Dem Bösen auf den Fersen

Satans Widersacher sieht aus wie ein Kavalier der alten Schule. Das graue Haar zurückgekämmt, eine modische schwarze Brille, die Gestik von einer gemächlichen Eleganz. Don Gino Oliosi sitzt auf einem Podium des Päpstlichen Athenaeum "Regina Apostolorum" in Rom und macht eine extrem gute Figur. Extra aus Verona ist der 77-Jährige angereist, es geht ja auch um eine spezielle Veranstaltung: dem "VII. Corso di base sul Ministero dell‘Esorcismo", dem offiziellen Kurs des Vatikans zum Exorzismus, also die durch Gebete vorgenommene Vertreibung böser Mächte im Namen Gottes.

Exorzismus | Rom - 24.11.2012

Satans Widersacher sieht aus wie ein Kavalier der alten Schule. Das graue Haar zurückgekämmt, eine modische schwarze Brille, die Gestik von einer gemächlichen Eleganz. Don Gino Oliosi sitzt auf einem Podium des Päpstlichen Athenaeum "Regina Apostolorum" in Rom und macht eine extrem gute Figur. Extra aus Verona ist der 77-Jährige angereist, es geht ja auch um eine spezielle Veranstaltung: dem "VII. Corso di base sul Ministero dell‘Esorcismo", dem offiziellen Kurs des Vatikans zum Exorzismus, also die durch Gebete vorgenommene Vertreibung böser Mächte im Namen Gottes.

Es ist Samstag, die Sonne hat gerade begonnen, Rom aufzuwärmen. "Regina Apostolorum" liegt etwas außerhalb. Geleitet wird die Hochschule päpstlichen Rechts von den "Legionären Christi", einer Gemeinschaft, die wegen der Skandale um ihren Gründer Marcial Maciel stark in der Kritik steht. Schlagzeilen, obgleich ganz andere, hat auch Don Gino Oliosi jüngst gemacht, mit einem Brief an den Bürgermeister der Stadt Verona. Jeden zweiten Dienstag im Monat veranstaltet Don Oliosi in der Kirche Santa Toscana ein "Befreiungsgebet". In dem Brief bat der 77-Jährige um zusätzliche Parkmöglichkeiten vor der Kirche.

Extra-Parkplätze für den Kampf gegen Satan und die Dämonen. Für die katholische Kirche ist klar: Es gibt so etwas wie Satan und der Exorzismus ist eines der geeigneten Mittel dagegen. Aus diesem Grund hat der Vatikan selbst dem "Corso di base sul Ministero dell‘Esorcismo" seinen Segen gegeben und dafür gesorgt, dass in Rom Exorzisten und andere Experten eine Woche lang über ihre Erfahrungen berichten.

Vortrag, Fragen, Antworten

Einer davon ist Aldo Buonaiuto, der in der Titelgeschichte der November-Ausgabe der Zeitschrift "Wunderwelt Wissen" im Zentrum steht. Die Schlagzeile der Coverstory lautet "Rückkehr der Exorzisten" und ist an diesem Punkt bereits falsch. Von einer Rückkehr kann keine Rede sein, die Exorzisten waren nie weg. Das spürt und hört man, wenn man sich mit den Teilnehmern des Kurses unterhält. Etwa 140 sitzen hier in Rom, parallel dazu findet eine Veranstaltung in Bologna statt.

Die Teilnehmer, nicht alles Geistliche, kommen aus Europa und vor allem Süd- und Nordamerika, Pater Juan (Name geändert) beispielsweise ist mit zehn Kollegen aus Costa Rica angereist. Sein Ortsbischof hat ihn nach Rom geschickt, Pater Juan soll Exorzist werden. Dafür hat er seit Montag jeden Tag ab halb neun Uhr morgens in diesem Saal gesessen und verschiedene Vorträge gehört. Über theologische und pastorale, über liturgische und kanonische Aspekte des Exorzismus. Vereinfacht gesagt: Über das Warum, das Was und vor allem das Wie des Kampfes gegen Satan. Die Dozenten sind Exorzisten wie Don Gino Oliosi, aber auch Mediziner oder Juristen. Der Ablauf ist jeden Tag gleich: Vortrag, Fragen, Antworten – die Vorbereitung auf den Kampf gegen Satan läuft nicht anders ab als eine Vorlesung in Betriebswirtschaft.

Seit sieben Jahren gibt es den Kurs inzwischen. Anders als oft berichtet, ist es kein Crashkurs für Leute, die unbedingt und möglichst schnell Exorzisten werden wollen. Das würde schon rein rechtlich nicht gehen. Für einen echten Exorzismus benötigt man zwingend die Erlaubnis des Ortsbischofs, der wiederum nur einen Priester damit beauftragen kann.

Gabriele Amorth zählt zu den bekanntesten Exorzisten.
Exorzisten-Legende aus Rom: Gabriele Amorth.
 picture alliance / abaca

Laien dürfen lediglich am bereits erwähnten Befreiungsgebet teilnehmen. "Das Befreiungsgebet ist integraler Bestandteil des Glaubens. Und das wichtigste Befreiungsgebet ist das Vaterunser", sagt Pater Cesare Truqui. Der Legionär Christi ist so etwas wie der Studienleiter des Kurses, selbst Exorzist und Mitarbeiter von Gabriele Amorth, der Exorzisten-Legende aus Rom. Der Exorzismus dagegen würde unterschieden in den Kleinen und den Großen Exorzismus (siehe Kasten).

Exorzismus ist ein Bereich, in dem Realität und Fiktion schwer zu trennen sind. Da ist beispielsweise Teilnehmerin Giulia, die angeblich besten Kontakt zu Pater Amorth hat, und so selbstverständlich von Satan und Dämonen spricht wie andere von Robben und Ribéry, von Steinmeier und Steinbrück. Nicht dass es Dämonen gibt, ist für sie die Frage. Sondern nur wo und wie viele. Oder ein alter Exorzist aus Bologna, gegen dessen Erzählungen die Heldentaten des Herkules kleine Kinderstreiche waren.

Zwischen Psychologie und ernstem Glauben

Andererseits gibt es Priester wie Don Andrea, studierter Jurist, der in einer Pause sagt: "Viele Dinge sind für mich schwer zu begreifen. Aber die Leute kommen zu mir. Deshalb muss ich zumindest Bescheid wissen, um was es geht und was meine Kirche dazu sagt." Und es sitzen im Plenum Menschen wie der spanische Psychiater Miguel, der gelegentlich für die spanische Bischofskonferenz arbeitet und viel über den Unterschied zwischen Besessenheit und Psychose, über Satan und Neurose wissen will.

Für Fragensteller wie ihn haben alle Dozenten eine gleiche Antwort parat, die auf Deutsch im Katechismus wörtlich so formuliert ist: "Der feierliche, sogenannte Große Exorzismus darf nur von einem Priester und nur mit Erlaubnis des Bischofs vorgenommen werden. Man muss dabei klug vorgehen und sich streng an die von der Kirche aufgestellten Regeln halten. Der Exorzismus dient dazu, Dämonen auszutreiben oder vom Einfluss von Dämonen zu befreien und zwar kraft der geistigen Autorität, die Jesus seiner Kirche anvertraut hat. Etwas ganz anderes sind Krankheiten, vor allem psychischer Art; solche zu behandeln ist Sache der ärztlichen Heilkunde. Folglich ist es wichtig, dass man, bevor man einen Exorzismus feiert, sich Gewissheit darüber verschafft, dass es sich wirklich um die Gegenwart des bösen Feindes und nicht um eine Krankheit handelt."

Nach dem Ende des Kurses stehen die Teilnehmer noch beieinander und unterhalten sich. Immer wieder bleibt die Erinnerung bei zwei Szenen hängen. Zum einen, als sich Psychiater Miguel zu Wort gemeldet und gesagt hat: "Ich war bereits bei mehreren Exorzismen anwesend. Ich muss ehrlich gestehen, ich habe nie etwas gesehen, was nicht auch eine psychische oder physische Krankheit hätte sein können."

Zum anderen, als Pater Francois Dermine Bibelstellen über Dämonen und Exorzismus aufgezählt und schließlich diese vier Sätze gesagt hat: "Das Wort Gottes sagt uns, dass es das Dämonische gibt. Wenn wir das nicht glauben, ist das eine gewisse Art von Häresie. Selbst wenn wir 99 Prozent glauben und nur ein Prozent nicht, zeigen wir, dass wir keinen Glauben haben. Dann sind wir Häretiker."

Von Simon Biallowons

Exorzimus

Es gibt den Großen und den Kleinen Exorzismus. Zum Kleinen Exorzismus zählt beispielsweise die Taufe, der Große darf nur von Priestern vorgenommen werden, die von ihrem zuständigen Ordinarius, meistens der Ortsbischof, beauftragt wurden. Das wurde 1999, als die Vorschriften und Formeln von 1614 präzisiert und überarbeitet wurden, als verbindlich festgelegt. Ebenfalls obligatorisch ist, dass bei einem Exorzismus ein Mediziner und ein Psychologe anwesend sind und ihre Expertisen abgeben. In Deutschland wird offiziell kein Großer Exorzismus vollzogen, obwohl es immer wieder Berichte über Exorzisten gab, die von offizieller Stelle nicht dementiert wurden. Im Katechismus finden sich denn auch einschlägige Bestimmungen zum Exorzismus (siehe Artikel). Die meisten Formeln sind auf lateinisch im "Rituale Romanum" enthalten.

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