"Ich bin bei euch alle Tage"

Die Himmelfahrt Jesu gehört zum Urbestand des christlichen Glaubens. Und doch ist Christi Himmelfahrt eine Herausforderung für die menschliche Vorstellungskraft. In einem Beitrag erklärt Bischof Karl-Heinz Wiesemann das Fest.

Christi Himmelfahrt | Speyer - 14.05.2015

Die Himmelfahrt des auferstandenen Christus gehört zum Urbestand des christlichen Glaubens. Und doch ist das Fest Christi Himmelfahrt, das heute - 40 Tage nach Ostern - gefeiert wird, eine große Herausforderung für die menschliche Vorstellungskraft. In einem Gastbeitrag für katholisch.de erklärt der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann das Fest und seine große Bedeutung.

Mit dem Fest der Himmelfahrt Jesu Christi hat der moderne Mensch seine liebe Not. Was soll im Zeitalter der Raumfahrt ein solches Festgeheimnis aussagen? Der evangelische Theologe Rudolf Bultmann meinte schon vor siebzig Jahren: "Kein Erwachsener stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den 'Himmel' im alten Sinn gibt es gar nicht mehr. Und ebenso wenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt sind damit die Geschichten, von der Himmel- und Höllenfahrt Christi..."

In der Tat steht man ein wenig verlegen in Jerusalem auf dem Ölberg an der Stelle, an der die versteinerten Fußabdrücke des Herrn als Ort gezeigt werden, von wo er in den Himmel entschwunden sein soll. Aber ist es einfach damit getan, das heutige Fest aufklärerisch zu entsorgen - oder steckt nicht doch Tieferes hinter dem Geheimnis des heutigen Tages?

Die biblischen Autoren waren nicht naiv

Ein Blick in die Bibel, genauer gesagt in die Apostelgeschichte, warnt uns davor, die biblischen Autoren für allzu naiv zu halten. Von einer Himmelfahrt, in dem Sinn wie wir sie unmittelbar verstehen, ist hier nichts zu lesen. Der Vorgang wird passivisch und reichlich verhüllt dargestellt: Jesus wird vor den Augen der Jünger emporgehoben, er wird in eine Wolke eingehüllt und den Augen der Jünger entzogen. Zusammenfassend wird gesagt: Er wird in den Himmel aufgenommen. Im Johannesevangelium wird noch ein anderer Begriff für dasselbe verwendet: Christus wird erhöht. Dort sagt Christus selber: "Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen" (Joh 12,32).

Bischof Karl-Heinz Wiesemann.
Karl-Heinz Wiesemann ist Bischof von Speyer.
 KNA

Der Begriff "erhöhen" meint im Alten Testament die Einsetzung ins Königtum. Und so kann der Evangelist Matthäus am Ende auch statt des Berichtes über die Himmelfahrt des Herrn den auferstandenen Christus dasselbe mit folgenden Worten ausdrücken lassen: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. (...) Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,18-20).

Auch für die Bibel ist der Himmel kein Ort über den Sternen, sondern etwas viel Größeres, viel Umfassenderes. Er ist der "Ort der Gegenwart Gottes". Noch besser gesagt, er ist gar kein Ort, kein Raum, auch kein Weltraum, sondern eine Person. Er ist die Gegenwart des lebendigen Gottes, in dem wir sind, leben und uns bewegen. Gott ist uns nicht fern, sondern näher als alles andere in der Welt, näher noch, als wir uns selbst. Er hat uns den Atem eingehaucht, damit wir leben können. Er hält alles, was ist, im Dasein.

"In Christus leben wir in der Gegenwart Gottes"

Dadurch, dass Gott Mensch geworden ist in Christus und dieser Christus am Kreuz erhöht und von den Toten auferstanden ist, ist der Mensch und mit ihm die ganze Schöpfung auf ewig versöhnt mit Gott. In Christus leben wir in der Gegenwart Gottes. Durch ihn haben wir den Zugang in das Innerste Gottes. Er hat, wie der Hebräerbrief wiederum das Geheimnis des heutigen Tages in ein anderes Bild kleidet, den Vorhang beseitigt, der uns von Gott trennte: "Wir haben also Zuversicht, Brüder, durch das Blut Christi in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch" (Hebr 9,19-20).

Diese neue Gegenwart Gottes, in der wir leben, nennen wir gemäß der Offenbarung "Heiliger Geist". Es ist der Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht: der Beistand der uns geschenkt ist, der Tröster, der in alle Situationen unseres Lebens hineinwirken kann, der Anwalt, der uns vor der verderblichen Macht des Bösen verteidigt und beschützt. Durch diesen Geist können wir die Kraft finden, die Gegenwart Gottes mitten in unserer Welt, mitten in unserem Alltag zu bezeugen.

Der Autor

Karl-Heinz-Wiesemann (*1960) ist seit 2008 Bischof von Speyer. Außerdem ist er Vorsitzender der Jugendkommission und Mitglied der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Weitere Informationen zu Bischof Wiesemann

Wie viele können oder wollen nicht glauben, dass der weltumspannende Gott dennoch dem einzelnen Menschen mit seinem Schicksal nahe sein kann, dass er ihn kennt, sein individuelles Leben, dass er sich mit der ganzen Kraft seines göttlichen Herzens um ihn kümmern könne! Wie viele erhoffen sich Heil von Steinen, Energieorten und anderen, nicht selten rein kommerziell denkenden Wunderheilern, statt Christus zu vertrauen, der für uns in das Heiligtum Gottes eingegangen ist, um uns auf diese Weise durch seinen Geist auf ewig nahe sein zu können!

Ihr habt Besitz ergriffen vom Himmel und vom Reiche Gottes in Christus!

Die Jünger jedenfalls hatten das Geheimnis des heutigen Tages verstanden. Es heißt: Sie gingen voll Freude vom Ölberg fort. Sie wussten, dass Gott ihnen nun in Christus auf eine neue Weise, die nicht mehr an Ort und Zeit gebunden ist, nahe ist, dass er in ihnen ist und wirkt.

Rudolf Bultmann meinte, das Fest der Himmelfahrt wäre für heutige Menschen "erledigt". Da wusste schon der Kirchenvater Tertullian im zweiten Jahrhundert nach Christus das Fest besser zu deuten: "Seid nur getrost, Fleisch und Blut: Ihr habt Besitz ergriffen vom Himmel und vom Reiche Gottes in Christus!"

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Wer war Jesus Christus? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".
 katholisch.de

Von Karl-Heinz Wiesemann

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