Von Kirche und Jugend und dem Hören aufeinander

Was kann die Kirche von der Jugend lernen? Und hört die Jugend umgekehrt noch auf die Kirche? Katholisch.de hat mit dem bayerischen Jugendbischof Florian Wörner darüber gesprochen.

Jugend | Augsburg - 09.01.2018

Frage: Herr Weihbischof, schon Anfang November haben die deutschen Bischöfe ihre Antwort auf den Fragebogen zur Jugendsynode nach Rom geschickt. Darin sind Sie stellenweise deutlich selbstkritisch. Sie schreiben etwa, dass die Kirche hierzulande zu wenig hinausgehe und dass der vom Papst gewünschte missionarische Aufbruch wenig Unterstützung erfahre. Was erwarten Sie sich da von der Jugendsynode?

Wörner: Ich sehe schon lange, dass es da noch viel Luft nach oben gibt - in der deutschen Kirche generell, nicht nur in der Jugendseelsorge. Ich nehme mich und mein Wirken davon auch nicht aus. Da dürfen wir uns von Papst Franziskus durchaus Anstöße geben lassen. Die Einladung an die jungen Leute, sich an der Synode und deren Vorbereitung zu beteiligen, kann eine Chance sein, das Interesse und die Aufmerksamkeit für die Themen, um die es dort geht, zu wecken.

Frage: Richtet sich die Synode nicht eher an die Mitarbeiter in der Pastoral und weniger an die Jugendlichen, die es zu erreichen gilt?

Wörner: Sowohl als auch. Natürlich werden solche Dokumente mehr von den Verantwortlichen gelesen. Aber mittelbar wird das auch Auswirkungen auf die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben, die uns anvertraut sind.

Frage: In Ihrem Papier haben Sie als deutsche Bischöfe einige erfolgreiche Projekte der Jugendpastoral in Deutschland vorgestellt. Darunter die Bewegung "Nightfever", die privat organisiert ist und mit der verfassten Kirche erst einmal nicht viel zu tun hat. Wie kommt es, dass solche florierenden Projekte vor allem außerhalb der kirchlichen Strukturen zu finden sind?

Wörner: Es gibt tatsächlich zahlreiche Initiativen, die von jungen Leuten kommen und sozusagen "von außen" an die Kirche herangetragen werden. So funktioniert auch "Nightfever" hier im Bistum seit mittlerweile neun Jahren recht gut. Es wird von jungen Leuten getragen und vom Bischöflichen Jugendamt unterstützt, begleitet und verantwortet. Das ist eine sehr fruchtbare und geistgewirkte Art des Arbeitens, wenn man solche Initiativen zulässt und gut begleitet, vielleicht manche Wucherungen abbaut und zu einem guten Ziel führt.

Frage: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen solchen Initiativen und der klassischen Jugendpastoral?

Wörner: Das Verhältnis kann gut sein, wenn man einander wertschätzt, sich ergänzt und nicht als Konkurrenz betrachtet. Es braucht diese manchmal sehr spontanen, aber oft sehr wertvollen Initiativen und Aufbrüche. Und es bedarf der Begleitung durch die Kirche.

Florian Wörner im Porträt
Der Augsburger Weihbischof Florian Wörner ist Jugendbischof der bayerischen Diözesen und Mitglied der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz.
 KNA

Frage: Braucht es neben dem Amt auch die territoriale Jugendarbeit beispielsweise in den Pfarreien? Da sind die Jugendlichen ja immer weniger zu finden.

Wörner: Wir haben in Bayern im Jahr 2015 eine groß angelegte Umfrage durchgeführt. Die hat gezeigt, dass die vielen Angebote von der Bistumsebene bis in die Pfarreien hinein insgesamt eine stolze Zahl von über 600.000 Jugendlichen erreichen. Das muss man natürlich differenzieren. Da sind Großveranstaltungen dabei, aber auch die klassische und fast schon totgeglaubte Gruppenstunde, die immerhin über 90.000 Kinder und Jugendliche besuchen. Das geschieht vor allem auf der Ebene der Pfarrei oder Pfarreiengemeinschaft; oft wenig öffentlichkeitswirksam, aber nachhaltig und fruchtbringend.

Frage: Ein grundlegendes Thema für den Papst und auch die deutschen Bischöfe ist die Neuevangelisierung. In der Jugendarbeit – etwa der großen Verbände – spielt das bislang eine eher untergeordnete Rolle. Welche Hoffnungen setzen Sie da zukünftig in die verschiedenen Akteure der Jugendpastoral?

Wörner: Als bayerischer Jugendbischof treffe ich mich regelmäßig mit den Jugendverbänden auf Landesebene. Wir sprechen dabei auch über die Frage, was sie neben ihrem großen gesellschaftlichen und politischen Engagement – das ich sehr schätze –  für die Kommunikation des Glaubens beitragen können. An vielen Stellen nehme ich ein ehrliches und redliches Bemühen wahr. Ich denke zum Beispiel an einen sehr guten Studientag der Katholischen Landjugendbewegung im vergangenen Jahr auf Bayernebene. Gleichzeitig sehe ich noch viele ungenutzte Möglichkeiten, was die Bemühungen um die Glaubenskommunikation anbelangt. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass man sich intensiver mit Themen wie Ehe und Familie auseinander setzt und mit dem, was die heilige Schrift und die Kirche dazu sagen. Die Zeit und Energie, die etwa für Fragen einer geschlechtssensiblen Jugendarbeit aufgewendet werden, würde ich lieber in die Beschäftigung mit den grundlegenden Themen des Glaubens und des Lebens aus dem Glauben investieren. Ich bin da auf verschiedenen Ebenen im Gespräch und fordere manchmal auch ein wenig heraus.

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In etwa einem Jahr wird die Bischofssynode Vatikan über und mit der Jugend sprechen. Im Interview mit katholisch.de erklärt der deutsche Jugendbischof Stefan Oster, was er sich davon erhofft. Dabei geht es auch um die Schwierigkeiten und Möglichkeiten, junge Menschen überhaupt zu erreichen.
 katholisch.de

Frage: Das beruht ein Stück weit sicher auf Gegenseitigkeit: In einem Beschluss zur Jugendsynode fordert der BDKJ von der Kirche, sie dürfe "der Berufung junger Menschen zum Weiheamt nicht im Wege stehen, weder durch den Ausschluss von Frauen zum Weiheamt noch durch die Verpflichtung auf den Zölibat". Wie kommen Sie in solchen Fragen überhaupt mit den Jugendverbänden zusammen?

Wörner: Solche Fragestellungen sind ja nicht neu, sondern eher als "alter Hut" zu bezeichnen. Ich habe meine Zweifel, ob solche Forderungen heute noch viele Menschen hinter dem Ofen hervor locken, oder ob nicht ganz andere Fragestellungen zum Thema Berufung und Entscheidungsfindung unter den Nägeln brennen. Wie gehen wir zum Beispiel um mit der Tatsache, dass sich junge Leute angesichts der Unübersichtlichkeit auf dem Markt der Möglichkeiten immer schwerer tun, Entscheidungen zu treffen? Wie können wir Hilfestellungen geben, dass sich junge Menschen entscheiden können für ein Leben in Ehe und Familie, für einen Beruf in der Kirche oder für ein Leben im Orden bzw. als Priester? Wurden diese Fragen, dass Gott junge Menschen ruft, schon einmal in einem Beschluss, in einer Debatte ehrlich thematisiert? Anstatt ständig auf Strukturänderungen zu pochen, wäre es besser, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Was können wir tun, damit der Ruf Gottes, der sicherlich auch heute an die jungen Leute ergeht, besser wahrgenommen werden kann?

Frage: Dazu fordern sowohl Bischöfe wie auch Verbände mehr Personal in der Jugend- und Berufungspastoral. Wenn sich alle einig sind, stellt sich die Frage, woran es scheitert: Am Geld, an den Fachkräften oder doch am Willen?

Wörner: Jugendarbeit braucht sicherlich genügend hauptamtliches Personal und entsprechende finanzielle Mittel; aber davon allein hängt gelingende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht ab. Ich denke an viele Ortskirchen weltweit, die keine Kirchensteuer haben und von daher bei weitem nicht das Personal vorhalten können, wie das bei uns in Deutschland der Fall ist. Aber auch dort geschieht durchaus gute Jugendpastoral, und zwar so, dass der Glaube kommuniziert wird, dass Berufungen wachsen können und lebendige Kirche erfahrbar wird. Gute Jugendpastoral hängt nicht zuerst vom Geld und von der Anzahl der Hauptberuflichen ab, sondern von dem, was Augustinus einmal formuliert hat: "In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst."

Gute Jugendpastoral hängt nicht zuerst vom Geld und von der Anzahl der Hauptberuflichen ab.

Weihbischof Florian Wörner

Frage: Jugendpastoral ist das eine, Berufungspastoral das andere Thema. Die spielt in Deutschland bislang eine untergeordnete Rolle. Woran liegt das?

Wörner: Wir haben in jeder Diözese entsprechende Einrichtungen; aber ich würde mir wünschen, dass diese noch intensiver mit der Jugendpastoral zusammenarbeiten und umgekehrt. Die Frage nach der Berufung muss ganz selbstverständlich in der Jugendpastoral gestellt werden. Aktuelle Studien besagen, dass sich junge Leute zunehmend schwerer tun, Entscheidungen zu treffen. In unserem Bistum haben wir seit ein paar Jahren das Projekt "Basical", das wir auch in unser Papier zur Vorbereitung auf die Synode aufgenommen haben. Dabei leben zehn junge Menschen einige Monate in einer Wohngemeinschaft und beschäftigen sich besonders mit der Frage ihres Lebensweges und dem Glauben. Ich denke, dass solche Projekte sehr geeignet sind, junge Menschen in ihren Fragen und Entscheidungen zu begleiten und zu unterstützen.

Frage: Beim Thema Berufungen geht es auch um das christliche Eheleben. Bei der vorangegangenen Weltbischofssynode hatten sich die deutschen Bischöfe sehr hervorgetan und einen eigenständigen Katechumenat gefordert. Erwarten Sie, dass dieses Thema im Zusammenhang mit der Jugendsynode noch einmal aufs Tapet kommt?

Wörner: Ich würde mir auf jeden Fall sehr wünschen, dass die Synode uns auffordert, die Berufung zu Ehe und Familie viel stärker als bisher in der Jugendpastoral zu thematisieren. "Amoris laetitia" ist ein wunderbares Dokument, das gerade die Ehevorbereitung stark in den Fokus rückt und dazu wegweisende Aussagen macht. Ich hoffe, dass die Synode daran anknüpfen kann.

Von Kilian Martin

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