Den Thesenanschlag gab es nicht!

Volker Leppin über Luther-Legenden

Standpunkt | Bonn - 31.10.2017

Volker Leppin ist Kirchenhistoriker. Seit 2010 hat er den Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen inne.

Es gibt doch noch Neues zum Thesenanschlag – gerade rechtzeitig vor dem 31. Oktober 2017! Während es allerdings vor einem Jahrzehnt ein großes Rauschen im Blätterwald gab, als manche meinten, eine Notiz von Luthers Sekretär Georg Rörer beweise einen Thesenanschlag, bleibt es diesmal merkwürdig still. Der Grund dafür liegt wohl darin, dass die Befürworter eines Thesenanschlags aus den neuen Erkenntnissen nun gar nichts mehr gewinnen können – im Gegenteil: Es scheint, dass die letzten Versuche, den "Thesenanschlag" historisch zu retten, nun in sich zusammenbrechen.

Dass Rörer, der selbst am 31. Oktober 1517 nicht in Wittenberg war, die Beweislast nicht tragen konnte, war in den seinerzeitigen Debatten rasch klargeworden. Daher hatte sich unter Anhängern eines Thesenanschlags in den vergangenen Jahren eine Annahme des hoch angesehenen Göttingern Kirchenhistorikers Bernd Moeller großer Beliebtheit erfreut: Moeller, selbst lange Zeit der festen Überzeugung, dass es einen Thesenanschlag nie gegeben habe, hatte seine Auffassung geändert und wählte nun einen geistreichen, allerdings hochspekulativen Weg zur Begründung des Thesenanschlags: In Wittenberg, so sein Argument, war die Kombination aus Disputation, Thesenanschlag und Thesendruck ganz üblich. Und da die frühesten bekannten Drucke von Luthers Thesen zunächst die Form eines Plakates gehabt hätten, müsse es ein entsprechendes Vorbild gegeben haben, produziert am 31. Oktober und wie für solche Fälle üblich hergestellt von der Druckerei "Bei den Augustinern" Rhau-Grunenberg in Wittenberg. Die These eines Wittenberger Urdrucks der Thesen, der existiert habe, aber leider verschollen sei, reüssierte rasch, bis hinein in die magistrale Darstellung der Reformation in Deutschland von Thomas Kaufmann. Brachte man den offenkundigen Einwand vor, dass all dies eine bloße, ungesicherte Vermutung, in Fachsprache: eine Konjektur darstellte und der vermeintliche Urdruck durch nichts belegt ist, musste man mit zum Teil scharfer Kritik rechnen.

Mittlerweile aber wurde Moellers These von zahlreichen Befürwortern des Thesenanschlags stillschweigend ad acta gelegt – mit einem Mal ist die Rede von einem Erstdruck in Leipzig, irgendwann vor dem 11. November. Was ist passiert? Zweierlei hat das Zurückrudern bewirkt: Erstens wurde eine handschriftliche Bemerkung auf einem Exemplar eines Thesendrucks als Notiz von Luthers Freund Johannes Lang identifiziert. Ein schöner Fund, wusste die Forschung doch schon lange, dass Martin Luther Lang die Thesen am 11. November zugeschickt hat – man kommt also recht nahe an die Ursprünge bei Luther. Kleiner Schönheitsfehler: Dieser Thesendruck stammt aus Leipzig und eben nicht aus Wittenberg. Von dort konnte sie auch gar nicht stammen, so der zweite Punkt: Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und einer der wichtigsten Motoren des Reformationsjubiläums, hat darauf hingewiesen, dass die Druckerei Rhau-Grunenberg just im Herbst 1517 aus ihrem Domizil bei den Augustinern fortzog und erst im November wieder druckfähig war. Der 31. Oktober scheidet für Drucke aus dieser Werkstatt damit aus. Nimmt man dazu das Briefdatum, unter dem Luther den Thesendruck an Lang gesandt hat, mehr als zehn Tage nach dem fraglichen 31. Oktober, so wird deutlich, dass wohl doch der Reformator selbst die Dinge besser beschrieben hat als die späteren eifrigen Verfechter eines Thesenanschlags: Nach Luthers eigener Aussage hat er sich zunächst lediglich in Briefen an Bischöfe gesandt und erst danach seine Thesen herausgegeben. Da wir einen der Briefe an die Bischöfe kennen und dieser auf den 31. Oktober datiert ist, bleibt für einen Druck nur ein späterer Termin – der dürfte wohl recht nahe am 11. November liegen. Und damit gilt bis zur nächsten Konjektur: Einen Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 hat es nicht gegeben.

Von Volker Leppin

Der Autor

Professor Dr. Volker Leppin ist Kirchenhistoriker. Seit 2010 hat er den Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen inne.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017