Domspatzen: Bistum Regensburg räumt Fehler ein

Mindestens 547 Opfer von Übergriffen hat es in den vergangenen Jahrzehnten bei den Regensburger Domspatzen gegeben. Das Bistum bittet nun um Entschuldigung und spricht von Versäumnissen.

Missbrauch | Regensburg - 18.07.2017

Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs hat Versäumnisse bei der Aufklärung und Aufarbeitung von Übergriffen bei den Domspatzen eingeräumt. "Wir haben alle Fehler gemacht, viel gelernt und sehen heute, dass wir früher manches hätten besser machen können", sagte Fuchs (Bild oben) am Dienstag in Regensburg. Das Thema sei 2010 "nach bestem Wissen und Gewissen" angegangen worden, was aber "in vielem auch mangelhaft" gewesen sei. Daher habe das Verfahren weiterentwickelt werden müssen.

Zuvor hatte der vom Bistum beauftragte unabhängige Sonderermittler Ulrich Weber seinen Abschlussbericht zur Aufarbeitung der Missbrauchsfällle vorgestellt. Darin beziffert der Rechtsanwalt die Zahl der "hoch plausiblen" Opfer auf 547. Gleichzeitig sagte er aber auch, er gehe weiter von einer Dunkelziffer in Höhe von rund 700 Opfern aus. Schwerpunktmäßig haben sich die Taten laut Bericht in den 1960er und 1970er Jahren ereignet. Bis 1992 sei durchgängig von körperlicher Gewalt berichtet worden.

Kardinal Müller erleichtert über Fortschritte

Auf Nachfragen sagte Fuchs, auch der anfangs als Bischof von Regensburg verantwortliche heutige Kardinal Gerhard Ludwig Müller teile diese Einschätzung. Müller sei erleichtert über die inzwischen erzielten Fortschritte. Das gelte auch für seinen Nachfolger, Bischof Rudolf Voderholzer, dem die Berichte der Opfer sehr nahe gingen. Das Bistum könne stellvertretend für die Täter die Opfer nur um Entschuldigung bitten, über die Annahme müsse jeder Betroffene selbst entscheiden.

Den Medien attestierte der Generalvikar einen "wichtigen Anteil" an der Aufklärung und Aufarbeitung. Insbesondere durch die "gute Begleitung" der in den vergangenen zwei Jahren eingeleiteten Schritte sei das "Glaubwürdigkeitsproblem" des Bistums überwunden worden und neues Vertrauen entstanden.

Georg Ratzinger ist der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI.
Georg Ratzinger, der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., war von 1964 bis 1994 als Domkapellmeister Leiter des weltberühmten Chors.
 KNA

Der frühere Domkapellmeister Georg Ratzinger (93) nimmt nach Auskunft des Generalvikars "großen Anteil" an der Aufarbeitung. Fuchs erinnerte auch daran, dass Ratzinger selbst Ohrfeigen ausgeteilt und dies später bedauert habe. Er habe das Ausmaß der Gewalt an der Domspatzen-Vorschule falsch eingeschätzt und die Opfer in einem Interview öffentlich um Entschuldigung gebeten. "Ich habe keinen Hinweis, dass er diese Sicht geändert hätte."

Domkapellmeister: Qualität - aber nicht um jeden Preis

Der amtierende Domkapellmeister Roland Büchner sagte, ihm gehe es mit den Vorfällen, die er scharf verurteile, "nicht besonders gut". Auch er müsse darauf achten, dass die Qualität des Chores stimme, "aber nicht um jeden Preis", sagte er mit Blick auf früher vollzogene Strafen. Heute gingen die Domspatzen singend aus der Probe "und nicht heulend oder traurig".

Der Direktor des Domspatzen-Gymnasiums, Berthold Wahl, sagte, in den vergangenen Jahren sei die Schülerzahl "spürbar zurückgegangen". Dies hänge auch mit der Thematik der Übergriffe zusammen. So hätten die letzten drei Abiturjahrgänge durch neue Schüler nicht kompensiert werden können. Inzwischen stabilisierten sich die Zahlen aber wieder. (bod/KNA)

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