Flüchtlinge

"Lieber in die Hölle als zurück"

Christen aus dem Irak suchen nach einer sicheren Zukunft

Amman - 06.09.2014

10. Juni, 17. Juli, 5. August: Die Daten haben sich eingebrannt in das Gedächtnis der irakischen Christen, die im jordanischen Amman Zuflucht gefunden haben vor dem islamistischen Terror in ihrer Heimat. Am 10. Juni kamen die Kämpfer des "Islamischen Staats" (IS) nach Mossul, erzählt Seif. Mitten in der Nacht verließen er und seine Familie das Haus und flohen wie Tausende andere – Christen, Jesiden, sonstige Minderheiten.

Am 10. Juni, sagt Seif, begann die Odyssee. Mehr als vier Stunden dauerte die Fahrt nach Karakosch; an normalen Tagen sind es zwanzig Minuten. Dann sah es so aus, als gebe es Entspannung. Die IS-Milizen versprachen den Vertriebenen Schutz, viele kehrten nach Mossul zurück – bis sie am 17. Juli vor die Wahl gestellt wurden: konvertieren, Schutzsteuer zahlen oder sterben.

Mit der Flucht kam die Scham

Seif und die anderen flohen erneut. In die Niniveh-Ebene. Dann wieder nach Karakosch. Bis am 3. August auch dort die Terrormiliz ankam und Seif und die anderen nach Erbil flohen. "Der härteste Tag in meinem Leben", sagt Seif, "und der längste". Nach Wochen der Unsicherheit und Flucht kam dann die erste gute Nachricht – eine Ausreisegenehmigung nach Jordanien, dessen König Abdullah auf Initiative der jordanischen Kirche die Aufnahme von 1.000 Christen aus dem Irak zugesichert hatte. Rund 650 sind inzwischen angekommen. Sie werden von der jordanischen Caritas versorgt.

„Warum kann ein Organismus wie die Kirche uns nicht alle da rausholen?“

Ibrahim aus Mossul

Mit der Flucht kam die Scham. Die meisten Flüchtlinge wollen ihre Namen nicht nennen, erst recht nicht fotografiert werden. 12 bis 15 Familien teilen sich gemeinsam leerstehende Räume in Kirchen, schlafen auf Matratzen auf dem Boden, leben von der Nothilfe. Im Irak hatten sie ihr Auskommen, einen Beruf, ein Haus. Die meisten sind geflohen mit nicht viel mehr als der Kleidung am Leib. 40.000 Dollar haben ihm die Kämpfer abgenommen, erzählt einer. Er sei zurückgekehrt nach Mossul, um Sachen zu retten, erzählt ein anderer. Aber an seinem Haus habe ein großes "N" in arabischer Schrift geprangt, für "Nasrani", Christ. Der Besitz der Minderheiten ist fest in Hand der IS-Kämpfer.

Reden wollen Seif und die anderen über ihr Schicksal. Sie suchen nach Antworten. Warum wurden die Peschmerga-Garden, die bis dahin die Christen zuverlässig schützten, noch vor Ankunft der IS-Kämpfer aus der Region um Mossul, Karakosch und der Niniveh-Ebene abgezogen?

Menschliche Schutzschilder gegen den IS

Warum wurden sie nicht gewarnt? Warum haben die USA erst eingegriffen, als der IS sich der Stadt Erbil näherte? Warum wurde den fliehenden Minderheiten die Flucht nach Erbil durch Checkpoints und Straßensperren zusätzlich erschwert?

Sie fühlen sich verraten und missbraucht, geopfert im Namen diffuser fremder Interessen. "Durch den kampflosen Rückzug der Peschmerga wurden wir zum menschlichen Schutzschild, zum christlichen Puffer zwischen Erbil und dem IS", sagt einer der Alten. Seine Stimme klingt bitter, einen direkten Adressaten hat seine Klage nicht. Andere machen ihre Kirche mitverantwortlich an ihrem Schicksal, wegen des "machtlosen Zuschauens". Auch jetzt richten sich Vorwürfe gegen die Kirche: "Warum", fragt Ibrahim aus Mossul, "kann ein Organismus wie die Kirche uns nicht alle da rausholen?"

Eine Frage aber liegt den irakischen Flüchtlingen in Amman am stärksten auf dem Herzen: "Was soll nun aus uns werden?" Eine Rückkehr in den Irak, sagen sie einstimmig, wird es nicht geben. "Ich will mein Land nicht mehr", sagt einer, "auch nicht, wenn es Frieden geben sollte". "Der Irak war christlich, aber jetzt haben diese Irren alles zerstört ", sagt ein zweiter. "Lieber gehe ich in die Hölle als zurück in den Irak."

Sie sind mit dem Leben davongekommen, und sie sind dankbar für die erhaltene Hilfe. Streng genommen geht es ihnen besser als den meisten: Sie sind in Amman in Sicherheit, mit Aussicht auf ein Visum für irgendwo im Westen, vielleicht Kanada, die USA oder Deutschland.

"Ich will ein Land mit Freiheit und Sicherheit", sagt Ibrahim, "in dem ich mir ein Tattoo stechen lassen und zur Kirche gehen kann, wann und wo ich will".

Von Andrea Krogmann (KNA)

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