Zusammen feiern – aber wann?

Die meisten Ostkirchen berechnen das Datum von Ostern anders als Katholiken und Protestanten. Ein großzügiger Vorstoß von Papst Franziskus könnte den Weg zu einer Einigung ebnen. Jetzt liegt der Ball im Feld der Orthodoxie.

Ostern | Bonn - 15.06.2015

Wann ist eigentlich Ostern? Auf eine einfache Frage gibt es eine einfache Antwort: Am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Im Detail ist es aber um einiges komplizierter. Waren es am Anfang der Kirchengeschichte vor allem mathematische und astronomische Probleme, ist der Ostertermin heute eine heikle Frage in der Ökumene zwischen den westlichen und den orthodoxen Kirchen.

Die Ostkirchen feiern Ostern nach dem julianischen Kalender, die übrigen nach dem gregorianischen. Für die Ökumene ist das schon lange Zeit ein Problem, das jüngst auch Papst Franziskus wieder aufgegriffen hat. Es sei doch ein Skandal, wenn Christen einander fragen könnten: "Wann ist die Auferstehung von eurem Jesus?" Franziskus ist dabei zu einem großen Schritt bereit: Einer Übernahme des orthodoxen Termins. Hinter diesem Vorschlag steht eine lange und wechselhafte Geschichte.

Wann ist Jesus auferstanden?

Die Kontroversen um den Ostertermin sind fast so alt wie die Kirche selbst. Am Anfang steht die Frage nach dem Datum der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu. In den Evangelien gibt es dazu unterschiedliche Zeugnisse; die frühe Christenheit und die moderne Bibelwissenschaft sehen den 14. Nisan, den Tag vor Beginn des Pessachfests, als wahrscheinlichsten Termin an. Und damit beginnt schon das Datumsproblem: Der Nisan ist der erste Monat des religiösen jüdischen Kalenders. Während sich der römische Kalender nach der Sonne richtet, richtet sich der jüdische vor allem nach dem Mond mit gelegentlichen Schaltmonaten, um nicht zu sehr vom Sonnenjahr abzuweichen. Das Christentum verbreitete sich im römischen Reich, auch dort, wo der jüdische Kalender unbekannt war. Zum Problem der Umrechnung von jüdisch in julianisch kam die Frage, wie genau denn umzurechnen sei.

Erst das Konzil von Nizäa schafft Einheit

In den ersten Jahrhunderten gab es nämlich in der jungen Christenheit keine allgemein anerkannte Autorität, die den Ostertermin festlegte. Während die "Quartodezimaner" in Kleinasien sich am jüdischen Kalender orientierten und immer am 14. Nisan feierten, egal auf welchen Wochentag der fiel, feierte eine andere Gruppe immer sonntags. Die "Protopaschisten" in Syrien und Mesopotamien wählten den Sonntag nach Pessach als Ostertermin. Eine einheitliche Regelung hat erst das Konzil von Nizäa 325 getroffen: Ostern soll sonntags gefeiert werden, nach dem Frühlingsanfang und nach Pessach.

Wie der genaue Termin berechnet werden sollte, hat das Konzil aber nicht beschlossen, und so dauerte es noch einige Jahrhunderte bis zu einer einheitlichen Feier. Erst der Benediktinermönch Beda Venerabilis – auf ihn geht auch die Jahreszählung "nach Christi Geburt" zurück – sollte im achten Jahrhundert ein allgemein anerkanntes System der Zeitberechnung entwickeln.

Die Kalenderreform Gregor XIII.

Fast 1000 Jahre lang stand damit der Ostertermin für alle Christen fest – der ihm zugrundeliegende julianische Kalender hatte aber einen Schönheitsfehler: Er hinkte immer mehr dem Sonnenjahr nach, im 16. Jahrhundert gut zehn Tage. Um Sonne und Kalender wieder in Einklang zu bringen, musste eine Reform her. Mit der Bulle "Inter gravissimas" setzte Papst Gregor XIII. einige Änderungen in Kraft: Zehn Tage im Kalender wurden übersprungen, auf den 4. Oktober folgte der 15. Oktober 1582, danach wurde die Zeit nach einem von dem deutschen Jesuiten Christophorus Clavius berechneten System gezählt. In den katholischen Gebieten wurde die Reform schnell umgesetzt, in den protestantischen dauerte es bis ins 18. Jahrhundert, in den orthodoxen Ländern sogar teilweise bis in die 1920er Jahre. Zuletzt stellte China die Zeit um: 1949 führte die Volksrepublik den gregorianischen Kalender ein.

Ursprünglich wollten auch die orthodoxen Kirchen ihren Kalender anpassen; und zwar nicht durch Übernahme des gregorianischen, sondern durch einen eigenen orthodoxen Kalender. Die Unterschiede zum gregorianischen sind aber sehr gering: Erst im Jahr 2800 wird es die ersten Abweichungen geben. Nicht alle Ostkirchen haben den neuen Kalender übernommen: seither gibt es in der Orthodoxie "altkalendarische" und "neukalendarische" Kirchen. Ostern wird aber – mit Ausnahme der orthodoxen Kirche in Finnland – in allen Kirchen nach dem alten julianischen Kalender gefeiert, um die Einheit der Orthodoxie zu betonen.

Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der Grabekirche in Jerusalem.
Die katholisch-orthodoxe Ökumene ist ihnen ein Anliegen: Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der Grabekirche in Jerusalem.
 KNA

Streben nach Einheit

Mit seinem Vorstoß zu einem gemeinsamen Ostertermin steht Papst Franziskus in einer längeren Tradition. Bereits 1963 votierten die Konzilsväter des Zweiten Vatikanums für einen festen Ostertermin. Das Hochfest sollte am zweiten Sonntag im April gefeiert werden, ein Termin, der nahe am rekonstruierten historischen Datum der Auferstehung, dem 9. April 30, liegt. Auch einer Kalenderreform der Vereinten Nationen, die damals diskutiert wurde, wollte sich das Konzil nicht entgegenstellen – mit einem gemeinsam vereinbarten Kalender hätte es eine neue Chance für einen gemeinsamen Ostertermin gegeben.

Die Konzilsbeschlüsse hatten jedoch keine Konsequenzen. Erst 1997 wagte der Ökumenische Rat der Kirchen einen neuen Vorstoß: Am ersten Sonntag nach dem astronomischen Vollmond nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche soll Ostern sein. Referenzpunkt für die astronomischen Daten sollte Jerusalem sein. Bereits 2001 sollte der neue Termin greifen, in einem Jahr, in dem die orthodoxen und westlichen Ostertermine ohnehin auf denselben Tag fallen.

Linktipp: Ein starkes Zeichen

In ihrem Kommentar ordnet Monika Metternich den Vorstoß von Papst Franziskus ein: Schon lange ein Anliegen in der Ökumene – aber ohne Frage ein gutes und starkes Zeichen!

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Auch dieser Vorstoß wurde nicht verwirklicht: Für die orthodoxen Kirchen hätten sich die folgenden Termine massiv verschoben, während die neuen Termine im Westen erst 2019 zu einer Änderung geführt hätten. Zudem würde Ostern so gelegentlich auch vor das jüdische Pessachfest fallen: was im Westen bereits jetzt passieren kann, wird im Osten durch eine zusätzliche Regel ausgeschlossen. Dieser Versuch einer Einheit scheiterte daher am orthodoxen Einspruch.

Aus dieser jüngeren Geschichte erklärt sich auch der Vorstoß von Franziskus, den orthodoxen Termin zu übernehmen: Was mathematisch und astronomisch ein Rückschritt wäre, nämlich eine Verwendung des eigentlich obsoleten julianischen Systems, könnte für die Orthodoxie das notwendige Entgegenkommen sein, um sich auf einen Vorschlag aus dem Westen einzulassen. Mit der Verwendung des orthodoxen Kalenders – der ja noch 800 Jahre lang parallel zum gregorianischen läuft – wäre sogar ein Formelkompromiss denkbar, der astronomische Genauigkeit mit ökumenischer Gesinnung verbinden würde und für beide Seiten gesichtswahrend wäre. Nur die alt- und neukalendarischen orthodoxen Kirchen müssten sich dazu noch einigen.

Von Felix Neumann

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