Standpunkt

Die "zweite" Schuld

Volker Resing über die Rückkehr des Missbrauchsskandals

Bonn - 29.01.2016

Der Missbrauchsskandal ist zurück. Besser gesagt, er hat noch lange nicht aufgehört. Die neuen Berichte aus Hildesheim sind verstörend, aber auch aus Regensburg, Ettal, Bonn und anderswo sind irritierende Nachrichten zu hören. Eine Szene aus dem Jahr 2010 mag dabei symptomatisch erscheinen. Das Bistum Hildesheim gibt eine Pressekonferenz, bei der beteuert wird, man werde sich um Verdachtsfälle kümmern, vor allem einen inzwischen bekannten Täter beobachten und aufmerksam sein.

Vier Wochen später sitzt ein Mädchen vor den gleichen Leuten, die zuvor die Presse informiert haben, und berichtet von einem vermeintlichen Missbrauch. Täter soll eben jene Person sein, von der die halbe Republik durch die Berichterstattung über das Berliner Canisius Kolleg weiß. Man schickt das Mädchen nach Hause. Ein halbes Jahr später wird dann das Mädchen medizinisch betreut – das Bistum reagiert und schaltet die Staatsanwaltschaft ein. Das Bistum und auch der Bischof haben inzwischen Fehler eingeräumt. Doch nun kommen weitere Berichte heraus, auch die Mutter des Mädchens sei missbraucht worden. Nun soll, im Jahr 2016 (!) ein unabhängiger Gutachter eingesetzt werden. Der Sumpf scheint immer tiefer zu werden, je genauer man hinschaut.

Das Problem dabei ist nicht der Sumpf, sondern die noch immer unzureichende Wahrnehmungsfähigkeit in Teilen der Kirche. Noch immer bedarf es Medienberichten, um Vorwürfe aufzuklären und Maßnahmen einzuleiten. Dabei sind die Fernsehbeiträge oder Zeitungstexte mal gut und mal schlecht, mal oberflächlich, mal gründlich, das ist aber egal. Vielmehr müsste es endlich aufhören, dass die Kirche immer erst dann etwas Preis gibt, wenn Bruchstücke in die Medien gelangen. Das ist die schon oft beschriebene "zweite" Schuld, die Schuld der Vertuschung.

Die Kirche ist keine Täterorganisation, Missbrauch schon gar nicht ein kirchliches oder katholisches Phänomen. Auch gibt es das Problem, dass Unschuldige beschuldigt werden. Doch das alles hört nicht auf, bis nicht der Letzte in der Kirche endlich lernt, dass eine neue Zeit der Transparenz und Offenheit angebrochen ist. Es muss endlich das Bewusstsein reifen, dass man der Kirche durch Vertuschung immer schadet, durch Aufklärung nie.

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der "Herder Korrespondenz".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Volker Resing

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