Ein Orientierungspunkt in turbulenter Zeit

Freiheit ist das Lebensthema Joachim Gaucks. Mit pastoralem Pathos und zuweilen zorniger Einseitigkeit stritt er dafür, ihre Chance zu ergreifen. Wolfgang Thierse würdigt den scheidenden Bundespräsidenten.

Bundespräsident | Berlin - 11.02.2017

Die Bundesrepublik Deutschland hatte – im Unterschied zur Weimarer Republik – Glück mit ihren Präsidenten. Heuss, Heinemann, Scheel, Weizsäcker, Herzog, Rau, Köhler und zuletzt Gauck – eine wirklich ansehnliche Reihe überzeugender politischer Persönlichkeiten. Nach fünf Jahren verlässt nun Joachim Gauck das Schloss Bellevue. Es war seine persönliche Entscheidung, nicht erneut zu kandidieren. Eine gute Entscheidung, meine ich.

Denn die zweite Amtsperiode ist immer die schwierigere eines ohnehin schwierigen Amtes. Ohne exekutive Macht ist der Bundespräsident – als Repräsentant des Ganzen, von demokratischem Staat und demokratischer Bürgergesellschaft – mit erheblichen Erwartungen konfrontiert. Er soll es allen recht machen. Er soll Worte für alle und alles finden, im In- und Ausland sowohl richtungsweisend-kantig wie diplomatische-rücksichtsvoll reden und agieren. Er soll Mahner sein und Kümmerer auch. Der moralische Notar der Republik eben. Und ein wenig auch ein republikanischer Monarch, allerdings ohne den Glanz von Königshäusern.

Im goldenen Käfig, ringsum der kollektive Beckmesser

Der Bundespräsident ist reduziert auf das öffentliche Wort, auf symbolische Gesten, auf Akte der Zuwendung, auf Zeichen der Würdigung und des Lobes (öffentliche Kritik ist ihm nicht erlaubt). Er sitzt im goldenen Käfig und ringsum sitzt der kollektive Beckmesser, sitzen die Meinungsmacher und das gemeine Volk und achten auf jedes seiner Worte, verteilen Zensuren, loben und tadeln. Und wirkliche Macht hat er dabei nicht. Ein schwieriges Amt. 

Joachim Gauck hat dieses Amt auf sehr überzeugende und zugleich sehr eigene Weise ausgefüllt. Und ihm damit Ansehen und Würde verliehen.

Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt die Sternsingergruppe an seiner Tür zum Schloss Bellevue.
Bundespräsident Joachim Gauck begrüßt eine Sternsingergruppe an seiner Tür zum Schloss Bellevue.
 KNA

Gegen den Widerwillen der Kanzlerin wurde er 2012 mit überwältigender Mehrheit ins Amt gewählt. Von Anfang an war er getragen von großer Sympathie der Bevölkerung, einer Sympathie, die in den fünf Jahren seiner Amtszeit niemals einen erkennbaren Einbruch erlitten hat. Das verlieh dem souveränen Mann zusätzliche Souveränität. Er konnte ganz bei sich bleiben, musste die mitgebrachten Prägungen nicht verstecken und konnte sich doch wandeln und öffnen. Er hatte eine, seine Biografie mitgebracht (und nicht bloß eine Karriere): Seine Lebenserinnerungen "Winter im Sommer – Frühling im Herbst" hatten zahlreiche Leser gefunden.

Lebensthema Freiheit

Er war schon ein populärer Mann im gemeinsamen Deutschland, bevor er Präsident wurde. Er war es gerade auch mit und wegen seiner DDR-Biografie. Die Lebensgeschichte eines Christen in der DDR, die Erfahrung von Verfolgung (seines Vaters), von Enge und Unfreiheit, von Mut und Trotz (des evangelischen Pastors im entchristlichten Milieu der Rostocker Neubauquartiere), der Aufbruch in die Friedliche Revolution 1989 (seine Reden und Predigten in der Rostocker Marienkirche), der demokratische Neuanfang in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR 1990 (wo wir uns kennenlernten), seine Tätigkeit als langjähriger Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde … – all das bestimmte sein Lebensthema: Freiheit!

Diesem Thema waren seine wichtigsten Reden gewidmet, es war die Grundmelodie seiner Auftritte, seines Wirkens. Die Chance der Freiheit zu nutzen, zu Selbstermächtigung und Selbstverantwortung zu ermutigen, darum ging es ihm immer wieder. Die Kostbarkeit, weil Verletzlichkeit der Freiheit – über sie sprach er geradezu emphatisch, mit dem Eifer eines von Diktaturerfahrungen geprägten, dem antitotalitären Konsens verpflichteten Menschen.

Er tat es mit pastoralem Pathos und gelegentlich zorniger Einseitigkeit, was manche verärgerte (denen er zu wenig von Gerechtigkeit sprach). Aber er hielt sich damit auch nicht zurück gegenüber Putin und Erdogan, in China und anderswo, was ihm die Bewunderung von vielen einbrachte. Ein vorsichtiger Diplomat musste und wollte er nicht sein. Und dass er bekennender Christ war und ist, das hat er nie versteckt und ist damit dem laizistischen, antikirchlichen Milieu gewiss auf die Nerven gegangen.

Joachim Gauck geht, nach fünf Jahren, in denen er in turbulenter Zeit ein Orientierungspunkt war. Ein störrischer Charakter, ein sehr selbstbewusster Mann, ein liebenswürdiger, den Menschen zugewandter Mensch, der seine Gefühle nicht verborgen hat. Wir haben ihm zu danken!

Der Autor

Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages.

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