"Die Geister brauchen Blut"

Aberglauben, Hexendoktoren und Menschenopfer - diese Phänomene werden oft mit westafrikanischem Voodoo in Verbindung gebracht. Nun gibt es auch in Uganda immer häufiger Ritualmorde an Kindern. Geschäftsleute glauben, dass Blutopfer ihnen florierende Unternehmen garantieren.

Kriminalität | Kampala - 09.04.2013

Aberglauben, Hexendoktoren und Menschenopfer - diese Phänomene werden oft mit westafrikanischem Voodoo in Verbindung gebracht. Nun gibt es auch in Uganda immer häufiger Ritualmorde an Kindern. Geschäftsleute glauben, dass Blutopfer ihnen florierende Unternehmen garantieren.

Die kleine Sylvia Ssuubi bewachte das Vieh ihrer Familie in Zentral-Uganda, als die Täter kamen. Zuerst wusste niemand, was ihr an jenem schrecklichen 25. Februar 2013 zugestoßen war. Als ihr lebloser Körper gefunden wurde, hatte er keine Genitalien mehr. Wenige Tage später war dann klar: Die Zehnjährige wurde Opfer eines Ritualmordes. Drei Verdächtige sitzen mittlerweile in Haft, darunter eine Frau und ein traditioneller Heiler. Die Anklage lautet auf Mord. Fast zur gleichen Zeit wurde ein Junge im Südwesten des Landes getötet. Ihm wurde die Zunge abgetrennt.

Verstümmelung soll finanziellen Erfolg von Geschäftsleuten garantieren

Im ostafrikanischen Uganda geht die Angst um. Eltern fürchten, dass auch ihre Kinder entführt und geopfert werden könnten. "Menschenopfer sind früher nicht Teil unserer Kultur gewesen", sagt der Hexendoktor Lawrence Kasamba. "Aber jetzt kommen immer mehr Leute, die mich darum bitten, ihnen Körperteile von Kindern zu besorgen."

Eigentlich stammt die Tradition der Menschenopfer aus Westafrika. Ihr Ursprung wird im Voodoo-Kult vermutet. Angeblich soll die Opferung und Verstümmelung von Kindern nun zum finanziellen Erfolg von Geschäftsleuten beitragen. Erst vor vier Jahren war ein reicher Unternehmer aus Ugandas Hauptstadt Kampala festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er Körperteile eines kleinen Jungen als Opfergabe auf seinem Baugrundstück begraben hatte.

Der Hexendoktor Lawrence Kasamba in Kiremba (Zentraluganda).
Der Hexendoktor Lawrence Kasamba in Kiremba (Zentraluganda). In Uganda gibt es immer häufiger Ritualmorde an Kindern.
 dpa

"Bis vor wenigen Jahren wurden hauptsächlich Vögel und kleine Tiere rituell getötet", erklärt Innocent Kamay, ein Soziologie-Dozent an der Makerere-Universität in Kampala. "Aber jetzt wollen ugandische Geschäftsmänner vor ihrem nächsten Großprojekt eine Art 'Blut-Versicherung' für den Erfolg ihres Unternehmens."

Auch "Opferung" eigener Kinder kommt vor

Eine zentrale Rolle bei den grausamen Morden spielen die afrikanischen Medizinmänner, die Zauberer, die Hexenmeister. Die Geschäftsmänner selbst machen sich ihre Hände meist nicht schmutzig, sie geben lediglich den Auftrag zum rituellen Töten. "Die Unternehmer kommen mit viel Geld zu mir, aber ich jage sie immer davon", erzählt der 42-jährige Hexendoktor Kasamba und fügt hinzu: "Manche Heiler fordern die Leute auf, ihre eigenen Kinder zu bringen, um sie abzuschrecken. Aber das wirkt nicht, sie kommen tatsächlich mit ihren Söhnen und Töchtern zurück."

Im Mai 2011 etwa brachte ein Mann seinen zwölfjährigen Neffen im Bezirk Mukono zu einem Heiler und ließ ihn dort töten. "Die Geister brauchen Blut, um Macht zu haben", sagte er später.

Entnahme der Körperteile bei lebendigem Leib

Besonders begehrt sind neben Zunge und Genitalien auch Blut, Herz, Augen, Gehirn und Leber. Einem erschreckenden Bericht der Kinderrechtsorganisation HumaneAfrica zufolge, die das Phänomen in Uganda untersucht hat, leben die jungen Opfer meist noch, wenn ihnen Körperteile entfernt werden.

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Mitglieder der Organisation hatten zwischen Juni und September 2012 in 25 ugandischen Gemeinden Untersuchungen durchgeführt und Zeugenaussagen gesammelt. Der daraus entstandene 59 Seiten lange Report des Briten Simon Fellows mit dem Titel "Menschenopfer und Verstümmelung von Kindern in Uganda" stellt fest, dass die Zahl der Ritualmorde seit 2005 stetig zugenommen hat. Mittlerweile werde fast jede Woche mindestens ein Kind geopfert. Auch in Südafrika und Mosambik gibt es ähnliche Beobachtungen.

Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen sei zwischen drei und 18 Jahren alt, heißt es im Bericht weiter. Jedoch gab es auch schon Fälle, wo Hochschwangere angegriffen wurden. Zaubermeister entfernten den Fötus und verstümmelten ihn.

Narben schützen die Kinder - Regierung und Polizei eher nicht

Was also tun, um die Kinder zu schützen? Dem gängigen Aberglauben zufolge wirkt die Hexerei nicht, wenn die Kinder Narben haben - also bereits Blut vergossen wurde. "Wir stechen den Mädchen schon in ganz jungem Alter Ohrlöcher und beschneiden die Jungen", sagt die 24-jährige Agnes Matovu. Auch ihre neunjährige Tochter trägt schon seit dem Krabbelalter Ohrringe. "Vor drei Jahren wurde der Sohn meiner Schwester entführt, aber die Mörder haben ihn gehen lassen, als sie sahen, dass er beschnitten war", berichtet Matovu.

Regierung und Polizei versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen. "Wir verfolgen jeden einzelnen Fall", beteuert Polizeisprecher Vincent Sekate. HumaneAfrica sieht das anders und berichtet, dass zwischen Juni und September 2012 nur vier Ritualmorde offiziell untersucht wurden - obwohl die Organisation im gleichen Zeitraum Zeugen für rund 20 Menschenopfer gefunden hatte. "Das lässt Zweifel an der Genauigkeit der Polizeiberichte aufkommen", warnt die Gruppe.

Von Henry Wasswa und Carola Frentzen (dpa)

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