"Gründlichkeit vor Schnelligkeit"

Zu voreilig, zu wenig Fakten: Kurz nach dem Attentat von München wird über die Berichterstattung debattiert. Christian Schicha, Professor für Medienethik, sieht die Verantwortung nicht nur bei den Medien.

Medien | München/Bonn - 26.07.2016

Wenige Tage nach dem Attentat von München ist eine Debatte über die Berichterstattung der Medien und besonders die Rolle der sozialen Netzwerke entbrannt: Die Berichterstattung quasi in Echtzeit mache die Medien zu Getriebenen und gehe auf Kosten der Seriosität, so die Sorge. Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Universität Nürnberg-Erlangen.

Im Gespräch mit katholisch.de verrät er, wie er das vergangene Wochenende erlebt hat und warum er in Sachen Medienkonsum jeden selbst in der Verantwortung sieht.

Frage: Herr Schicha, wie haben Sie die Berichterstattung über München wahrgenommen?

Schicha: Ich finde die Debatte über die Rolle der Medien etwas überhitzt. Ehrlich gesagt: Ich habe mich gut informiert gefühlt. Ich habe vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender verfolgt. Da wurde doch sehr differenziert berichtet. Dem spielte auch die gute und konstruktive Arbeit der Polizeisprecher zu. Was mich aber gestört hat, waren diese Endlos-Schleifen bei den privaten Nachrichtensendern, die die immer gleichen Bilder im Minutentakt wiederholt und dann heftigst spekuliert haben. Das war nicht sehr konstruktiv. Das größte Problem waren die Sozialen Netzwerke, wo dauernd Gerüchte und falsche Vermutungen kursierten.

Frage: Was sollten die Medien beim nächsten Mal anders machen?

Schicha: Ich bin der Auffassung, dass die öffentlich-rechtlichen Sender da vorbildhaft gearbeitet haben. Andere Sender und auch Online-Medien sollten da nachziehen. Es geht darum, sich nur dann zu äußern, wenn es auch konkrete, glaubhafte Hinweise auf den jeweiligen Sachverhalt gibt. Von mehreren Tätern und Tatorten auszugehen, wenn das überhaupt nicht bewiesen ist, geht gar nicht. Da braucht es künftig mehr Zurückhaltung.

Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
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Frage: Können Sender das Dilemma zwischen Schnelligkeit und Seriosität überhaupt lösen?

Schicha: Natürlich sollte die Maxime immer lauten: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. De facto reagieren die Sender aber auf das, was in Social Media stattfindet. Aber sie haben die Möglichkeit, darauf hinzuweisen, dass sie die Bilder, die vermeintlich für sich sprechen, erst einordnen müssen. Und das geht eben nicht von jetzt auf gleich. Das war ja auch der Appell der Polizei: Veröffentlicht nicht Fotos und Clips, die womöglich den Täter noch darüber informieren, wo der Polizeieinsatz gerade stattfindet. Also letztendlich müssen die etablierten Medien mit den Bildern umgehen, sie aber kritisch einordnen, kommentieren und bewerten.

Frage: Auf der anderen Seite kommt dann aber Schelte, dass man nicht schnell genug ist…

Schicha: Damit müssen die Redaktionen leben. Und das ist in ihrem eigenen Interesse. Wer sich ausschließlich auf permanentes Ausplaudern von Verdächtigungen verlegt, schadet der Reputation des eigenen Mediums. Dennmeisten Usern ist es am Ende lieber, wenn ein Sender, eine Zeitung oder ein Online-Medium sagt: Wir haben noch keine gesicherten Informationen, wir müssen das noch zu Ende recherchieren. Verdächtigungen hinauszuposaunen und dann sagen müssen "Das stimmt ja alles nicht", ist einfach nur peinlich.

Frage: Wie können Journalisten und User aus ethischer Perspektive verantwortlich mit solchen Situationen umgehen?

Schicha: Ich plädiere für das Prinzip der Konsumentensouveränität. Also: Jeder ist selbst dafür verantwortlich zu entscheiden, wo er seine Informationen herbekommt. Ob er sich mit klassischen Qualitätsmedien und - zeitschriften beschäftigt, über Facebook kommuniziert oder einschlägige Online-Foren aufsucht, das muss jeder selbst entscheiden. Man kann den Menschen nicht vorschreiben, wie sie Medien konsumieren, sondern nur an ihren gesunden Menschenverstand appellieren.

Von Gabriele Höfling

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