Ein besonderer Ort am See Genezareth

Der See Genezareth ist nicht nur ein Ziel für Pilger. Denn in Tabgha am nordwestlichen Seeufer haben die Benediktiner einen besonderen Ort geschaffen - für junge Menschen mit und ohne Behinderung.

Israel | Tabgha - 04.11.2017

Lachen und Kreischen dringen durch den Garten des Beit Noah. "Unsere Gäste teilen den Garten mit dem Pool, die Ruhe und den Frieden von Tabgha miteinander", werben die deutschsprachigen Benediktiner im Heiligen Land für ihre internationale Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte am Nordwestufer des Sees Genezareth. An diesem warmen Herbsttag ist es eine Gruppe der Behindertenorganisation "Elwyn El Quds" aus Ostjerusalem, die ausgelassen im 25 Grad warmen Quellwasser des Pools planscht. Wo Ruhe ist, muss nicht zwingend auch Stille herrschen.

5.000 Menschen hat Jesus der Überlieferung nach in Tabgha mit zwei Fischen und fünf Broten versorgt. Ganz so weit reichen die Kapazitäten von Beit Noah nicht. Zusammengerechnet 80 Betten bieten das Haupthaus, die kleineren Häuschen und die im Sommer genutzten Großraumzelte. Gemeinsam genutzt werden neben der Küche auch Grillplatz, Pool und Minigolfanlage - sowie demnächst der einzigartige behindertengerechte Spielplatz, auf dessen offizielle Abnahme das Beit Noah in diesen Tagen wartet.

Kleine Dinge machen den Aufenthalt besonders

Den Behinderten aus Ostjerusalem fehlt der Spielplatz nicht. Das morgendliche Sportprogramm haben ihre Betreuer in den Schatten der Gebetsstätte "Solitudo" gelegt. Wo später am Tag Pilgergruppen Liturgie feiern oder in andächtiger Stille innehalten werden, kreisen kurz nach Sonnenaufgang noch Hüften im Rahmen dessen, was die Behinderung als Bewegungsspielraum zulässt. Arme werden gebeugt, Gelenke gestreckt. Wer kann, läuft auf der Stelle. Rollstuhlfahrer drehen mit strahlenden Gesichtern den Kopf.

Es sind die kleinen Dinge, die den Aufenthalt in Tabgha für Tamador besonders machen. "Das Singen der Vögel", die in der Abgeschiedenheit des Gartens so viel besser zu hören sind als im lauten Jerusalem. Liebevoll hält die 21-Jährige ihren kleinen Bruder, der im Rollstuhl auf ihrem Schoß sitzt. "Mußestunden mit meiner Mutter und meinem Bruder", sagt Tamador und lächelt. Muse statt Muße ist der Garten von Tabgha für Haula. "Wenn ich zurück in Jerusalem bin, will ich malen, was ich hier gesehen habe." Vor allem die Ruhe hat es der 40-jährigen Erstbesucherin angetan, "fantastisch" sei sie im Vergleich zu dem Buslärm in Jerusalem.

Tamador sitzt im Rollstuhl. Gemeinsam mit ihrer Betreuerin und ihrem kleinen Bruder besucht sie den Park der Begegnungsstätte Beit Noah am Kloster Tabgha.
 KNA/Corinna Kern

Für viele Einrichtungen wie Elwyn ist Tabgha längst zum Bestandteil der regelmäßigen Jahresplanung geworden. "Mindestens einmal im Jahr" kommt Physiotherapeut Mahmoud Munayir mit seinen Gruppen. "Manchmal waren es wohl drei Monate pro Jahr", sagt Hayat Muslah, der seit 1992 nach Tabgha kommt. In der Gruppe ist nicht nur Muslahs 36-jähriger Sohn Mohammed. Der Ostjerusalemer ist zugleich Präsident des Elternkomitees von Elwyn.

Die Zahl der Sonderschulen in Ostjerusalem hat sich in den vergangenen Jahren beinahe verdoppelt, sagt der Pädagogische Leiter der Stätte, Paul Nordhausen. Er freut sich über die Bewusstseinsänderung gegenüber Menschen mit Behinderung. Das Interesse an der Begegnungsstätte wächst mit dem Ausbau der Behindertenarbeit in der arabischen Gesellschaft - und gleichzeitig wachsen die Qualitätsansprüche. Für die Stätte am See Genezareth liegt hier nach Worten ihres Leiters eine Herausforderung für die kommenden Jahre: Schon jetzt werde es schwieriger, Gruppen zu finden, die sich auf die Übernachtung im Zelt einließen. Ideen für die Weiterentwicklung gibt es schon, konkrete Pläne noch nicht.

Begegnung am kleinsten gemeinsamen Nenner

Behindertengruppen wie Elwyn haben Vorrang im Beit Noah, "weil sie marginalisiert werden und es nur wenige Orte für sie gibt", sagt Nordhausen. Trotzdem soll der Ort offen sein für möglichst viele verschiedene Menschen, "um Diversität sicherzustellen" und Begegnung "am kleinsten gemeinsamen Nenner" zu ermöglichen. Juden, Christen oder Muslime, Israelis, Palästinenser oder Ausländer, behindert oder nicht: Wer nach Tabgha kommt, ist in erster Linie Mensch. Der Nahost-Konflikt, so der deutsche Sonderpädagoge, soll draußen bleiben: "Das hier ist kein politischer Ort; es geht nicht darum, eine Lösung für den Konflikt zu finden, wie es der Begriff 'Begegnungsstätte' ja auch implizieren könnte."

Das Geheimnis von Beit Noah: Nordhausen redet vom Teilen und der "Achse der Begegnung". Gemeint ist es ganz praktisch: die Küche, das Wasser, den Garten. Viele freie Flächen der Begegnungsstätte wurden in den vergangenen Jahren zu Gemeinschaftsorten ausgebaut. "Wir wollen möglichst viele Orte auf dem Gelände schaffen, die auf unaufgeregte Weise gemeinsam genutzt werden." Mit diesen Orten steigen die Chancen auf Begegnung - weil die Besuchergruppen die Orte gemeinsam nutzen oder sich wenigstens über die Nutzung absprechen müssen. Für den Deutschen, der das Beit Noah seit sieben Jahren leitet, ist dies ein wünschenswertes Sinnbild für das Land: "Es geht darum, friedlich nebeneinander sein zu können und zu teilen, was geteilt werden muss."

Von Andrea Krogmann (KNA)

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