#OMG!1elf!! - Kirche im Internet

Was bedeutet die Digitalisierung für das kirchliche Amtsververständnis, für das Menschenbild oder die Wahrheitsfrage? Der Pastoraltheologe Richard Hartmann sucht Antworten darauf.

Digitalisierung | - 15.09.2017

Die Welt befindet sich im digitalen Wandel. Diese Entwicklung geht auch an der katholischen Kirche nicht spurlos vorbei. Doch was bedeutet das für die Kirche konkret? Darüber haben Pastoraltheologen aus ganz Deutschland bei einem Kongress diskutiert. Dessen Titel: "#OMG!1elf!! Oh mein Gott: Pastoraltheologie im Zeitalter digitaler Transformation." Katholisch.de hat mit dem Organisator des Kongresses, Richard Hartmann, gesprochen.

Frage: Herr Hartmann, es ist 2017, Apple bringt das iPhone Nummer 10 heraus, und die Pastoraltheologen beschäftigen sich mit der Digitalisierung. Sind Sie spät oder früh dran?

Hartmann: Zum einen sind wir spät. Die ganze Entwicklung, die Veränderung durch die Digitalisierung wurde zwar in der Theologie wahrgenommen, aber sehr stark in der Nutzerperspektive: Wie können wir damit etwas erreichen? Aber die Reflexionsperspektive fehlt noch weitgehend: Was bedeutet die Digitalisierung überhaupt, was bedeutet sie für das Menschenbild, für die Wahrheitsfrage, für die Frage nach Steuerung und Kontrollverlust? Diese Fragen wurden bisher von der Theologie nur ganz knapp diskutiert, auch bei den Pastoraltheologen nicht.

Frage: Und welche Fragen beschäftigen die Pastoraltheologie konkret?

Hartmann: Zunächst muss ich wahrnehmen, dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert hat, nicht nur was die Kommunikation angeht. Es ist noch viel offen, was das für die Anthropologie, die Frage nach dem Menschenbild bedeutet. Auch ekklesiologisch, zur Gestalt der Kirche, gibt es einiges zu reflektieren: Wenn es einen neuen Zugang zur Wahrheit, eine neue Konstruktion von Wahrheit gibt, ist das eine Frage für die Pastoraltheologie. Wir fragen, was Digitalisierung für Repräsentation, für Sakramenten- und Ämtertheologie bedeutet, wenn Kommunikation nicht mehr kanalisiert, kontrolliert, hierarchisch geordnet wird.

Frage: Wo wird das Thema Digitalisierung in Ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit Spuren zeigen?

Hartmann: Ich beschäftige mich in meinem Forschungsschwerpunkt mit der kirchlichen Sozialgestalt und den Ämtern. Gerade im Diskurs um die Ämter muss ich noch einmal daran weiterarbeiten, was es bedeutet, wenn Ämter nicht mehr direktiv die Kommunikation gestalten und bestimmen können, wenn in dieser Gesellschaft Amtsträger nicht mehr automatisch Leitungsvollmacht haben. In dieser offenen Diskursgesellschaft ist die Freiheit, auch die Freiheit des Gottesvolkes, ganz anders als früher. Man kann nicht mehr einfach sagen "roma locuta, causa finita", Rom hat gesprochen und das war's. Aber damit muss man auch das kirchliche Amt neu definieren.

Richard Hartmann ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Fakultät Fulda. Seit 2009 ist er Vorsitzender der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen e.V.
 Privat

Frage: Mit dem Zweiten Vatikanum und der Communio-Ekklesiologie scheint die Kirche da doch auf einem ganz digitalisierungskompatiblen Weg zu sein, oder?

Hartmann: Das sind alles nur Halbheiten. Auch was die Bischofskonferenz in ihrem Papier "Gemeinsam Kirche sein", bei dem ich mitarbeiten durfte, gesagt hat, hat noch ganz wenige Folgen. Pfarrer vor Ort und erst recht Bischöfe gerieren sich immer noch trotz aller Beratung und aller Kommunikationsprozesse so, als hätten sie allein das Sagen, und als würde das, was sie sagen, auch so durchgesetzt. Und wenn das dann nicht klappt, sind alle sehr enttäuscht, dass es so nicht mehr gelingt. Aber die Apostel mussten sich auch darauf einstellen, dass der Heilige Geist unkontrollierbar gewirkt hat – und der wirkt auch zwischen den Zeilen der neuen Medien.

Frage: Das klingt nach sehr allgemeinen kirchlichen Problemen. Woran liegt es, dass Sie das gerade im Kontext der Digitalisierung diskutieren?

Hartmann: Digitalisierung macht den Zugang zu Wissen, zu Kommunikation offener, aber in der Kirche gibt es immer noch die Grundlinie analoger Kommunikation: Die kann man in Top-down-Prozessen steuern, ordnen und gestalten. Digitale Kommunikation und damit die Kommunikation der Menschen in der Gegenwart kann man so nicht mehr steuern und einengen. Von daher ist die Digitalisierung tatsächlich ein relativ radikaler Wandel im Blick auf die Wirklichkeit, wie die Welt funktioniert und wie die Kirche in der Welt funktioniert.

Frage: Was sehen Sie auf die Gemeinden hier zukommen?

Hartmann: Der Gemeindebegriff ist sehr fluid geworden und wird sich auch immer weiter aufweichen. Die Grundkonstellation Pfarrer, Pfarrhaus, Sonntagsgemeinde gibt es noch, das braucht es im Nahbereich an manchen Orten nach wie vor, an anderen nicht. Es gibt mittlerweile auch Gemeinden, die sich nur digital vereinbaren und treffen. Die fragen dann erst gar nicht mehr, ob sie dazu einen Priester brauchen oder ob der Bischof erst etwas genehmigen muss. Es passiert zunächst einmal einfach. Das hat keine konfessionellen Grenzen mehr, das sind Entscheidungen der einzelnen, die sagen, das will ich, das will ich nicht. Wo Orte christlichen Lebens sind, wird unübersichtlicher und unsteuerbarer.

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Frage: Sie haben nun mit Ihren Kolleginnen und Kollegen vier Tage lang Digitalisierung diskutiert. Hat sich das für Sie gelohnt?

Hartmann: So intensiv diskutiert und Anregungen gesammelt fürs weitere Forschen haben wir schon lange nicht mehr. Für viele war es auch ein Blick in eine andere Welt hinein, die noch nicht allen erschlossen ist. Von daher gehe ich davon aus, dass es zumindest im Lehr- und Forschungsbetrieb der einzelnen Teilnehmenden weitergeführt wird. Auf unserer Mitgliederversammlung diskutieren wir auch, wie wir Pastoraltheologinnen und Pastoraltheologen uns in die innerkirchliche Kommunikation künftig einbringen, inwieweit wir da Folgen aus der Digitalisierung zumindest benennen: dass man etwa Gesprächsprozesse nicht mehr einfach analog weiterführen kann, wie sie gewesen sind.

Frage: Eine ganz konkrete Folge war schon während des Kongresses auf Twitter zu sehen: Einige Ihrer Kolleginnen und Kollegen sind dort jetzt präsent. Werden wir in Zukunft die pastoraltheologischen Debatten öffentlich in 140-Zeichen-Gesprächen verfolgen können?

Hartmann: Das ist sicher eine Generationenfrage, auch eine Frage der Affinität. Ich habe Twitter immer gelesen, aber ohne eigenen Account, und habe die Konferenz jetzt benutzt, um anzufangen. Aber ich bin keiner, der das intensiv pflegen wird, das ist nicht mein Stil. Wir sind allerdings schon einige Jahre in der Blog-Szene präsent mit feinschwarz.net. Das war ein starker Einstieg, die theologische Diskussion in die gesellschaftlichen Debatten einzuspeisen. Nach allem, was ich wahrnehme, wird das sehr gut rezipiert. Dort ist auch die Bereitschaft da, ungefiltert zu diskutieren, offener, als man es manchmal in kirchenamtlichen Medienprodukten wahrnimmt.

Von Felix Neumann

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