Ein römisches Herbstmärchen

Auf der Familiensynode drohen das "konservative" und das "progressive" Lager die Einheit der Kirche vor eine Zerreißprobe zu stellen. Muss das so sein? Judith Klaiber plädiert für eine andere Lösung: pragmatisches Konfliktmanagement.

Familiensynode | Bonn - 01.10.2015

Vieles wurde in den vergangenen Monaten zur bevorstehenden Bischofssynode gesagt und geschrieben - von Journalisten und Theologen, von Bischöfen und organisierten Laien. Kurz vor der Synode möchten katholisch.de und "Christ & Welt" gemeinsam Stimmen zu Wort kommen lassen, die bisher kaum zu hören waren: Wir haben Theologiestudierende gefragt, was sie sich von der Synode erhoffen. Ihre Beiträge erscheinen bis zur Synode bei katholisch.de und "Christ & Welt", bei katholisch.de können die Beiträge direkt kommentiert werden (siehe unten). Zum Abschluss der Serie schreibt Judith Klaiber über ihre Erwartungen an das Bischofstreffen.

Scheinbar stehen sich auf dem Spielfeld der Familiensynode zwei unversöhnliche Mannschaften gegenüber, die von Sonntag an im Finale um den "katholischen Supercup" aufeinandertreffen. Konservative hier, Progressive dort. Ein Kompromiss zeichnet sich nicht ab. Wer spielt schon gern auf Unentschieden?

Doch wenn es so zugeht wie auf dem Fußballplatz, dann sollte die Partie wenigstens fair ausgetragen werden. Wer ist der Schiedsrichter, der auf die Einhaltung der Regeln, auf die Atmosphäre, die Gesprächskultur, die verwendete Sprache achtet und gegebenenfalls sogar Platzverweise erteilt? Wer oder was könnte zur Schiedsrichter-Assistenz am Spielfeldrand werden? Wie könnte also solch eine katholische Fairness aussehen?

Die Lebenswirklichkeit ist eine Offenbarungsquelle

Dreierlei ist hier zu beachten: Es lohnt sich für das Lehramt, die theologisch-wissenschaftliche und vor allem transdisziplinäre Forschung zu rezipieren. Die Lebenswirklichkeit ist eine Offenbarungsquelle. Und schließlich: Dem Sensus fidelium, dem sogenannten Glaubenssinn aller Gläubigen, muss eine Wahrheitsfähigkeit zugetraut werden. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in der dogmatischen Konstitution "Lumen gentium" deutlich: "Die Gesamtheit der Glaubenden kann nicht irren." Es geht darum, als aufmerksame Beobachter "draußen zu Hause zu sein" (Christian Bauer), die "innere Glaubensverfassung der Menschen zu reflektieren" (Karl Rahner) und Erfahrungen und Erlebnisse erst in einem zweiten Schritt mit dem Evangelium zu konfrontieren.

Fußballspieler kämpfen um den Ball.
Stehen sich auf dem Synoden-Spielfeld zwei Mannschaften unversöhnlich gegenüber?
 U. Gernhoefer/Fotolia.com

Spannungen aushalten, wie zum Beispiel, dass das Wort Fleisch wird und damit geschichtlich, sind zentral für den christlichen Glauben. Zudem ist das Zusammenleben von Verschiedenem konstitutiv für das Wort "katholisch". Wieso schaffen wir es dann nicht, die Diversität in alltäglichen Lebenssituationen, die auf allen Ebenen spürbar wird, auszuhalten und fruchtbar zu machen? Oder Variabilität in Alltagsgeschichten und Lebensentwürfen ausdrücklich als Bereicherung für unsere Lehre zu verstehen? Auch wenn manche dieser Entwürfe vermeintlich konträr zu kirchlichen Normvorstellungen sind, die ja selbst in einem hermeneutischen Prozess und im Dialog entstanden sind. Wieso gilt das als Bedrohung der Lehre?

Die alte Frage nach "den wahren und richtigen Traditionen" führt nicht zum Ziel. Damit lassen sich allzu leicht Rivalitäten ausspielen, oft kombiniert mit dem Versuch, der anderen Mannschaft das Katholischsein abzusprechen. Das ist eindeutig ein grobes Foulspiel. Die Synode braucht eine Art Mediator, der auf die Einhaltung bestimmter Kommunikationsregeln achtet, bevor sich eine radikalere Polarisierung eröffnet und, viel tragischer noch, sich in Form eines Schismas als absolut manifestiert.

Aussöhnung durch pragmatisches Konfliktmanagement

Hier bietet sich die Frage nach der Beziehungsebene der beteiligten Mannschaften an: Was bedeutet es, in einer Liga zu spielen, also "communio" zu sein? Es ist ein Aushalten des anderen, ein gegenseitiges Sichverstehenwollen, wirklich beim anderen sein und ein Bemühen um Versöhnung. Es gibt das katholische Prinzip und die Praxis der Konzilianz: Das heißt, unterschiedliche, vielleicht sogar widersprüchliche Interessen und Überzeugungen werden - um der Sache willen - in einem pragmatischen Konfliktmanagement aussöhnend in Einklang gebracht. Viele kirchengeschichtliche Ereignisse hätten ohne diese Konzilianz nicht verwirklicht werden können. Zudem könnte der "Kompromiss als Mittel des Ausgleiches zu einer differenzierten Konsensfindung" (József Fuisz) herangezogen werden. Dies gelingt aber nur im Dialog, in der Anerkennung der pluralen Interpretationsmöglichkeiten von Wirklichkeit und in der Bereitschaft, das "zurückzustellen, was die zu Verbindenden trennt, zugunsten dessen, was sie verbindet" (Hans Kelsen).

Themenseite: Familiensynode

Vom 4. bis 25. Oktober 2015 trifft die XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" in Rom zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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Vor allem kann es aber mithilfe von kommunikationstheoretischen Überlegungen gelingen, eine pragmatischere Einstellung gegenüber strittigen Themen einzunehmen, welche dann in handlungsleitende Haltungen übertragen werden könnte. Sprich in ganz konkrete Kompromisslösungen, mit denen Menschen tatsächlich in ihrem Alltag etwas anfangen können, ohne gleich an überhöhten Idealen zu scheitern. Wenn das Ergebnis brauchbar ist, fühlen sich die Gläubigen in ihren jeweiligen Kontexten ernst genommen und in ihrer Autonomie anerkannt. Mit John Henry Newman gesagt: Dem Gewissen kommt ein absoluter Primat zu, weil es Ausdruck der Personwürde des Menschen ist.

Hat das katholische Lehramt vielleicht seinen Sinn verloren, wenn kirchliche Normen stillschweigend durch die Vielfalt des wirklichen Lebens umspielt werden und schlichtweg nicht mehr ernst genommen werden?

Das Lehramt sollte eine handlungsleitende Orientierung bieten, die lebensdienend und nicht lebensverhindernd ist. Das könnte auch bedeuten, nicht alles en détail auszuformulieren, sondern auf die Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, immer schon auf ihr je eigenes Gewissen zu hören und dadurch die für sie passenden und verantworteten Handlungen zu vollziehen. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang, dass "Wahrheit" im Hebräischen eine Beziehungskategorie ist, also relational verwendet wird. Eine Beziehung erweist sich in Treue und Verlässlichkeit als wahr. Vielleicht erfüllt das Vertrauen auf die Fähigkeit der Menschen genau diesen Wahrheitszuspruch in Beziehungen.

13. Ordentliche Bischofssynode vom 8. bis zum 28. Oktober 2012 im Vatikan.
Damit die Familiensynode ein Erfolg wird, braucht es aus Sicht von Judith Klaiber ein umfassendes Konfliktmanagement.
 KNA

Das Konfliktmanagement auf der Synode und für die Zeit danach wird sich also nicht darin erschöpfen können, die sichtbaren und greifbaren Spannungen auszuhalten; dann könnten wir beim Status quo verharren. Es wird darum gehen, wie eine für alle Seiten gute und von beiden Lagern getragene Entspannung aussehen könnte. Als Vorschlag sei hier angedacht, Konflikte auf die Beziehungsebene zu transformieren, um so Entscheidungsfindungsprozesse voranzutreiben. Dazu scheint es zunächst nötig, einen Schritt zurückzugehen und den anderen beziehungweise das andere kennenzulernen und, viel wichtiger noch, ernst zu nehmen, dass der andere nicht weniger gläubig ist als ich selbst.

Schlägt jetzt die "Stunde der Theologie"?

Diese Kennenlernphase ist zwingend erforderlich in einer zunehmend pluralen und komplexer werdenden Gesellschaft. Innerhalb dieser Phase könnte die "Stunde der Theologie" (Stefan Orth) schlagen, insbesondere die Stunde der Pastoraltheologie. Hier geht es um das Verstehen menschlicher Praxis in Kirche und Welt. Ein zweifaches Hinhören ist notwendig: Zum einen auf das, was die Gläubigen glauben, und zum anderen, wie das Aufgefundene innerhalb der Tradition reinterpretiert werden kann.

Zeitgemäße praktisch-theologische Forschung hat die Geschichte sowie die Gegenwart - das, was hier und jetzt der Fall ist - als theologisch eigenständigen Erkenntnisort wiederentdeckt. Diese Wiederentdeckung wird in die Traditionslinie der Loci theologici gestellt: Die Loci theologici sind "Orte, an oder aus denen sich theologische Erkenntnis bildet" (Max Seckler). Nochmals stärker mit Regina Polak gesprochen: "Jede Theologie ist die nachträgliche Reflexion einer konkreten Praxiserfahrung in einer konkreten Gegenwart."

Die Autorin

Judith Klaiber (*1988) hat in Tübingen und Uppsala Katholische Theologie und Geschichte studiert. Seit 2014 arbeitet sie als Universitätsassistentin am Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien.

Judith Klaiber bei Twitter

Dieser Gedanke ist nicht revolutionär, findet er sich doch schon in der Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es wird von einem Wechselverhältnis von Kirche und Geschichte gesprochen, in welchem es heißt, "dass die Kirche sich selbst und ihre Botschaft vermittels geschichtlicher Entwicklungen authentischer zu erfassen vermag" (Peter Hünermann). Besonders deutlich wird dies in Artikel 44, in welchem die unbedingte Hilfe derjenigen erbeten und gefordert wird, die "in der Welt stehen", um so "neue Wege zur Wahrheit" aufzutun.

Grüne Karten für synodales Fair Play

Klarer kann man diese unbedingt geforderte Hilfe nicht benennen. Wenn Transformation des Überlieferten dahingehend weitergedacht wird, dass die Gegenwart das "Normative von morgen" (Roman Siebenrock) ist, dann kann auch der Glaubenssinn der Gläubigen vollkommen ernst genommen werden und die Lebensrealität eventuell sogar die Lehre verändern. So wird die Pastoral zum Maßstab für das Dogma - wie in den zitierten Dokumenten bereits prophetisch angedacht.

Ein Schiedsrichter könnte wie im italienischen Fußballverband grüne Karten für Fair Play zeigen: sei es, wenn ganz fundamentale Gesprächsregeln eingehalten werden, oder aber das Volk Gottes, mit seinem eigenen wahrheitsfähigen Sensus fidelium, in Beratungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen wird. Wünschenswert wäre eine kirchenamtliche Haltung unter den Amtsträgern, die vor allem in ihrem Verhalten zueinander, in der bischöflichen Brüderlichkeit ein Vorbild ist: Respekt vor der Position des anderen und die Bereitschaft, den Konflikt auszuhalten. Die geschwisterliche Haltung sollte dazu befähigen, dem anderen bedingungslose Anerkennung zuzusprechen. Dafür würde ich als Schiedsrichterin gerne die grüne Karte zücken, zumal diese Karte eine feine Außenwirkung auf die Zuschauertribünen hätte. Eine solche - zugegeben herausfordernde - Haltung könnte der zuletzt stark geschwundenen Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche, mit der sie sich selbst ins Abseits geschossen hat, wieder Aufschwung verleihen und der vorauseilenden Resignation gegenüber den Ergebnissen der Familiensynode einen Hoffnungsschimmer verleihen, sodass vielleicht sogar ein römisches  Herbstmärchen  zu erleben ist.

Von Judith Klaiber

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