Mit Vielfalt punkten

Wenn heute der Evangelische Kirchentag in Stuttgart beginnt, werden neben rund 100.000 Dauerteilnehmern Zehntausende Tagesgäste und politische Prominenz erwartet. Sie alle müssen sich nicht nur durch den Stuttgarter Verkehr, sondern auch durch ein 620-seitiges Programmheft kämpfen. Denn bis Sonntag finden über 2.500 Veranstaltungen statt.

Kirchentag | Stuttgart - 03.06.2015

Die Vorbereitungen laufen seit langer Zeit auf Hochtouren - und nun sieht man es auch. Bereits seit einer Woche wehen am Stuttgarter Schlossplatz und anderen zentralen Orten der Innenstadt die roten Fahnen des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT).

Von Mittwoch bis Sonntag werden rund 100.000 Dauerteilnehmer erwartet, die sich dann ebenso wie Zehntausende Tagesgäste nicht nur durch den Stuttgarter Verkehr, sondern auch durch ein 620-seitiges Programmheft kämpfen müssen. Es informiert über 2.500 größere und kleinere Veranstaltungen. Wie immer auf Kirchen- und Katholikentagen besteht auch in Stuttgart die Möglichkeit, die politische Prominenz aus der Nähe zu sehen.

Bundespräsident Joachim Gauck kommt ebenso wie seine Vorgänger Christian Wulff und Horst Köhler. Und trotz des G7-Gipfels im bayerischen Elmau am Wochenende schafft sogar Kanzlerin Angela Merkel den Weg von der Spree an den Neckar. Auch für die meisten ihrer Minister, etwa Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Wolfgang Schäuble, steht Stuttgart im Terminkalender.

"Friedensschritte" innerhalb des Protestantismus

Neu in Stuttgart sind die "Friedensschritte" innerhalb des Protestantismus, wie es DEKT-Generalsekretärin Ellen Ueberschär formulierte. Erstmals findet der pietistische Christustag am Fronleichnamstag parallel und im Rahmen des DEKT statt. Der gastgebende württembergische Landesbischof Frank Otfried July spricht vom "besondere Charisma unserer Landeskirche, solche Entwicklungen zu fördern".

Frank Otfried July im Porträt.
Frank Otfried July ist Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Gastgeber des Kirchentags.
 KNA

Der Christustag in der Porsche-Arena behält indes seine eigene Programmhoheit. Wer einen Gradmesser für das Verhältnis der Protestanten zueinander sucht, kann die Leitwörter anschauen: "damit wir klug werden" heißt das DEKT-Motto. Ebenfalls aus einem Psalm im Alten Testament, aber aus einem anderen, stammt der Leitspruch "Dein Wort macht mich klug" des Christustages. Ähnlich, aber doch verschieden.

Während der Christustag nur am Fronleichnamsdonnerstag stattfindet und Akzente zu seinen Kernthemen Bibel und Spiritualität setzt, will der DEKT mit Vielfalt punkten. Kirchentags-Präsident Andreas Barner spricht vom Dreiklang "Frieden und Flüchtlinge", "Wirtschaft und Werte" sowie "Demokratie und Daten". Es geht um gesellschaftliche Debatten und darum, dazu "in christlicher Verantwortung Position zu beziehen".

Kretschmann: "Hier wird das religiöse Miteinander ganz besonders gepflegt"

Dem Alltag im Südwesten entsprechend spielt auch das Miteinander der christlichen Kirchen eine wichtige Rolle beim DEKT. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), ein regelmäßiger Besucher der bundesweiten Christentreffen, spricht vom "Prototyp der Ökumene". Er betont: "Katholiken und Protestanten in Baden und Württemberg, das ist in etwa fifty-fifty. Hier wird das religiöse Miteinander ganz besonders gepflegt."

Stichwort: Evangelischer Kirchentag

Der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) ist eine Großveranstaltung protestantischer Laien. Sie laden alle zwei Jahre in eine andere Stadt ein. Der erste DEKT fand 1949 in Hannover statt. Rechtsträger ist der "Verein zur Förderung des Deutschen Evangelischen Kirchentages" mit Sitz in Fulda. An der Spitze steht Generalsekretärin Ellen Ueberschär. Präsident des Kirchentags ist seit 2013 der Vorsitzende der Unternehmensleitung von Boehringer-Ingelheim, Andreas Barner. Das Motto des Treffens lautet"damit wir klug werden". Die Worte stammen aus einem Psalm im Alten Testament. Die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg war bereits 1952, 1969 und 1999 Gastgeber eines Kirchentages. (KNA)

Es passt, dass sich der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst auf eine ökumenische Bibelarbeit mit July freut. Auch der nennt das gemeinsame Meditieren über einen Text aus dem Neuen Testament "ein starkes Zeichen". Nicht ganz so stark ausgeprägt scheint die Ökumene Richtung griechisch-orthodoxer Christen zu sein - die drittgrößte kirchliche Gemeinschaft der Bundesrepublik. Sie kommt nicht vor.

Weiter öffentlich diskutiert wird dagegen mit Vertretern anderer Glaubensausrichtungen. July verweist mit Blick auf diese Gespräche auf eine "lange Tradition" der Kirchentage, "und wir wollen weiter mit den Muslimen sprechen, die sich auf diesen Dialog einlassen". Es sind solche Debatten, von denen Kretschmann sagt: "An der Basis der Zivilgesellschaft, zu der die Kirchen ganz wesentlich gehören, werden erst die Werte und Werthaltungen generiert, auf denen unsere Ordnung steht."

Von Michael Jacquemain (KNA)

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