"Es war Liebe auf den ersten Blick"

Bevor Thomas Brüch katholisch wurde, war er evangelischer Pfarrer. Doch etwas fehlte ihm. Heute lebt der 39-Jährige als Benediktinermönch in St. Ottilien.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 03.01.2017

Frage: Bruder Thomas, hatten Sie ein schlechtes Gewissen als evangelischer Pfarrer katholisch zu werden?

Bruder Thomas Brüch: Nein, denn das war eine klare Entscheidung aus einer Glaubensüberzeugung heraus. Ich bin meiner Sehnsucht gefolgt und daher war mir klar, dass ich den anderen Weg abbrechen musste.

Frage: Wann haben Sie denn bemerkt, dass Sie katholisch werden wollen?

Bruder Thomas: Das ist nicht von heute auf morgen passiert, das war ein längerer Prozess. Ich war immer schon ein Suchender, einer, der nach Gott fragt. Gegen Ende meiner Pfarrerausbildung war ich zusammen mit anderen Vikaren auf dem Jakobsweg nach Santiago unterwegs. Für mich war diese Reise schon so etwas wie eine Probe, weil ich mir die Frage gestellt habe, bleiben oder gehen? Als ich dann auf dem Pilgerweg bei jeder Kirche Halt machte, um am katholischen Gottesdienst teilzunehmen, wusste ich, dass ich da hingehöre.

Frage: Was genau hat Sie da angezogen?

Bruder Thomas: Ganz einfach, das war die Eucharistie. Ich hatte schon im Studium bemerkt, dass in mir eine Sehnsucht nach dem Mehr da ist. Die evangelische Liturgie ist in manchen Punkten sehr wertvoll, aber der Gottesdienst ist mir immer fremder geworden. Im katholischen Gottesdienst konnte ich ankommen, niederknien und anbeten, das war wunderschön für mich. In diesen Momenten habe ich etwas Heiliges gespürt und ein Ergriffensein, das mich nicht mehr losließ.

Bruder Thomas Brüch im Porträt
Bruder Thomas Brüch ist Benediktinermönch in der Erzabtei St. Ottilien. Die Erzabtei Sankt Ottilien ist ein Kloster der Missionsbenediktiner im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech, der zur Diözese Augsburg gehört.
 Thomas Brüch

Frage: Gerade die Eucharistie ist ja ein heikler Punkt zwischen evangelischem und katholischem Verständnis...

Bruder Thomas: Wenn ich als Pfarrer das Abendmahl gefeiert habe, war in diesem Augenblick Christus da. Für mich war das nie strittig, Christus ist in Brot und Wein real präsent. Ich hatte aber auch die Gewissheit, Christus bleibt da und ich kann ihn weiterhin erkennen, er geht nicht weg. Diese Erkenntnis war dann schon mein Entwicklungsschritt zum katholischen Glauben hin.

Frage: Was war für Sie denn besonders am katholischen Gottesdienst?

Bruder Thomas: Zum einen habe ich die Gemeinschaft im Gottesdienst stärker wahrgenommen, viel stärker als in der evangelischen Kirche. Zum Beispiel beim Friedensgruß. Das war für mich ein Zeichen, dass sich hier eine Gemeinschaft versammelt. Die Gläubigen bleiben nicht einzeln in einer leeren Kirchenbank hocken, sondern rücken näher zusammen. Ich hatte das Gefühl, hier in dieser Gemeinschaft bin ich zu Hause. Ich habe begonnen, die Kirche als Familie wahrzunehmen und als meine Heimat.

Frage: Und wie kam es dann dazu, dass Sie Mönch werden wollten?

Bruder Thomas: Ein ehemaliger Studienkollege, ein evangelischer Christ, hatte mir das Benediktinerkloster Meschede empfohlen, falls ich mal eine Auszeit machen möchte. Ich habe diese Idee das ganze Studium über erst einmal aufgeschoben. Nach dem Pilgern auf dem Jakobsweg bin ich dann da einfach mal hin. Ich war beeindruckt von der Liturgie und den Gebetszeiten der Mönche. Ja, das könnte mein roter Faden sein, dachte ich damals. 

Mehrere Benediktiner singen bei einem Gottesdienst in der Klosterkirche
Das Benediktinerkloster Sankt Ottilien in Eresing.
 KNA

Frage: Haben Sie dann die Entscheidung getroffen katholisch zu werden?  

Bruder Thomas: Ja, ich war mir nun sicher, dass ich vom Herzen her katholisch bin und sein will. Es wurde eine so starke Sehnsucht, dass ich nicht mehr Nein sagen konnte. Ich habe meine Entscheidung dann auch relativ hart durchgezogen.

Frage: Was heißt relativ hart?

Bruder Thomas: Ich bin im März 2006 völlig abrupt einige Monate nach meiner Ordination aus dem Pfarrerstand und aus dem evangelischen Kirchendienst entlassen worden. Das war eine schwierige Situation für die Kirchenleitung, denn ich war als Assistent beim Landespfarrer für Diakonie in Kassel angestellt. Außerdem war ich erst Ende Oktober 2005 zum Pfarrer ordiniert worden. Da waren nur fünf Monate dazwischen. Formal bin ich dann beim Amtsgericht ausgetreten und bei einer Eucharistiefeier in die katholische Kirche aufgenommen worden.

Frage: Wie sind Sie dann nach St. Ottilien gekommen?

Bruder Thomas: Weil der Wunsch Benediktiner zu werden nach wie vor in mir da war, bin ich in das nächstbeste Benediktinerkloster eingetreten. Im Nachhinein weiß ich, das war die erste Euphorie. Ich bin schon nach kurzer Zeit von dort wieder ausgetreten, weil ich gemerkt habe, dass dies nicht der richtige Ort für mich ist. Danach war ich mehrere Jahre in München bei einer sozialen Einrichtung mit Langzeitarbeitslosen tätig. Erst 2013 bin ich über Umwege schließlich nach St. Ottilien gekommen. Mein Lebenslauf war zu dieser Zeit schon mit einigen Brüchen versehen. Und dann kam die Sehnsucht wieder. Im Internet bin ich auf die Erzabtei St. Ottilien aufmerksam geworden. Ich bin dann einfach mal hingefahren mit der S-Bahn, habe mir das Kloster angeschaut und mich in das Mittagsgebet gesetzt. Boa, das war Liebe auf den ersten Blick.

Ich habe mich bei der Aussetzung des Allerheiligsten hingekniet und gefragt: Soll ich das machen, soll ich das ausprobieren, möchtest du das Gott?

Bruder Thomas

Frage: Fiel dann gleich die Entscheidung hier einzutreten?

Bruder Thomas:  Nein, das war etwas später, aber ich weiß es noch ganz genau. Es war die Woche nach Ostern im Jahr 2013. Ich war wieder in St. Ottilien bei einem Abendgebet. Ich saß ganz hinten in der Klosterkirche. Da habe ich gespürt, dass der liebe Gott mich hierher hergerufen hat, er will, dass ich das hier ausprobiere. Ich habe mich dann bei der Aussetzung des Allerheiligsten hingekniet und gefragt: "Soll ich das machen, soll ich das ausprobieren, möchtest du das Gott?" Für mich war die Antwort deutlich. Ich habe daraufhin mit dem Erzabt Wolfgang gesprochen, der sagte nur zu mir: "Wir würden uns freuen, wenn du kommst!" So ging das dann seinen Weg. Seit August 2013 bin ich Mönch in St. Ottilien.

Frage: Sind Sie dort nun angekommen?

Bruder Thomas: Ja, ein ganz klares Ja. Ich spüre meine Berufung zum Mönchsein.

Von Madeleine Spendier

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Jedes Jahr treten zahlreiche Menschen aus der Kirche aus. Doch es geht auch anders herum. Die Themenseite bündelt Porträts über Menschen, die sich als Erwachsene für die Kirche entschieden haben oder ihren Glauben in einer besonderen Weise leben.

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