Tatort Kirche

Kirchen werden immer wieder Opfer von Einbrechern. Was können die Gotteshäuser dagegen tun? Und was sagen die Einbrüche über das gesellschaftliche Klima gegenüber Religionen und ihren Gläubigen?

Kriminalität | Stuttgart - 09.08.2016

Die Antoniuskapelle im Stuttgarter Ortsteil Hofen ist nicht gerade das, was man ein machtvolles Gotteshaus nennen würde. Gerade einmal zwei Bänke haben in dem kleinen Kirchlein Platz, mit dessen Bau im Jahr 1979 ein gewisser Anton Strasser ein Gelübde erfüllt hatte, nachdem er von einer schweren Krankheit geheilt worden war. Immerhin: Die Kapelle hat einen Glockenturm und ein edles Kupferdach.

Genau dessen Wert wurde ihm aber in diesem Frühjahr zum Verhängnis: Diebe versuchten in der Nacht des Pfingstmontags, das wertvolle Metall vom Dach zu reißen und als gefragten Rohstoff zu Geld zu machen. Nur der Aufmerksamkeit eines späten Spaziergängers ist es zu verdanken, dass sie ihr Werk nicht vollenden konnten. Sie mussten flüchten und ließen als Tatwerkzeug nur eine Alu-Leiter zurück. Der Kirchengemeinde blieben dadurch zwar 150 Kilogramm teures Kupferblech erhalten, der ihr entstandene Sachschaden wurde aber dennoch auf rund 10.000 Euro geschätzt.

Bei Diebstählen an und in Kirchen ist eine solche Bilanz fast die Regel: Es werden eher Werte zerstört oder beschädigt als Werte entwendet. Der spektakuläre Raub kaum ersetzbarer Kunstgegenstände ist die Ausnahme, das Diebesgut ist meist eher unscheinbar. So wurden im saarländischen Riegelsberg der Schlegel des Gongs im Altarraum, die Altarkerzen und das Altarmikrofon mitgenommen; bei der Weihnachtskrippe der Pfarrei St. Josef im hessischen Babenhausen fehlte plötzlich ein Diener samt Kamel im Gefolge der Heiligen Drei Könige. Bei Bösewichten besonders beliebt ist zudem nach wie vor das Angeln in Opferstöcken, das, so vermutet man nicht nur in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in diesem Sommer hauptsächlich von osteuropäischen Banden betrieben wird.

Im Durchschnitt 2.000 Kirchendiebstähle pro Jahr

Trotz eines gegenteiligen Anscheins ist die Zahl der Kirchendiebstähle in den vergangenen Jahren allerdings weitgehend gleich geblieben. Nach einer Auswertung der Statistiken der Landeskriminalämter, die jüngst von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorgenommen wurde, kommt es pro Jahr durchschnittlich zu etwas mehr als 2.000 solcher Straftaten. Eine hohe Dunkelziffer ist bei diesen Berechnungen jedoch einzukalkulieren, denn oft verzichten die von Diebstählen betroffenen Gemeinden auf den Gang zur Polizei. So stellte man im um seine Krippenfiguren dezimierten Babenhausen bloß resigniert fest: "Das nützt doch nichts. Die polizeiliche Aufnahme beansprucht nur Papier und füllt die Statistik."

Es ist denn auch nicht so sehr der Verlust an Geld und Gut, der von Pfarreien beklagt wird, schlimmer trifft sie in vielen Fällen ein fehlender Respekt vor sakralen Räumen. Dabei geht es noch nicht einmal unbedingt um Extremfälle wie das Urinieren im Altarraum oder die vorsätzliche Zerstörung sakraler Symbole. Generell scheint das Bewusstsein dafür verlorengegangen zu sein, dass es - so der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes - "ein Gradmesser für die Zivilisiertheit einer Gesellschaft" ist, wie sie mit den Räumen umgeht, die für viele ihrer Mitglieder heilig sind. Und zwar unabhängig davon, welchem Glauben sie anhängen.

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In England deckten Diebe unlängst ganze Kirchendächer ab, um das erbeutete Blei zu verkaufen. In Deutschland ist die Lage laut Experten weniger dramatisch, aber "ärgerlich": Die Behörden verzeichnen jährlich mehr als 2.000 Kircheneinbrüche.

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Da gibt es dann beispielsweise das Touristenpaar, das rücklings auf einer Kniebank sitzend die drückenden Schuhe abgestreift hat, um sich die vom endlosen Sightseeing malträtierten Füße zu massieren. Oder die fröhliche Jugendgruppe, die auf dem Geländer eines Beichtstuhls balancierend dem Begriff der Vesperandacht eine völlig neue Bedeutung gibt.
Gerade in kunstgeschichtlich interessanten Domen und Kathedralen herrscht überdies oft ein Gedränge, das sich mit Kind, Hund und Kaffeebecher durch Mittelgang und Seitenschiffe wälzt und aus dessen Mitte heraus die Augen der verbliebenen Beter von den Blitzlichtern der unzähligen Handykameras geblendet werden wie einst Moses vom Angesicht seines Herrn.

Zumindest in unseren Breiten scheint die Achtung vor Gotteshäusern und den sich in ihnen ausdrückenden Ideen nicht mehr viel größer zu sein als diejenige vor Bahnhöfen oder Abflughallen. Dabei ist offensichtlich in Vergessenheit geraten, dass es auch und gerade in einer Gesellschaft, die sich die Trennung von Staat und Religion auf ihre demokratischen Fahnen geschrieben hat, darauf ankommt, unter dem grundgesetzlich garantierten Recht der Religionsfreiheit die Meinungen und Bedürfnisse religiöser Gruppen ebenso zu schützen und zu respektieren wie die säkularer Gruppierungen. Blasphemische Akte beleidigen oder verletzen ja keinen gegen solche Respektlosigkeiten wahrscheinlich immunen Gott, sie beleidigen oder verletzen Menschen, denen dieser Gott heilig ist. Ein derartiger Umgang miteinander ist dann nicht nur schlechter Stil, er ist auch intolerant und undemokratisch.

Überwachungskameras als Lösung des Problems?

Wie die Kirchen selbst ganz praktisch damit umgehen sollten, dass ihre Räume längst nicht mehr als sakrosankt gelten, ist indes weitgehend geklärt. Die traditionell nicht verschlossenen katholischen Kirchen aus Angst vor Diebstählen und Vandalismus nur noch zu Gottesdienstzeiten zu öffnen, wird von den meisten Pfarreien zwar abgelehnt, immer mehr Kirchen werden zwischenzeitlich allerdings mit Kameras ausgestattet, die kriminelle Akte wenigstens gerichtsverwertbar dokumentieren können.

Und auch mit der Tatsache, dass es an manchen Orten vorwiegend schaulustige Touristen sind, die die Gotteshäuser füllen, hat man umzugehen gelernt. Gerade ihre Schaulust bringt diese Urlauber ja in Kontakt mit den Symbolen des Glaubens und reizt allein dadurch vielleicht bereits zur Aufnahme einer Auseinandersetzung mit ihm. Als unverbindlicher "Erstkontakt" könnte derartiges Sightseeing also durchaus positiv wirken. Ihre "Stammkundschaft" haben die Kirchen dennoch nicht aus den Augen verloren. Um die Andacht ihrer Beter und Gottesdienstbesucher zu schützen, sind viele Gemeinden an touristischen Brennpunkten inzwischen dazu übergegangen, bestimmte räumliche Bereiche und bestimmte Tageszeiten für den eigentlichen Kirchenzweck zu reservieren: die Begegnung mit Gott.

Von Uwe Bork

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