Für das zölibatäre Leben geeignet?

Der Eintritt in ein Priesterseminar oder einen Orden ist ein radikaler Schritt. Wie erkennt man, ob man dafür geeignet ist? Psychotherapeut Ruthard Ott vom Recollectio-Haus will helfen, diese Frage zu beantworten.

Kirche | Bonn/Münsterschwarzach - 10.03.2017

Es ist ein Dilemma: Die Zahl der Priesteramtskandidaten in Deutschland ist ebenso rückläufig wie die der Ordensleute. Doch es gibt sie noch: Die Männer und Frauen, die den Ruf Gottes verspüren und ihm in besonderer Weise folgen wollen. Allerdings ist der Eintritt in ein Priesterseminar oder einen Orden ein radikaler Schritt, der das gesamte Leben betrifft – und für den nicht jeder unbedingt geeignet ist.

Probleme mit körperlicher und seelischer Erschöpfung

Aber wie erkennt man das vorher? Reicht es, dieses Leben kurzzeitig auszutesten, etwa im Klosterleben auf Zeit? Im Recollectio-Haus möchte man Menschen mit einem neuen Angebot dabei helfen, genau diese Fragen zu beantworten. Die Einrichtung, die zur Abtei Münsterschwarzach gehört, hat sich bisher hauptsächlich um die gekümmert, die bereits im Dienst der Kirche standen und mit den unterschiedlichsten Problemen zu kämpfen hatten. Etwa mit körperlicher und seelischer Erschöpfung, mit spirituellen und existenziellen Fragen, aber auch mit der eigenen Sexualität.

Seit vergangenem Herbst setzt man im Recollectio-Haus einen Schritt früher an: Menschen können sich nun auch dann beraten lassen, wenn sie erst herausfinden wollen, ob die angestrebte monastische oder zölibatäre Lebensform die richtige für sie ist. "Unsere diagnostische Einschätzung soll eine Entscheidungshilfe sein", sagt der Theologe und Psychotherapeut Ruthard Ott. Er leitet das Haus seit April 2016. Das neue Angebot entstand vor allem deshalb, weil Ott zuvor viele Jahre als Pastoralpsychologe in der Priesterausbildung im Bistum Würzburg tätig war. Auch dort half er, die psychologische Reife der Kandidaten zu beurteilen.

Der promovierte Theologe Ruthard Ott ist Psychologischer Psychotherapeut und leitet das Recollectio-Haus seit April 2016.
 Recollectio

So ähnlich soll es nun auch im Recollectio-Haus ablaufen. Mit Hilfe psychologischer Tests untersuchen Ott und sein Team die Persönlichkeit der Interessenten. "Wir wollen herausfinden, wie stabil und 'ichstark', aber auch wie frustrationsfähig die Personen sind, sagt Ott. Das Angebot richtet sich dabei an Männer und Frauen gleichermaßen. In der Regel haben die schon Kontakt zu den jeweiligen Diözesen oder Orden und kommen etwa dann, wenn es Zweifel an der Eignung für einen entsprechenden Lebensweg gibt. Aber das muss nicht so sein. Theoretisch kann jeder Interessent auf eigene Faust – dann aber auch auf eigene Kosten – das Angebot wahrnehmen. Aktuell werden dafür rund 500 Euro fällig. Auch wenn die tatsächlichen Kosten dabei laut Ott nicht gedeckt werden.

Bisher haben etwa eine Hand voll Personen eine solche psychologische Einschätzung vornehmen lassen. Weitere Termine stehen aber bereits an. Und Ott glaubt, dass die Zahl derer, die sich so eine Einschätzung wünschen, noch zunehmen wird. Etwa Ordensleute, die vor ihrer ewigen Profess stehen oder angehende Priester, die noch einmal eine externe Stimme zu Rate ziehen wollen.

Drei einstündige psychologische Interviews

Insgesamt dauert diese begleitete Form der Selbstreflexion nicht länger als einen Tag. Am Anfang stehen drei jeweils rund einstündige psychologische Interviews mit drei unterschiedlichen Mitarbeitern des Recollectio-Hauses. Anschließend folgen psychologische Fragebögen, mit denen das individuelle Persönlichkeits- und psychische Gesundheitsprofil herausgearbeitet werden soll. Den Abschluss bilden die Auswertung und Dokumentation durch die Psychotherapeuten.

Wer den Schritt in die neue Lebensform wagt, sollte einen Blick in die Vergangenheit werfen und sich mit Hilfe der eigenen Biographie seine individuelle Lerngeschichte anschauen, begründen die Psychotherapeuten ihr Angebot. Was hat einen geprägt? Welche Persönlichkeitsanteile hat man im Verlaufe seines bisherigen Lebens entwickelt? Inwieweit wirken sie sich in verschiedenen Situationen förderlich oder auch hemmend auf den eigenen Entwicklungsprozess und auf die angestrebte Lebensform aus?

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"Es geht darum, einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen zu werfen", sagt Ott. Dazu gehörten Bindungs- und soziale Fähigkeiten, die Gottesbeziehung und die spirituelle Motivation, die eigenen Ressourcen und Stärken, aber eben auch ein mögliches Gefährdungspotenzial. Die Berufung sei immer auch durch menschliche Erfahrungen geprägt, so der Therapeut. "Das können sehr positive Erlebnisse sein, aber auch Verwundungen."

Kein Gutachten

Das Ziel des Teams im Recollectio-Haus ist es jedoch nicht, den Interessenten am Ende in einem schriftlichen Gutachten mit dem Siegel "geeignet" oder "nicht geeignet" abzuurteilen. "Ein Gutachten gibt es ebenfalls nicht", betont Ott. Vielmehr sei ein Gespräch mit dem Interessenten und – falls vorhanden – dem Ausbilder vorgesehen, um auf Problemfelder hinzuweisen. Wenn jemand besonders introvertiert sei oder auch ein psychisches Problem habe, sei das noch lange kein Grund, jemand aus dem Priesterseminar oder Kloster auszuschließen.

"Im Gegenteil", sagt Ott. Manchmal entwickle sich gerade aus Verwundungen – wie etwa frühen Verlusterfahrungen in der Kindheit – Sehnsüchte, die Teil einer Berufungsgeschichte werden. Das habe man mittlerweile auch in der Kirche gelernt, in der früher eher ein einfaches und defizitorientiertes Menschenbild vorgeherrscht habe. Die Ängste vor Psychotherapien seien dadurch gesunken, sagt Ott. Doch um Probleme zu bekämpfen, müsste man sie eben erst kennen. Dazu will das Recollectio-Haus seinen Beitrag leisten.

Von Björn Odendahl

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