Welchen Weg weist die Orientierungshilfe?

Nach Wochen des Streits schien die Frage des Kommunionempfangs für evangelische Ehepartner zunächst gelöst. Doch nun sind die einzelnen Bischöfe am Zug – und schlagen unterschiedliche Richtungen ein.

Bischöfe | Bonn - 07.07.2018

So beherzt dürften sich deutsche Bischöfe selten an die Umsetzung eines gemeinsamen Beschlusses gemacht haben. Innerhalb weniger Tage nach der Veröffentlichung der Orientierungshilfe "Mit Christus gehen – Der Einheit auf der Spur" hat bereits knapp ein Drittel der 27 deutschen Diözesen eine teilkirchliche Umsetzung des Schreibens angekündigt. Dabei ist jedoch noch längst nicht klar, wie genau der Kommunionempfang für protestantische Ehepartner zukünftig in den Bistümern aussehen soll. Absehbar ist allerdings, dass die Regelungen deutlich unterschiedlich ausfallen dürften.

Zuletzt war die Debatte um den Kommunionempfang für protestantische Ehepartner selbst für Kenner der innerkirchlichen Entscheidungswege verwirrend verlaufen. Nachdem einige der Oberhirten den Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zur Diskussion in den Vatikan gegeben hatten, schien es zunächst, als habe Rom das Papier in Gänze kassiert. Später wurde bekannt, dass man vielmehr eine erneute und vertiefte Debatte über die Thematik wünschte. Nach der jüngsten Sitzung des Ständigen Rats der DBK wurde das Dokument schließlich doch veröffentlicht; auf Wunsch des Vatikan jedoch nur als sogenannte Orientierungshilfe. Diese solle den Ortsbischöfen wiederum bei einer eigenverantwortlichen Entscheidung helfen. Welchen Tenor diese haben sollen, ließen Bischofskonferenz und Vatikan jedoch offen.

Den Anfang machte Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker. Am vergangenen Samstag, nur drei Tage nach Veröffentlichung der Orientierungshilfe, gab das Erzbistum seine Entscheidung bekannt. Nach Rücksprache mit dem Priesterrat habe er beschlossen, die Orientierungshilfe als pastorale Handreichung an seine Seelsorger weiterzugeben, die darauf aufbauend im Einzelfall entscheiden mögen. Er setzte damit als erster um, was die Mehrheit der Bischöfe schon im Februar wollte: Evangelischen Ehepartnern die Möglichkeit zu geben, in der katholischen Kirche die Kommunion zu empfangen.

Erzbischof Hans-Josef Becker
Als erster deutscher Diözesanbischof setzte Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker die Orientierungshilfe für sein Bistum um.
 KNA/David Klammer

In dieser Woche folgten weitere Bischöfe dem Weg Beckers. Hamburgs Erzbischof Stefan Heße gab das Dokument am Dienstag ebenfalls an seine Priester weiter: "Ich möchte Ihnen die Orientierungshilfe für die seelsorgliche Begleitung konfessionsverbindender Ehepaare sehr ans Herz legen." In seinem Brief erklärte er, der im Papier angedeutete Weg biete eine "Möglichkeit, wie es zu einem verantworteten Sakramentenempfang im Einzelfall kommen kann".

Feige: Manchmal muss es Streit geben

Auch im Bistum Magdeburg teilt man diese Position. Am Donnerstag lies Bischof Gerhard Feige seinen Seelsorgern die Orientierungshilfe mit einem Anschreiben zukommen. Als Vorsitzender Ökumene-Kommission der DBK war er zuvor maßgeblich der Erarbeitung des Textes beteiligt. Den harten Debatten, die sich darum entsponnen hatten, konnte er, der stets prominent als Wortführer der Unterstützer des Papiers auftrat, dennoch etwas Positives abgewinnen: "Manchmal muss es auch Streit geben, um den richtigen Weg zu finden", erklärte er am Dienstag im Deutschlandfunk. Dieser Weg bestehe für Feige nun darin, den vielen konfessionsverbindenden Eheleuten in seinem Diaspora-Bistum den gemeinsamen Kommunionempfang zu ermöglichen.

Auch der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr hatte an der Orientierungshilfe mitgearbeitet. Am Donnerstag gab auch er den Text " allen Paaren in konfessionsverbindender Ehe sowie allen Seelsorgerinnen und Seelsorgern" an die Hand. Am Freitag folgte schließlich Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Auch im Bistum Essen sollten sich die Seelsorger künftig an die Orientierungshilfe halten und evangelischen Ehepartner in Einzelfällen die Teilnahme an der Kommunion ermöglichen. Bereits am vergangenen Donnerstag hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, ebenfalls in Aussicht gestellt, den Priestern des Erzbistums München und Freising das Dokument zuleiten zu wollen.

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Eine etwas andere Lösung strebt man unterdessen in Osnabrück an. Man werde zwar "in Richtung dieser Orientierungshilfe handeln", erklärte Bistumssprecher Kai Mennigmann am Dienstag. Vorerst verzichtete Bischof Franz-Josef Bode jedoch darauf, den Text im Original an seine Priester zu verteilen. Vor der Festlegung auf eine Marschrichtung wolle er zudem die weitere Diskussion in der Bischofskonferenz abwarten. Diese trifft sich wieder Ende September zur Vollversammlung in Fulda. Diese will man auch im Bistum Münster abwarten, hieß es. Erst im Herbst werde man sich mit einem eigenen Leitfaden positionieren.

Gänzlich ohne besondere Einführung der Orientierungshilfe sprach der frisch geweihte Würzburger Bischof Franz Jung am Donnerstag überraschend eine allgemeine Einladung an evangelische Ehepartner aus: Bei den vier Gottesdiensten für Ehejubilare anlässlich der diesjährigen Bistumswallfahrt dürften sie zur Kommunion hinzutreten. Jung verkündete dies in seiner Predigt der ersten Jubiläumsmesse am Donnerstagvormittag. Er begründete seinen Entschluss damit, dass es ein besonderes Anliegen der Bischofskonferenz sei, die "gelebte Treue in der Hauskirche der Ehe (…) gerade auch in konfessionsverbindenden Ehen" besonders zu würdigen. Für die "kommende Zeit" kündigte er zudem eine Diskussion mit den diözesanen Räten über die Orientierungshilfe an. Weitere Angaben zur Umsetzung machte er dabei noch nicht.

Schick knüpft Kommunionempfang an Bedingungen

Entsprechend den Mehrheitsverhältnissen innerhalb der Bischofskonferenz war von den Gegnern der Orientierungshilfe bislang wenig zu hören. Nach der Sitzung des Ständigen Rats erklärte Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer, man habe sich in der neuerlichen Diskussion "um größtmögliche Einmütigkeit bemüht". Er sehe jedoch weiterhin theologischen Klärungsbedarf. Einzig Erzbischof Ludwig Schick meldete sich am Donnerstag mit seiner Interpretation des Textes zu Wort. Auch er sehe die Möglichkeit, evangelische Ehepartner in Einzelfällen zur Kommunion zuzulassen. Dafür formulierte der Bamberger Erzbischof jedoch zugleich eine Reihe von Bedingungen. Die Gläubigen müssten neben einem Verständnis der Eucharistie auch die gesamte Sakramentenlehre annehmen, was das katholische Amtsverständnis, mithin die Rolle des Papstes, einschließe.

Bambergs Erzbischof Ludwig Schick spendet als Metropolit die Bischofsweihe.
Bambergs Erzbischof Ludwig Schick gilt als Kritiker der Orientierungshilfe. Er knüpft den Kommunionempfang für evangelische Ehepartner im Erzbistum Bamberg an klare Bedingungen.
 katholisch.de

Auf den ersten Blick mochte mancher Beobachter Schicks restriktive Interpretation des DBK-Papiers nicht so recht mit den eher weiten Auslegungen seiner Amtsbrüder etwa aus Paderborn oder Würzburg zusammenbringen. Dabei ist dieser Pluralismus in der Orientierungshilfe durchaus angelegt. Während das Dokument zum Beispiel nicht explizit den Glauben an alle Sakramente der katholischen Kirche fordert, sagt es auch nicht, dass dieser irrelevant sei. Unterstützer einer wenig freigiebigen Anerkennung von Einzelfällen können sich zudem auf das bisherige Lehramt und die geübte Praxis der Kirche stützen.

Der Kommunionstreit der vergangenen Wochen ist mittlerweile weitgehend beigelegt. Dafür hat in erster Linie die vatikanische Entscheidung gesorgt, den Mehrheitsbeschluss der Bischofskonferenz zugunsten der Autorität der Diözesanbischöfe zurückzustellen. Beendet ist die Debatte damit freilich nicht. Denn immer noch bleibt abzuwarten, welche Richtung die Orientierungshilfe künftig tatsächlich weisen wird. Noch am Dienstag hatte sich Ökumenebischof Feige zuversichtlich gezeigt, dass es in Deutschland nicht zu einem "Flickenteppich" unterschiedlicher Regelungen kommen wird. Die ersten Umsetzungen deuten allerdings an, dass die diözesanen Regelungen doch weiter auseinander gehen könnten. Damit wird sich auch die Bischofskonferenz weiter mit der Frage befassen müssen. Denn auch laut dem stets klar positionierten Feige wäre eine Situation der widersprüchlichen Regelungen "nicht sehr glücklich".

Von Kilian Martin

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