Ukraine

Neues Selbstbewusstsein

Kirchen der Ukraine haben in der Krise Ansehen gewonnen

Kiew - 08.03.2014

Neben dem Ausruf "Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!" wurden sie zum Symbol der Massenproteste auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz (Maidan): die gemeinsamen Gebete für das Land. Von der Bühne herab sprachen Geistliche zahlreicher Konfessionen den Demonstranten von Dezember bis Februar täglich Mut zu und beteten fast stündlich mit ihnen - auch in den Nächten, als Polizisten den Platz räumen wollten.

Dadurch gewannen die Kirchen nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch weiteres Ansehen in der Bevölkerung. Auch eingefleischte Atheisten zollen Anerkennung, weil sie in Gotteshäusern Schutz vor den berüchtigten Sondereinheiten der Regierung fanden oder in den dort eingerichteten Operationssälen medizinisch versorgt wurden. Schon zuvor genossen die Kirchen das größte Vertrauen aller Institutionen. 64 Prozent der Ukrainer vertrauten "der Kirche", wie eine Umfrage im Dezember ergab. Nach Konfessionen wurde dabei nicht unterschieden.

Ukraine einer der religiösesten Nationen in Europa

Internationalen Statistiken zufolge gehört die Ukraine zu den religiösesten Nationen Europas. In der neuesten Studie belegen sie Platz fünf nach Zypern, Polen, der Slowakei und Portugal - und das, obwohl die Kirchen in der Ukraine noch vor einigen Jahren heftig stritten. Anfang der 90er gab es sogar mehrere Handgemenge um Sakralbauten. Konfessionen nahmen sich gegenseitig die Kirchen weg.

Ukrainische Flagge bei einer Demonstration in Kiew.  aviavlad/Fotolia.com

Die oft politisch motivierten Kirchenspaltungen des 16. und 20. Jahrhunderts wecken in der Ukraine bis heute viele Emotionen. Der Kiewer Großfürst Wladimir hatte sich 988 nach byzantinischem Ritus taufen lassen und das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Als die Ukraine ab dem 16. Jahrhundert zum katholisch dominierten polnisch-litauischen Reich gehörte, wünschten sich nicht zuletzt die neuen Machthaber, dass sich die orthodoxen Bischöfe dem Papst in Rom unterstellen. Diesen Schritt vollzog die Kiewer Metropolie 1596, ohne ihren östlichen Ritus aufzugeben.

Griechisch-katholische Priester auf dem Maidan

Heute nennt sich diese Kirche griechisch-katholisch. Ihre Hochburg ist die Westukraine, wo bis zum Ersten Weltkrieg die Habsburger regierten. Als die Kirche 2005 ihren Hauptsitz mit Zustimmung des Papstes aus Lviv (Lemberg) nach Kiew verlegte und zudem Exarchate in der Ostukraine errichtete, führte dies zu schweren Spannungen mit dem orthodoxen Moskauer Patriarchat. Es befürchtete eine Abwerbung von Gläubigen. Mittlerweile wird sie in der Hauptstadt auch von orthodoxen Glaubensbrüdern voll akzeptiert. Das zeigten spätestens die Großdemonstrationen auf dem Maidan , an denen griechisch-katholische Priester von Anfang an beteiligt waren.

Drei von vier Ukrainern bekennen sich heute zum orthodoxen Christentum - das allerdings in drei Konfessionen geteilt ist. Im Zuge der Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion 1991 trennte sich ein großer Teil vom Moskauer Patriarchat und gründete ein Kiewer Patriarchat. Damit sollte der Einfluss Moskaus zurückgedrängt werden. Theologische Unterschiede spielten keine Rolle. Außerdem gibt es die 1989 mit Unterstützung der Diasporakirche aus Nordamerika entstandene "Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche", die deutlich kleiner als die beiden anderen ist.

Kirchen lehnen Anschluss der Krim an Russland ab

Zur Kirche des Moskauer Patriarchates bekennen sich besonders im Osten und Süden der Ukraine viele Menschen - dort, wo auch der entmachtete Staatspräsident Viktor Janukowitsch seine Hochburgen hatte. Lange scheute diese Kirche vor Kritik zurück, obwohl Janukowitsch auf Demonstranten schießen ließ. Erst zwei Tage nach seiner Flucht aus Kiew verurteilte sie dessen Taten in einer Erklärung. Selbst die einstige regierende Partei der Regionen nannte den Ex-Präsidenten schneller einen Verbrecher.

Im Konflikt mit Russland um die ukrainische Halbinsel Krim sind sich die Konfessionen dieser Tage alle einig. Der Gesamtukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften lehnt einen Anschluss der Krim an das Nachbarland ab - und verurteilte jede Einmischung Moskaus in die inneren Angelegenheiten der Ukraine.

Von Oliver Hinz (KNA)

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