Himmlisches Theater

Die kleine Gemeinde Neuzelle im Osten Brandenburgs beherbergt einen großen Schatz: Die Neuzeller Passionsdarstellungen. Europaweit gelten diese barocken Bühnenbilder des Künstlers Joseph Felix Seifrit nach Umfang, Größe und künstlerischer Qualität als einzigartig.

Kultur | Neuzelle - 21.03.2016

Als der böhmische Maler Joseph Felix Seyfried irgendwann um das Jahr 1750 den Auftrag für mehrere Bildszenen zur Passionsgeschichte bekam, rechnete er sicher nicht damit, dass 265 Jahre später für seine Kunstwerke extra ein neues Museum gebaut werden würde. Für den Gebrauch in der Karwoche waren die Bildtafeln damals gedacht, nicht fürs Museum. Seit einem Jahr steht dieses Museum im Kloster Neuzelle.

"Sein Grab wird herrlich sein", steht in leuchtenden Buchstaben auf der schwarzen Wand. Abgedunkelt ist der Museumsbau. Keinen Sonnenstrahl lässt der fensterlose Bau herein, der in seinem Inneren die Neuzeller Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab beherbergt. Ein barockes Bühnenbild zeigt den Weg durch die Tore und Straßen einer mediterranen Stadt auf einen Berg mit Burg, Kirchen und Tempeln. Vor dem Bildhintergrund sind insgesamt acht Holztafeln positioniert, die den von Soldaten umringten, kreuztragenden Jesus zeigen, der mit Schlägen und Stößen traktiert wird. Auf weiteren Tafeln sind Bewohner Jerusalems zu sehen, die Jesus einerseits verhöhnen, andererseits aber auch über seine Leiden erschrecken.

Insgesamt gehören 15 Szenen zu dieser barocken Passionsdarstellung, die europaweit als einmalig in dieser malerischen Qualität, Größe und Vollständigkeit gilt. Aufwändig restauriert und dezent beleuchtet zeigt sich die Kulisse dem Betrachter so, wie schon den Gläubigen vor 250 Jahren. Entdeckt wurden die Holztafeln 1997 auf einem Boden im Kirchturm von Neuzelle. Da hatten sie schon Schimmel angesetzt.

Andernorts wurden die Passionsdarstellungen verheizt

Ganz vergessen waren die Tafeln in Neuzelle aber nie. "Als Kind bin ich da schon mal drüber geklettert", erzählt schmunzelnd Winfried Töpler. Der Archivar des Bistums Görlitz ist in Neuzelle aufgewachsen und hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Kulissenteile wieder öffentlich zu sehen sind. Töpler hat den Plan des Bühnenaufbaus aus den vorhandenen Aufzeichnungen und den Aufschriften auf den Kulissenrückseiten rekonstruiert. Von ehemals 240 großformatigen Leinwand- und Bildtafeln sind heute noch 229 Einzelteile vorhanden, die eine Aufstellung von 15 Szenen in fünf Bühnenbildern ermöglichen. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das monumentale Barocktheater in der Passionszeit in Neuzelle aufgebaut und trug deshalb auch den Namen Ostergrab.

Ostergräber wie das in Neuzelle gab es viele in Europa. Doch im 19. Jahrhundert kamen die Passionsdarstellungen aus der Mode. Die meisten landeten im Ofen. Nicht so in Neuzelle. Nach einem Brand im Kreuzgang im Jahr 1892 sollen die vielen aufwändig bemalten Holztafeln in den Kirchturm gebracht worden sein. Pfarrer Ansgar Florian weiß, warum die Neuzeller Darstellungen überlebt haben. "Wir hatten keine Kirchenheizung. Da konnte sie nicht in den Ofen wandern. Andernorts hat man sie tatsächlich verheizt", erklärt Florian, der schon seit seiner Jugend um den Schatz weiß, der jahrzehntelang im Kirchturm lagerte. "Bei einem Unwetter, hat uns der damalige Pfarrer mit dem Hausmeister in den Turm hochgeschickt. Wir sollten die Teile auf die andere Seite räumen, damit sie nicht da stehen, wo das Wasser durchtropft", erzählt der 52-Jährige, der inzwischen seit 18 Jahren selber Pfarrer in Neuzelle ist.

Szene aus dem Neuzeller Passionstheater.
 Markus Kremser

Seit einem Jahr sind zwei Szenen des Heiligen Grabes jetzt dauerhaft zu sehen. Die fast lebensgroßen Figuren sind mit Leimfarbe auf Holz gemalt. Eine Bühnenszene besteht in der Regel aus sieben Figuren. Zu der zentralen Figurengruppe mit der Passionsszene treten verschiedene Nebenfiguren, die das Geschehen erklären und bewerten. Insgesamt fünf unterschiedliche Bühnenbilder standen zur Verfügung: Garten, Palast, Palasthof, Stadt und Kalvaria.

Für das Bühnenbild "Garten" wurden offensichtlich ältere Tafeln wiederverwendet, die möglicherweise Bestandteile einer älteren Version eines Heiligen Grabes in Neuzelle waren. In diesen Bühnenbildern konnten 15 Szenen, vom Gebet Jesu auf dem Ölberg bis hin zur Auferstehung als Abschlussbild, gezeigt werden. 1863 wurden einige Szenen zum letzten Mal in der Josephskapelle aufgestellt. Der Zahn der Zeit hatte so an ihnen genagt, dass sie schon damals einer umfassenden Restaurierung bedurft hätten. 1864 schrieb der damalige Pfarrer über das Neuzeller "Heilige Grab": "Dieses ist seit unfürdenklichen Zeiten immer in der Josephs-Capelle an hiesiger Kirche aufgestellt worden, u. hat das ehemalige Closter zu diesem Zwecke einen massenhaften Apparat von Figuren und Gerüsten angeschafft, welche vom Zahn der Zeit zernagt sind, u. einer fortwährenden Erneuerung bedürfen..."

Restaurierungsarbeiten gehen weiter

Diese Erneuerung hat in den vergangenen Jahren stattgefunden. Holz wurde stabilisiert, Leinwand restauriert, verrostete Nägel ersetzt. Zwei Szenen, der Judaskuss im Bühnenbild "Garten" und die Kreuztragung im Bühnenbild "Stadt" sind bereits fertig und seit einem Jahr ausgestellt. Im Juni beginnen die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten zu einer weiteren Szene. Die Arbeiten an den 20 Bühnenteilen sowie sieben großen Holzfiguren der Szene "Jesus vor dem Hohepriester Kaiphas" sollen bis zum Frühjahr 2018 abgeschlossen sein.

Eine Besonderheit ist auch die erhaltene Originalbeleuchtung. In zwei Kisten haben unzählige Glaskugeln und bunte Kelche die Zeiten überlebt. Mit Öl oder Wasser gefüllt, von Kerzen angestrahlt, haben sie einst wie überdimensionale Linsen die Neuzeller Passionsdarstellung ins rechte Licht gerückt. Einige der Kugeln und Kelche, mit ihren Jahrhunderte alten Gebrauchsspuren, sind ebenfalls im neuen Museum in Neuzelle zu sehen.

Linktipp

Weitere Informationen, unter anderem zu den Öffnungszeiten und Eintrittspreisen, finden Sie auf der Internetseite des Museums in Neuzelle.

Zur Internetseite des Museums

Von Markus Kremser

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