Entsprechend war die "innere Versöhnung in der Kirche" für Benedikt XVI. ein Hauptmotiv für die weitreichende Wiederzulassung der Alten Messe. So formulierte er es zumindest im Begleitschreiben zu seinem Erlass, das sich an die Bischöfe der Weltkirche richtete. Denen, die sich nach Konzil und Liturgiereform von der Kirche abgespalten hatten, wollte Benedikt die Hand zur Versöhnung reichen. Und noch einen weiteren Grund nennt er: Eine falsch verstandene "Kreativität" habe nach der Reform des Messbuchs 1970 zu liturgischen Fehlentwicklungen geführt.

Gleichwohl wollte der Papst auch Bedenken zerstreuen: Die reformierte Liturgie bleibe weiterhin die "ordentliche Form" (forma ordinaria), während die nun weitgehend wieder gestattete Messe nach dem Missale von 1962 als "außerordentliche Form" (forma extraordinaria) bezeichnet wird. Es gebe "keinen Widerspruch" zwischen beiden. Auch seien es nicht zwei Riten, sondern lediglich zwei unterschiedliche Ausdrucksformen des einen Römischen Ritus.

Deutliche Unvereinbarkeiten

Dieser Ansicht widerspricht Martin Klöckener. "Ich sehe zwischen beiden Formen deutliche Unvereinbarkeiten", betont der Liturgieprofessor aus Fribourg in der Schweiz. Das beginne bei einem vollkommen unterschiedlichen Kirchenbild: Im alten Ritus habe die Gemeinde so gut wie keine Rolle gespielt; der Priester stand im Zentrum der Liturgie, die Messbesucher waren mehr oder weniger stumme Zuschauer. Das Zweite Vatikanische Konzil habe demgegenüber die tätige und bewusste Teilnahme aller Gläubigen betont. "Sie sind nach dem Konzil im vollen Sinn Mitfeiernde, Teilhabende und Teilnehmende der Liturgie", so Klöckener. "Wie passt das mit der vorkonziliaren Messe zusammen?"

Hinzu kommen unterschiedliche Leseordnungen. "Die tridentinische Liturgie hatte die Heilige Schrift sträflich vernachlässigt", sagt Klöckener. In den Schriftlesungen war nur ein Bruchteil der Bibel zu Gehör gekommen. Die Konzilsväter wollten demgegenüber den "Tisch des Wortes" reicher decken. Die Liturgiereform schuf daher eine neue, mehrjährige Leseordnung und stellte die Bedeutung der Schrift als primäre Quelle für das Leben der Kirche und die Liturgie heraus. "Auch hier passen beide Formen mitnichten zusammen", so Klöckener.

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Der Bochumer Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg warnt davor, das Konzil für die Krisenerscheinungen in der Kirche verantwortlich zu machen. Der Rückgang von Kirchenbesuchern und Priesterberufungen habe bereits früher eingesetzt, betont er. (Archivtext)

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Und schließlich: Der ordentlichen und außerordentlichen Form liegen zwei deutlich voneinander abweichende Kalendersysteme zugrunde. Das Kirchenjahr an sich ist anders aufgebaut, Feste werden an unterschiedlichen Tagen gefeiert. "Was bedeutet es für die Kirche, wenn sie auf einmal die liturgische Zeit und damit auch die Lebenszeit der Gläubigen nicht mehr gemeinsam lebt und gestaltet?", fragt Klöckener.

Fehlende Ehrfurcht?

Natürlich bringen auch die Befürworter der Alten Messe ihre Argumente vor. Die Einführung der Handkommunion nach dem Konzil und das weitgehende Wegfallen der Gebetsrichtung "ad orientem" (nach Osten) habe zu einer mangelnden Ehrfurcht geführt. Zudem sei die Messe so abgeändert worden, dass ihr Opfercharakter in den Hintergrund getreten sei. Stattdessen habe man sich in der Praxis dem protestantischen Abendmahl angenähert. Sorgen, die durchaus auch von hohen Kirchenvertretern wie dem vatikanischen Chefliturgiker Kardinal Robert Sarah geteilt werden.

"Ich erkenne an, dass es auch Fehlentwicklungen gab und gibt", sagt Klöckener dazu. Das sei aber eine Frage der Umsetzung und nicht der eigentlichen Liturgiereform. Dass eine Rückkehr zu einem spätmittelalterlichen Ritus die Missstände beheben würde, zweifelt der Professor hingegen stark an. "Hinter die Errungenschaften und theologischen Vorgaben des Konzils können wir nicht zurück."

Heute wird in Deutschland in etwa 150 Kirchen und Kapellen wöchentlich oder monatlich die Messe in der außerordentlichen Form gefeiert. "Das ist gemessen an deutschlandweit tausenden Pfarreien eine verschwindend geringe Zahl", sagt Klöckener. Weite Verbreitung habe die Alte Messe somit seit 2007 nicht gefunden. Es seien vielmehr Splittergruppen, die an der vorkonziliaren Liturgie festhalten. Dennoch gebe es gerade unter jüngeren Menschen ein gewisses Interesse an der Missa Tridentina. "Möglicherweise wegen einer Enttäuschung darüber, wie in ihren Gemeinden Gottesdienst gefeiert wird", so Klöckener. "Oder schlicht aus Neugier, etwas bisher Unbekanntes kennenzulernen."

Nur die Spitze des Eisbergs

Ein bleibendes Problem ist laut Klöckener, dass die Alte Messe in manchen traditionalistischen Kreisen häufig nur die "Spitze des Eisbergs" darstelle. Die Liturgie sei nur das sichtbare Zeichen nach außen, in Wirklichkeit gehe es aber um ein anderes Amtsverständnis, ein anderes Kirchenverständnis und teilweise auch um ein anderes Weltbild: "Besonders in der französischen Kirche sind politische Rechtsaußenkreise mit kirchlichen, traditionalistisch gesinnten Kreisen verzahnt." Es herrsche ein generelles Unverständnis für die moderne Welt, manche wünschten sich die Monarchie zurück. Das dürfe man – vor allem für den deutschen Sprachraum – nicht generalisieren, "aber es kommt vor und ist gefährlich", sagt Klöckener.

Die Osterkerze wird nach altem Ritus nach Christi Himmelfahrt aus dem Kirchenraum geräumt, nach neuem verbleibt sie dort bis Pfingsten.
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In den Pfarreien, in denen Messen in beiden Formen gefeiert werden, wird die alte Liturgie laut Klöckener immer auch ein Zeichen der Spaltung sein. Er verweist exemplarisch auf die Osterkerze: Nach altem Ritus hat sie nach Christi Himmelfahrt im Kirchenraum keinen Platz mehr, nach neuem verbleibt sie dort bis Pfingsten. "Da wird dann also in ein und derselben Kirche für die Tridentinische Messe die Kerze weggeräumt und danach für die Messe im neuen Ritus wieder zurückgeräumt", so Klöckener. Das gebe nach außen das Bild ab, dass da zwei Gruppen nebeneinander Liturgie feiern, aber nicht, dass sie in einer Gemeinschaft stehen.

Keine große Weiterentwicklung

Wer sich heute als Priester für die Feier der Tridentinischen Messe interessiert und sich ausbilden lassen möchte, muss selbst aktiv werden. "Meines Wissens bietet keine deutsche Diözese irgendwelche Ausbildungsmöglichkeiten an", sagt Klöckener. Man müsse sich folglich an entsprechende Kreise wenden, die regelmäßig Kurse anbieten. "Tatsächlich beobachte ich unter einigen jüngeren Priesteranwärtern, dass sie ein Interesse in diese Richtung haben."

"Insgesamt muss man sagen, dass die Sache kleiner und unbedeutender geblieben ist, als 2007 im ersten Moment befürchtet", resümiert der Professor. Er rechne zudem mit keiner großen Weiterentwicklung in naher Zukunft. "Schon seit Jahren sollten durch die entsprechende römische Behörde gegenseitige Anreicherungen der beiden Formen geschehen – etwa was die Heiligenfeste oder Schriftlesungen betrifft." Nichts davon habe man verwirklicht. Vielmehr sei es still geworden um die Alte Messe. "Das liegt sicher auch an Papst Franziskus", sagt Klöckener. "Er hat in seiner Amtszeit recht deutlich gemacht, dass er keine Affinität zur tridentinischen Liturgie hat."

Von Tobias Glenz

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