Eine Geschichte der Ruhe

Vom Unternehmer zum Priester – ganz so leicht lässt sich die Geschichte von Peter Dyckhoff nicht erzählen. Über Umwege kam er zum geistigen Leben. Katholisch.de porträtiert den Buchautor und spricht mit ihm über die Wiedergeburt des Ruhegebets.

Theologie | Bonn - 07.09.2015

Vom Unternehmer zum Priester – das kommt schon hin und wieder vor. Aus allen Berufsgruppen gibt es Männer, die als Spätberufene umsatteln und Geistliche werden. Darum soll es in der Geschichte über Peter Dyckhoff nicht gehen. Sein später Wechsel zum Priesterberuf kam weder spontan, noch überraschend – und ist längst nicht der einzige große Einschnitt in seinem Leben. Der größte kam für ihn mit einem uralten Gebet der Wüstenväter.

Den Wunsch, Priester zu werden, hatte Dyckhoff schon als Teenager in den 50er Jahren – und geriet damit in einen familiären Konflikt: Der Vater, ein Unternehmer im westfälischen Rheine, hatte den Sohn schon "verplant", wie Dyckhoff es ausdrückt. Er begann zwar zunächst – gegen den Wunsch der Eltern – ein Theologiestudium in Frankfurt, musste das Vorhaben aber schon bald nach einem schweren Sportunfall aufgeben. In der Heimat studierte er dann als Kompromiss Psychologie.

Als Unternehmer eher "schlecht als recht"

Kurz vor dem Endexamen verunglückte sein Vater tödlich. Dyckhoff fühlte sich nun verpflichtet, die Textilfirma mit mehr als 200 Angestellten fort zu führen. Das machte der damals 28-Jährige, wie er sagt, "eher schlecht als recht". Der Druck war groß. Eine innere Leere machte sich in dem jungen Mann breit. Die Kirche wirkte auf ihn damals "so äußerlich und von Geboten durchdrungen", dass sie ihm in der Situation kein Halt war. Die Leere versuchte er stattdessen mit Alkohol zu füllen, den Druck mit Beruhigungsmitteln auszugleichen.

 Katholisches Bibelwerk

"In dieser Sackgasse hat mich das Ruhegebet gefunden und zur Umkehr gebracht", berichtet der heute 78-Jährige. Denn Dyckhoff suchte nach Lösungen, er wollte nicht erst ganz unten landen. Als ihn fernöstliche Meditationsformen nicht befriedigten, führte ihn ein Priester zum sogenannten Ruhegebet, einer frühchristlichen Meditationsform, die auf den Wüstenvater Johannes Cassian (360-435) zurückgeht (siehe auch Interview unten).

"Ich lernte zum ersten Mal, im Gebet vor Gott zu treten, ohne eine Leistung oder einen Gewissensspiegel vorlegen zu müssen", erinnert sich Dyckhoff an das Jahr 1971 zurück. In der einfachen Anrufung des Namens Jesu erfuhr er tiefe Ruhe. Schritt für Schritt veränderte sich von da an sein Leben. Nach wenigen Monaten zog ihn nichts mehr zum Alkohol, er konnte diese Angewohnheit ablegen, "wie ein Kleidungsstück, das nicht zu mir gehörte".

Krankenhausseelsorger in Südtirol

Zur körperlichen Veränderung kam eine Vertiefung des Glaubens hinzu. Durch die 20-minütigen Gebetseinheiten zweimal am Tag wurde ihm auch der Wunsch nach einem geistigen Weg wieder bewusster. Einige Jahre suchte Dyckhoff einen Geschäftsführer, lernte diesen Mann ein und stieg dann aus dem Kaufmannsgeschäft aus. 1976, mit 39 Jahren, begann er wieder ein Theologiestudium und wurde, um weit weg vom familiären Betrieb zu sein, 1981 Priester und Krankenhausseelsorger in Südtirol.

Durch den anhaltenden Kontakt mit dem Priester, der mich in das Ruhegebet eingeführt hat, konnte ich die Gebetspraxis einüben und habe nach einigen Wochen das Wunder erlebt, dass die Lust auf Alkohol komplett weg war.

Peter Dyckhoff

Dann sorgte wieder, wie während des Studiums, eine Krankheit dafür, dass Dyckhoff in die Nähe der Heimat zurückkehrte: Nach einem schweren Lungenvirus, der eine längere ärztliche Beobachtung erforderte, kam er zunächst an den Marienwallfahrtsort Kevelaer, dann ab 1985 in das Bistum Hildesheim. Hier konnte er schon bald beginnen, die Gebetsform, die ihn so verwandelt hatte, an andere weiterzugeben. Er baute das kirchliche Bildungshaus Cassian bei Hameln auf und leitete es zehn Jahre lang. Menschen kamen dorthin, um das Ruhegebet einzuüben.

Für Dyckhoff war es eine Art Lebenswerk – und als die jüngste Bildungsstätte der Diözese im Zuge von Sparmaßnahmen als erste schließen musste, litt er zunächst darunter. Bis ihm klar wurde, dass das Ruhegebet nicht nur in diesem einen Gebäude verankert ist, sondern er es auch durch Reisen, Vorträge und Bücher verbreiten kann. "In dem Moment hat Gott mir noch einmal einen Eisenring aufgeknackt und gezeigt, dass ich nicht letztlich nur da hin gehöre".

Sakramente als "Liebeswerben Gottes" um den Menschen

Seitdem lebt der Geistliche in der Stille der Natur bei Senden in seinem Heimatbistum Münster und tut eben das: beten und lehren. Und auch angesichts Meldungen über hohe Austrittszahlen und Frontenbildungen unter den aktiven Katholiken hat er Hoffnung für die Zukunft der Kirche. Diese schöpft er aus den Sakramenten, die für ihn ein Liebeswerben Gottes um den Menschen sind.

"Auf deren Empfang muss ich mich ein Stückchen auch vorbereiten, etwa durch das Ruhegebet." Dass die Suche nach einer persönlichen Gottesbeziehung viele Menschen umtreibt merkt er daran, dass seine Vorträge immer gefragter werden und sein Standardwerk "Ruhegebet" neulich in 7. Auflage erschienen ist. In seinem Haus auf dem Land und mit dieser Aufgabe scheint Dyckhoff endlich angekommen zu sein und resümiert: "Mein Leben erfüllt sich im Moment sehr stark."

Gemaltes Porträt von Cassian
Cassian machte das Ruhegebet in der Westkirche bekannt.
 privat

Hintergrund: Das Ruhegebet

Frage: Was ist das sogenannte innere Gebet, auch Ruhegebet genannt? Und wie funktioniert es?

Dyckhoff: Die Wüstenväter haben diese Form nach dem Beten Jesu entwickelt. Sie beobachteten, dass Jesus sich immer wieder zurückzog in die Einsamkeit, auch in die Innerlichkeit, dass er dem Versucher nicht nachgab, sondern auf höherer Ebene mit einem Wort Gottes antwortete und dass er sich auf dem Ölberg auf die Erde warf, also da begann, wo wir stehen. So entwickelten die Wüstenväter das Ruhegebet: sich zurückziehen, eine Anrufung Gottes auswählen, etwa den Namen Jesu oder die Bitte um Erbarmen – es gibt rund 30 Gebetswörter – und dieses Wort wiederholen im Gebet. Die Gedanken werden dann laufen gelassen, es geht nicht um Konzentration, sondern um ein Schweigen vor Gott. Es ist ein sehr einfaches Gebet, das jeder Mensch – vorausgesetzt er ist nicht psychisch krank – erlernen kann.

Frage: Sie haben durch das Ruhegebet zu Glaube und Kirche wiedergefunden. Was ist damals mit Ihnen dabei passiert?

Dyckhoff: Ich habe damals viel getrunken, war aber kein Alkoholiker, konnte das gerade noch so in den Griff bekommen. Durch den anhaltenden Kontakt mit dem Priester, der mich in das Ruhegebet eingeführt hat, konnte ich die Gebetspraxis einüben und habe nach einigen Wochen das Wunder erlebt, dass die Lust auf Alkohol komplett weg war. Ich habe eine Glaubensvertiefung erlebt und erfahren, dass die heilige Eucharistie etwas Wesentliches und Wahrhaftiges ist. Ich erlebe seitdem immer wieder – auch ganz einfach im Alltag – Dinge, bei denen ich die Existenz und Anwesenheit Gottes spüre. Und das gibt mir so ein Sicherheitsfundament, sodass mein Vertrauen in den Glauben immer wieder gestärkt wird. Auch bei anderen Menschen, die es praktizieren – darunter sind auch einige Bischöfe – staune ich über die grundlegenden Elemente, die sich in ihrem Leben, Verhalten und Glauben ändern. Da merkt man, dass Gott wirklich wandelt, wenn man das Wort Gottes pflegt.

Frage: Erlebt das Ruhegebet derzeit einen Trend oder war diese Gebetsform über Jahrhunderte nie vergessen, da sie von großen Mystikern aufgegriffen wurde?

Dyckhoff: Die Tradition des Gebetes ist einerseits fortschreitend, aber andererseits mit Brüchen: Zunächst machte Cassian, der ein Kloster in Marseille gründete, das Gebet in der Westkirche bekannt, dann wurde es von Benedikt von Nursia aufgegriffen. Seit dem 9. Jahrhundert wird es von Mönchen auf dem orthodoxen Heiligen Berg Athos praktiziert, aber verändert als Jesus- oder Herzensgebet. Dabei wird die Sitzhaltung beobachtet, die Atmung kontrolliert, wie Wiederholung von der Anrufung gezählt. All das gab es in der Urform des Ruhegebets, die ich lehre, nicht.

Die Gebetsform wurde im Westen noch einmal von den großen spanischen Mystikern wie Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila und Ignatius von Loyola aufgegriffen, geriet aber dann in Vergessenheit. Sie bringt den Menschen zu einer glaubenden Selbstständigkeit und das gefiel manchen Kirchenoberen nicht. Aber seit drei, vier Jahren scheint das Bedürfnis nach einer so einfachen, christlichen Gebetsweise so stark, dass immer mehr Menschen zu meinen Vorträgen kommen. Viele Christen suchen eine Verankerung im Glauben und Gotteserfahrung. Und das Ruhegebet ist urchristlich, noch vor der Trennung mit der Ostkirche oder mit den Kirchen der Reformation entstanden, und da wird nicht nach der Konfession oder nach Werken gefragt, sondern man nimmt den Menschen, der sich auf Christus beziehen möchte, an.

Von Agathe Lukassek

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