Ein Kämpfer für die Versöhnung

Junge Erwachsene aus aller Welt pilgern jedes Jahr auf einen kleinen Hügel im Burgund. Roger Schutz hat dort vor 75 Jahren die Gemeinschaft von Taizé gegründet - und damit das Leben tausender Menschen verändert. Im August vor zehn Jahren wurde er während des Abendgebets ermordet. Am 12. Mai wäre er hundert Jahre alt geworden.

Taizé | Taizé - 12.05.2015

Junge Erwachsene aus aller Welt pilgern jedes Jahr auf einen kleinen Hügel im Burgund. Roger Schutz hat dort vor 75 Jahren die ökumenische Brüdergemeinschaft von Taizé gegründet - und damit das Leben tausender Menschen verändert. Im August vor zehn Jahren wurde er während des Abendgebets ermordet. Heute, am 12. Mai, wäre er hundert Jahre alt geworden.

Alles beginnt an einem heißen Sommertag mitten im Krieg. In einem kleinen Dorf im Burgund scheint die Sonne auf die grünen Felder. Schwalben zeichnen Kreise in den wolkenlosen Himmel. Die Bäume duften noch nach Lindenblüten und Kirschen. Es ist der 21. August 1940. Ein junger Theologiestudent aus der Schweiz biegt mit dem Fahrrad in einen Feldweg ein. Die Mittagssonne brennt. Fest in die Pedale muss er treten, als er den Hügel hochfährt, auf dem die Ortschaft Taizé liegt. Damals weiß er noch nicht, dass dieser Weg sein eigenes Leben und das vieler anderer Menschen für immer verändern wird. 25 Jahre alt ist er, sein Name ist Roger Schutz.

Ausgerechnet in diese verlassene Gegend, dieses Dorf voller alter Menschen, werden einmal Jugendliche aus aller Welt pilgern. Zu Tausenden. Jede Woche. Ausgerechnet einige Kilometer entfernt in Cluny, einem der einflussreichsten religiösen Zentren des Mittelalters, hatte Roger Schutz eine Anzeige gelesen: Ein Herrenhaus stand in Taizé zum Verkauf. Es schien ihm das ärmste Dorf der ganzen Gegend zu sein. Darin sah er ein Zeichen: "Wenn die Dinge zu leicht sind, können wir nichts neues erschaffen."

Jugendliche bei der "Nacht der Lichter" in Taizé.
 KNA

Eine Gemeinschaft monastischen Lebens

Roger Schutz kam als jüngstes von neun Geschwistern in der Schweiz zur Welt. Der Vater war reformierter Pfarrer, die Mutter stammte aus Burgund. Schutz studiert Evangelische Theologie in Lausanne und Straßburg. Doch er wollte etwas anderes aus seinem Leben machen. Als Jugendlicher war er schwer an Lungentuberkulose erkrankt, konnte die Schule nicht mehr besuchen. Er unternahm lange Spaziergänge, war viel allein und dachte nach.

Zum ersten Mal kam damals dieser Gedanke auf, der sich mit den Jahren immer mehr verdichtete und schließlich in Taizé greifbar und lebendig wurde: der Versuch einer Gemeinschaft monastischen Lebens. Ein Zeichen der Versöhnung zwischen den getrennten Christen verschiedener Konfessionen sollte sie sein. Roger Schutz suchte seit einiger Zeit schon ein Haus für eine solche Gemeinschaft des Gebets. Als er dann in Taizé ankam, lud ihn eine alte Frau zum Mittagsessen ein. "Wählen Sie das alte, verlassene Herrenhaus hier", sagte sie zu ihm. "Wir sind so einsam." Er kaufte das Haus, versteckte dort in den ersten Jahren Flüchtlinge, besonders Juden. Später kümmerte er sich um Kriegswaisen und deutsche Kriegsgefangene. Erst allein, dann mit Hilfe seiner Schwester und einiger Freunde.

Die Idee gemeinschaftlichen Lebens nahm in diesen Jahren Fleisch an: aus Roger Schutz wurde Frère Roger. 1949 legten die ersten sieben Brüder die klassischen Ordensgelübde ab. In Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam wollten sie leben, als ein Zeichen des Evangeliums. Das Evangelium konnte laut Frère Roger nur in Gemeinschaft gelebt werden. Die Brüder beschließen damals, in Einfachheit ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten: einige arbeiten in der Töpferei oder auf dem Feld, andere als Theologen, Ärzte, Architekten, schreiben Bücher, komponieren Musik oder malen Bilder.

Faszinierende Ausstrahlung

Frère Roger fährt in die Elendsgebiete der Welt, zu den Ärmsten der Armen. Er gründet kleine Fraternitäten, unter anderem in Brasilien, Bangladesch und Kenia. Dort will er Zeichen der Versöhnung setzen. Versöhnung ist das Motiv, das sich durch sein ganzes Leben hindurchziehen wird.

Als ich 2004 mein Abitur machte, war ich auf der Suche nach einem solchen Ort. Nach Menschen, denen die Entzweiungen und Konflikte in der Welt nicht gleichgültig sind. Die danach trachten, selbst ein Zeichen der Versöhnung in der Gebrochenheit des Lebens zu sein. Frère Roger ist für mich so ein Mensch geworden. Ich kam nach Taizé. Und blieb ein halbes Jahr. Ich lebte eine intensive Zeit des Gebets, der Arbeit und Gemeinschaft, schloss Freundschaften, die bis heute währen.

Dreimal am Tag sah ich Frère Roger im Gebet. Seine Ausstrahlung, seine Wirkung auf andere, haben mich von Anfang an fasziniert. Gerade weil er nicht die typische charismatische Gründerfigur war. Seine Größe zeigte sich in den kleinen Gesten, in einem Lächeln oder einer Handbewegung. In seiner Einfachheit und Sanftheit nahm er die ganze Kirche für sich ein, wenn er sie betrat. Kam ein Bruder nach längerer Reise zurück, begrüßte er ihn mit einer herzlichen Umarmung. Auf seinem Gesicht erschien dann ein Lächeln, das tief von innen her strahlte. Er besaß die Gabe, sich mit einer kindlichen Freude zu freuen. Sein Lebensmotto "Lieben und es mit dem Leben sagen" ließ er in jeder Geste durchscheinen.

Stichwort: Taizé

Taizé ist ein Symbol der ökumenischen Bewegung. Der Ort im Südburgund ist Sitz einer christlichen Gemeinschaft, die zum Treffpunkt für Jugendliche aus aller Welt wurde. Ihr gehören rund 100 Männer aus mehr als 25 Ländern an, die aus der evangelischen und katholischen Kirche stammen. Seit im August 1974 Zehntausende zu einem "Konzil der Jugend" zusammenkamen, veranstalten die Taizé-Brüder regelmäßig Jugendtreffen in allen Teilen der Welt. Jährlich findet zudem über Silvester in einer europäischen Großstadt ein Taizé-Treffen statt: zuletzt zum Jahreswechsel 2014/2015 in Prag. Geleitet wird die Bruderschaft von dem deutschen Katholiken Frere Alois (59). Er wurde 2005 Nachfolger des von einer psychisch kranken Frau getöteten Gründers Frere Roger (1915-2005). Der gebürtige Schweizer hatte 1944 in Taizé die Gemeinschaft gegründet, die sich Aussöhnung zwischen den Konfessionen, eine europäische Verständigung und einen einfachen Lebenswandel zum Ziel setzte. 1949 legten sieben Männer Ordensgelübde ab. Sie versprachen Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Die Gemeinschaft weihte 1962 eine "Kirche der Versöhnung" ein, die seitdem der Mittelpunkt von Taizé ist. Die Bruderschaft gründete Niederlassungen in mehreren Ländern und nahm 1969 erstmals katholische Brüder auf. Schwerpunkt der Arbeit ist neben der Ökumene die Solidarität mit den Armen und Rechtlosen in der Welt. (KNA)

Gott ist die Liebe

Kein großer Theologe wollte Frère Roger sein. Seine Botschaft klang klar und einfach. Immer wieder sprach er von Vertrauen und der Güte des Herzens. Vertrauen war für ihn selbst auch ein schwerer Kampf; er war ein Mensch, der tief im Innersten verwundet war. Gerade dadurch wirkte das, was er sagte, so echt. Als ihm im Alter die Kraft zu reden fehlte, legte er allen, die zu ihm kamen, die Hände auf. Damit sagte er mehr als mit vielen Worten. "Gott ist die Liebe", sprach aus dieser Geste. Und: Ihr könnt untereinander versöhnt sein, und in euren Herzen, mit euch selbst.

August 2005, fünf Monate nach meiner Abreise. Ich bin in Köln auf dem Weltjugendtag, als eine Welt für mich zusammenbricht: Frère Roger wird während des Abendgebets ermordet. Eine psychisch kranke Frau sticht ihm ein Messer in den Hals. Lange Zeit kann ich nicht begreifen, wie diesem Menschen des Friedens solch rohe Gewalt widerfahren konnte. Noch heute, fast zehn Jahre später, fällt mir das schwer. Doch das Leben in Taizé muss weitergehen, auch nach dem Tod seines Gründers. Das, was er der Welt hinterlassen hat, lebt weiter, in den Menschen, die sich von ihm in ihren Herzen haben berühren lassen.

Von Claudia Schwarz

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