Gegen "geistliches Alzheimer"

Erneut hat Papst Franziskus mit einer Tradition gebrochen - und eine Neuerung eingeführt. Vor seinem zweiten Weihnachtsfest in Rom schloss er an den üblichen Empfang für die Leiter der römischen Kurienbehörden erstmals auch eine Begegnung mit den niederen Angestellten des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaates an: mit den Gärtnern und Aufzugführern, mit den Referenten und Sachbearbeitern, mit den Museumswärtern und Feuerwehrleuten.

Vatikan | Vatikanstadt - 23.12.2014

Erneut hat Papst Franziskus mit einer Tradition gebrochen - und eine Neuerung eingeführt. Vor seinem zweiten Weihnachtsfest in Rom schloss er an den üblichen Empfang für die Leiter der römischen Kurienbehörden erstmals auch eine Begegnung mit den niederen Angestellten des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaates an: mit den Gärtnern und Aufzugführern, mit den Referenten und Sachbearbeitern, mit den Museumswärtern und Feuerwehrleuten.

Ihnen allen und ihren Familien dankte er mit freundlichen Worten für den Einsatz in der Kirchenzentrale und mahnte zu einer Besinnung auf das Zentrum der Weihnachtstage: die Geburt Christi. Beim Empfang für die Kurienkardinäle und -bischöfe in der ehrwürdigen Sala Clementina verzichtete Franziskus zuvor auf den üblichen kirchlichen Jahresrückblick: auf Auslandsreisen, besondere Kirchenfeste, Konsistorien oder Synoden. Vielmehr nutzte er die Rede zu einer kritischen Reflexion über Funktion und Wesen der römischen Kurie. Sie sei ein "dynamischer Körper", der trotz der unterschiedlichen kulturellen und nationalen Herkunft der Mitarbeiter effizient und diszipliniert funktionieren müsse, forderte er. Diese Arbeit müsse sich stetig - auf der Grundlage einer engen Gottesziehung - "in Gemeinschaft, Heiligkeit und Weisheit" verbessern.

Allerdings werde dieser "dynamische Körper" der Kurie auch von Krankheiten heimgesucht. 15 von ihnen listete Franziskus in seiner ungewöhnlich deutlichen Ansprache auf. Dazu gehöre die "Krankheit, sich unsterblich, immun und unverzichtbar zu fühlen"; die Krankheit eines blinden Aktionismus, der das eigentliche Ziel des pastoralen Dienstes aus den Augen verliere; oder Planungswut und geistige Verhärtung, die den Mitarbeiter mehr zu einer funktionierenden Maschine als zu einem "Mann Gottes" mache.

Der Petersplatz im Vatikan.
 Wallace/Fotolia.com

Deutliche Kritik an der Kurie

Als weitere "Krankheiten" nannte Franziskus Rivalität, Eitelkeit, Geschwätzigkeit, falsche Unterwürfigkeit, Karrieredenken, Abschottung, ungenügende Koordination mit anderen. Aber auch Gewinnstreben, theatralische Strenge, sterilen Pessimismus oder gar ein Doppelleben zählte Franziskus hinzu.

Es waren ungewöhnlich kritische Worte, die Franziskus zu diesem festlichen Anlass an seine engsten Mitarbeiter richtete. Darunter fanden sich etliche plastische Formulierungen, die er bereits in seinen täglichen Morgenmessen vorgetragen hatte. Etwa wenn er vom Gang über einen Friedhof spricht, bei dem man die Namen vieler Personen lesen könne, die sich einst "für unsterblich, immun und unverzichtbar" hielten.

Nach dem Treffen mit den Kardinälen begab sich Franziskus in die Audienzhalle, wo mehr als 1.000 weitere Mitarbeiter samt ihren Familien auf ihn warteten. Hier standen Worte der Dankbarkeit und freundliche Ermahnungen im Vordergrund. Allerdings rief der Papst auch hier zu Besinnung und Gewissenserforschung auf. Und auch hier sprach er über Wesen und Bedeutung der Kurie, zu deren gutem Funktionieren alle Mitarbeiter ihren Beitrag leisten müssten. Die Kurie sei ein "reiches Mosaik aus verschiedenen notwendigen und sich ergänzenden Bestandteilen".

Arbeit mit Demut verrichten

Alle Mitarbeiter der Kurie müssten Wert auf ihr geistliches Leben legen, auf ihre Beziehung zu Gott. Weiter sollten sie sich um ihre Familien kümmern, nicht nur mit materiellen Geschenken, sondern auch mit Zeit, Liebe und Zuwendung. Weiter sollten sie sich um ihre Mitmenschen bemühen, vor allem um die Bedürftigen und Einsamen. Ihre Arbeit sollten sie mit Engagement, Kompetenz, Demut und Enthusiasmus verrichten.

Noch mehrere Male und zu unterschiedlichen Anlässen wird sich Papst Franziskus in den kommenden Tagen an die Öffentlichkeit wenden. In seiner Weihnachtsbotschaft am Mittag des 25. Dezember dürfte er zu Frieden und Gerechtigkeit in den Krisenherden der Welt aufrufen. Und Anfang Januar wird er vor dem Diplomatischen Corps, in seiner vermutlich "politischsten" Rede des Jahres, 2014 Revue passieren lassen und seine Erwartungen an die internationale Staatengemeinschaft für das kommende Jahr vortragen.

Von Johannes Schidelko (KNA)

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