Ein Haus will provozieren

Das Kolumba-Museum in Köln ist katholisch, erzkatholisch sogar. Es umfasst sozusagen alles: das Alte, das Neue, das Schöne, das Hässliche, Dinge, die ihren festen Platz haben, Dinge, die immer ausgetauscht werden, das Dekorative, das Aufwühlende, den Glauben, den Zweifel – das alles gehört in diesem Gebäude zusammen.

Kunst | Köln - 12.05.2013

Das Kolumba-Museum in Köln ist katholisch, erzkatholisch sogar. Es umfasst sozusagen alles: das Alte, das Neue, das Schöne, das Hässliche, Dinge, die ihren festen Platz haben, Dinge, die immer ausgetauscht werden, das Dekorative, das Aufwühlende, den Glauben, den Zweifel – das alles gehört in diesem Gebäude zusammen.

Kunst müsse die entscheidenden Fragen stellen, dürfe radikal sein und könne Menschen angreifen – gerade in ihrem Glauben, sagt Stefan Kraus, der Direktor des Kunstmuseums des Erzbistums Köln. Er ist Kunsthistoriker, kein Theologe. "Wenn man die Geschichte der christlichen Kunst ernst nimmt, erkennt man, dass es immer Anliegen der Kunst war, zum Nachdenken aufzufordern und sicherlich auch zu irritieren - und aus der Irritation heraus die Vertiefung des Glaubens zu erreichen."

Jahrtausende alte Moderne

Kraus sitzt in einem gediegenen Büro im vierten Stock – schwarzer Schreibtisch, schwarze Sessel, schwarzes Bücherregal mit silbernen Stützen und viel Licht. Der Museumsbau ist Sinnbild der Kirche von heute: Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat ihn 2007 eingeweiht; seine Fundamente sind über ein Jahrtausend alt. Die romanische Kirche St. Kolumba, einst Zentrum einer florierenden Gemeinde, wurde im 8. Jahrhundert errichtet, immer wieder erweitert und erneuert und bei der Bombardierung Kölns während des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Auf dieses Trümmerfeld hat der Schweizer Architekt Peter Zumthor das 43 Millionen Euro teure Haus errichtet, das seitdem einen Architekturpreis nach dem anderen abgeräumt hat.

Kunst kann und soll durchaus schockieren; zumindest, wenn es nach den Kuratoren des Kölner Diözsanmuseums "Kolumba" geht. Das Stück "Meatpeaces with Butterflies" des Amerikaners Paul Thek schafft das ganz gut.
 Michael Richmann

Kolumba will Brücken bauen: "Kunst ist Liturgie", hat Paul Thek gesagt. Der 1933 im New-Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Künstler spielte damit auf die Symbolik der Kunst an, die nur Sinn mache, wenn sie in ihrem Kontext verstanden werde. "Liturgie ist Kunst", sagt Stefan Kraus. Und spielt damit auf die hochsymbolischen Bräuche und Zeremonien an, die dem Glauben und der Religion ein Gesicht geben, das seit 2000 Jahren Gültigkeit hat und immer wieder im Detail verändert wurde.

Kolumba sei der Versuch, christliche Werte und die Traditionen der kirchlichen Kunst in die Moderne zu überführen. "Kunst ist Liturgie" ist auch der Titel der Ausstellung , die seit September vergangenen Jahres in Vorbereitung auf den Eucharistischen Kongress gezeigt wird. "Das Verhältnis von Kunst und Kirche, das ja immer wieder diskutiert und – wie ich finde oft zu Unrecht – problematisiert wird, betrifft ja eigentlich das Verhältnis von Kunst zur Liturgie", meint Kraus.

Kunst mit Konfliktpotenzial

Es gehört zum Konzept des Museums, dass moderne und zeitgenössische Kunst immer wieder in Beziehung zu Werken älterer Tage gesetzt wird. Doch gerade moderne, provozierende Werke werden von manchen eher konservativen Katholiken lautstark abgelehnt. Das birgt viel Konfliktpotenzial, weiß auch Stefan Kraus: "Wenn Kirche sich mit Kunst beschäftigt, muss klar sein, dass Kunst eine Reibungsfläche ist. Wir können nicht das liebe Jesulein aufführen, und unseren Glauben, der schon spektakulär ist und der in vielen Punkten radikal ist, damit verharmlosen. Stattdessen wollen wir zeigen, dass wir über die Jahrhunderte hinweg in unserer Sammlung immer wieder mit ganz überraschenden und uns eigentlich auch bis heute angreifenden Bildentwürfen konfrontiert sind, die unserem Glauben ausdrücken."

Christliche Kunst war auch im Mittelalter nichts für zarte Gemüter. Wie dieses Fragment eines Kruzfixes im Kölner Diözesanmuseum "Kolumba" sind viele Werke darauf angelegt, das Leiden Jesu in aller seiner Brutalität in Bilder zu fassen.
 Michael Richmann

Kraus ärgere sich nur, wenn Menschen, die sich von der Kunst in seinem Museum angegriffen fühlen, die kirchlichen Hierarchien bemühen: "Die schreiben dann dem Kardinal, und ich muss dann dazu Stellung nehmen. Zeit, die ich viel lieber investiert hätte, um mit dem Menschen selbst in Kontakt zu treten." Denn über Kunst kann und müsse man sich streiten – auch mit dem Kardinal: "Ich bin ziemlich sicher, dass wir in der Sammlung und in der Ausstellung Dinge haben, die seinem persönlichen Geschmack nicht unbedingt entsprechen. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass dieses Haus, was die Inhalte betrifft, ganz nah am Träger ist."

Angriff und Bestätigung

Seitdem Joachim Meisner im September 2009 mit Blick auf das neue Domfenster des Künstlers Gerhard Richter gesagt hat, dass Kultur entarte, so sie denn vom Kultus, also der Gottesverehrung, abgekoppelt wird, haftet dem Kölner Kardinal das Etikett an, kein Freund moderner Kunst zu sein. Dem widerspricht Kraus vehement: "Da wurde viel aufgebauscht. Ich glaube, der Kardinal wollte damit die feste Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass da noch etwas anderes ist, dass uns wirklich wichtig ist – nicht nur das rein Faktische, das Effiziente und das Ökonomische – sondern, dass wir aufgehoben sind in einer Mitte. Und diese Mitte ist für uns Katholiken Christus." Er betont, dass es Meisner war, der Kolumba maßgeblich vorangetrieben habe: "Es ist das Haus des Erzbistums Köln, und es ist das Verdienst des Kardinals, dass er dieses Haus auch gegen Widerstände mitgetragen hat."

Kraus ist fest davon überzeugt, "das Kunst, wenn sie ernsthaft Qualität entwickelt, sich immer so radikal mit der Existenz des Menschen beschäftigt, dass sie in jedem Fall von der Kirche mitgetragen werden kann." Kunst, die den Menschen nur ihr eigenes Weltbild bestätige, verkomme zur Dekoration.

Denn der Zweifel sei zu einem großen Teil Voraussetzung für den Glauben. "Kontraste bestimmen die Wahrnehmung; und ohne das Hässliche wäre das Schöne gar nicht denkbar. Ich denke jedoch, dass unsere Ausstellungen, bei allem was sie an Irritation bieten, auch immer wieder Flächen der Heilung und des Ausgleichs und der Bestätigung bereithalten."

Von Michael Richmann

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