Söding: Jargon der 1960er aus Bibel verschwunden

Der Neutestamentler Thomas Söding widerspricht einer Forderung von Pater Klaus Mertes, die neue Einheitsübersetzung zurückzunehmen. Aber ein paar Korrekturen wären auch aus seiner Sicht dringend nötig.

Bibel | Bonn - 11.12.2017

Zehn Jahre wurde an der neuen Einheitsübersetzung der Bibel gearbeitet. Im Herbst 2016 erschien sie endlich. Doch nicht alle sind damit zufrieden. Der Jesuit Klaus Mertes plädierte jüngst sogar für eine Rücknahme der Überarbeitung, sprach von "Verschlimmbesserungen" und "Fehlleistungen". Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding hat an der neuen Einheitsübersetzung mitgearbeitet - und widerspricht Mertes im katholisch.de-Interview ausdrücklich.

Frage: Herr Professor Söding, sollte die Auslieferung der neuen Einheitsübersetzung gestoppt werden, wie Pater Klaus Mertes es jüngst gefordert hat?

Söding: Nein, die neue Form der Einheitsübersetzung ist im Ganzen betrachtet ein Riesengewinn, weil man die Bibel an vielen Stellen biblischer gemacht hat. Der biblische "Sound" tritt jetzt klarer hervor. Die biblischen Bilder werden konsequent genutzt. Typisch biblische Wendungen, etwa 'und es geschah' oder 'und siehe' sind nicht mehr getilgt worden, wie das in der alten Einheitsübersetzung oft der Fall gewesen ist. Und man hat auch an vielen anderen Stellen gerade dadurch, dass man wörtlicher übersetzt hat, verständlicher übersetzt. Der Jargon der 1960er und -70er Jahre, der die alte Einheitsübersetzung prägte, ist nun verschwunden. Die Eltern Jesu sind beispielsweise nicht mehr "betroffen", wie es in der alten Einheitsübersetzung hieß, sondern sie "staunen", so wie es im biblischen Originaltext wörtlich steht. Ich bin überzeugt davon: Wenn erst einmal die Lektionare in der neuen Einheitsübersetzung zur Verfügung stehen, werden viele aufhorchen und dieses Aufhorchen wird in 99 Prozent aller Fälle sehr positiv sein.

Frage: Was sagen Sie zu den konkreten Vorwürfen von Pater Mertes? Gibt es Verschlimmbesserungen?

Söding: Die sinnentstellende Wiedergabe des Gleichnisses von den ungleichen Söhnen, die Pater Mertes beanstandet, ist ja bereits in den neuen Auflagen korrigiert. Aber in einem Punkt hat er, wie man selbstkritisch sagen muss, durchaus Recht: Dass alttestamentliche Zitate im Neuen Testament bisweilen anders wiedergegeben werden als im Alten Testament selbst. Das Verfahren war hier aus meiner Sicht nicht absolut optimal. Man hat mit sehr vielen unterschiedlichen Vorschlägen zu den verschiedenen Büchern der Bibel gearbeitet. Und dann ist offensichtlich der Abgleich der verschiedenen Vorschläge nicht in der letzten Konsequenz erfolgt. Deshalb gibt es hier bedauerlicherweise nur eine 99-prozentige und keine 100-prozentige Übereinstimmung zwischen den alt- und den neutestamentlichen Texten.

Frage: Also: Die neue Einheitsübersetzung muss nicht zurückgenommen werden, aber ein fresh up in den nächsten Jahren wäre schon nötig?

Söding: Ja, die katholische Kirche sollte sich überlegen, ob sie nicht in zwei bis drei Jahren sagt "Da machen wir jetzt nochmal eine Optimierung und nehmen uns solche Punkte vor, an denen es in der Einheitsübersetzung knirscht." Die Einheitsübersetzung ist gut, aber vollkommen ist sie eben nicht. Und es kann nicht sein, dass wir jetzt erst wieder 30 Jahre warten bis zur nächsten Überarbeitung. Man braucht auch keine Angst davor zu haben, dass das der Vatikan das nicht akzeptieren würde. Im Gegenteil: Der Vatikan wird dankbar dafür sein. Der Hermeneutik von Papst Franziskus käme das sehr entgegen. Außerdem ist es jetzt viel leichter, Fehler zu korrigieren, als bei der alten Einheitsübersetzung. Dadurch, dass diese ein ökumenisches Projekt war, hätten so viele Gremien dazu befragt werden müssen, dass eine Korrektur de facto kaum möglich war.

Mertes während einer Podiumsdiskussion Ende August 2013 in Berlin
Sprach von "Verschlimmbesserungen" und "Fehlleistungen" in der neuen Einheitsübersetzung: der Jesuit Klaus Mertes.
 KNA

Frage: Was sollte man denn noch verbessern?

Söding: An einigen Stellen würde ich mir mehr Transparenz wünschen, damit der Leser besser nachvollziehen kann, wie es zu einer Übersetzung kommt, die nicht dem Wortlaut entspricht. So wie es jetzt schon für die umstrittene Stelle Jesaja 7,14 der Fall ist. Dort heißt es "Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben." Im hebräischen Text steht hier eigentlich "junge Frau". Mit Blick auf die griechische Übersetzung des Alten Testaments mit "Jungfrau" und deren Verwendung bei Matthäus wird das hebräische Wort jedoch auch hier mit "Jungfrau" übersetzt. In der Anmerkung zu dieser Stelle steht nun jedoch, dass man das hebräische Wort mit "junger Frau" übersetzen würde. Eine solche Transparenz würde ich mir auch an einigen anderen Stellen wünschen.

Frage: Und was ist mit der stark von der alten Einheitsübersetzung abweichenden Übersetzung der Psalmen, die Pater Mertes beklagt?

Söding: Die Psalmen der alten Einheitsübersetzung waren, so berichten es beteiligte Fachleute, an vielen Stellen ziemlich weit entfernt, von dem, was die Exegeten vorgeschlagen hatten. Die Übersetzung war stark von liturgischen und germanistischen Gesichtspunkten geprägt. Nun ist auch die Übersetzung der Psalmen biblischer geworden. Aber ich bin sicher, dass man sich ganz schnell daran gewöhnen wird, auch wenn das natürlich eine Generationenfrage ist.

Frage: Und was ist mit den Wundern? Pater Mertes meint, man hätte auf den Begriff "Wunder" nicht verzichten sollen. Wenn man ihn aber schon vermeiden wolle, dann sollte man es wenigstens konsequent tun. Warum hat man das nicht gemacht?

Söding: Grundsätzlich ist es so, dass das Neue Testament sehr zurückhaltend ist, was das Wort "Wunder" anbelangt, wenn es um Jesus geht. Man kann geradezu sagen: es ist typisch für das Neue Testament, dass in den Evangelien, das, was wir Wunder nennen, nicht "Wunder" genannt wird. Denn das Wort "Wunder" ist in der Antike sehr ambivalent. Zauberer wirken Wunder. Diese haben allerdings immer den Beigeschmack von "Tricks". Das griechische Wort, das für Jesu Taten gebraucht wird, hat mit Kraft zu tun, mit Macht und mit etwas, was geschieht. Und das soll durch diese neue Übersetzung "Machttaten" eingefangen werden. Es gibt allerdings andere griechische Begriffe, die durchaus mit "Wunder" übersetzt werden können und dann auch mit "Wunder" übersetzt werden. Wenn man zum Beispiel von "Zeichen und Wundern" spricht, das ist eine bestimmte griechische Wendung, die sprichwörtlich geworden ist, und die wird auch genauso in der Bibel wiedergegeben. Letztlich ist das eine Geschmacksfrage. De facto aber ist die Übersetzung mit "Machttaten" in der Bibelwissenschaft längst Gang und Gäbe.

Zur Person

Thomas Söding (* 10. Januar 1956) ist Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum. Unter anderem war Söding zehn Jahre lang Mitglied der päpstlichen Internationalen Theologischen Kommission (2004 bis 2014) und ist Konsultor des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung.

Von Thomas Jansen

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