Nicht die letzte Enthüllung dieser Art

Pater Mertes über Gewaltrituale in Bundeswehr und Gesellschaft

Standpunkt | Bonn - 30.01.2017

Immer wieder steht man fassungslos vor Skandalen wie den jüngst enthüllten Vorgängen in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf: Erniedrigungsrituale, sadistisch-sexueller Missbrauch, Vertuschung. Wie kann es zu solchen Ritualen kommen? Was macht ihre Anziehungskraft aus? Warum funktioniert das Schweigekartell so unerbittlich?

Ich höre Stimmen die sagen, hier würde "mal wieder" in der Presse etwas "aufgebauscht". Quatsch! Mich erinnern solche Stimmen an meinen eigenen pädagogischen Alltag, wenn wir gegen massiven Widerstand der Beteiligten einschließlich der Opfer bei nur scheinbar "harmlosen" Initiationsspielchen einschreiten - Spielchen, hinter sich dann übrigens oft weniger harmlose "Spielchen" verbergen, die erst sichtbar werden, wenn man einmal die "harmloseren" aufgedeckt hat. Der Fall Pfullendorf ist ein widerliches Beispiel für eine Dynamik, die tiefe gesellschaftliche Wurzeln hat. Wir finden das Muster in Familien, Schulen, Clubs, Verbindungen, Parteien, und vor allem überall da, wo sich Gruppen über ein elitäres Selbstverständnis definieren, auch im politischen und religiösen Bereich, ob rechts oder links, ob "christlich" oder "muslimisch". Im Kern geht es um Initiation: "Ich unterwerfe mich, damit ich unterwerfen darf." Durch Unterwerfung gehört man dazu, und weil man dazugehört, darf man unterwerfen. Es ist der Zugang zur Machtposition, der die Teilnahme an diesen Ritualen so attraktiv macht, selbst wenn diese mit Schmerzen, Demütigung und Erniedrigung verbunden sind.

Pfullendorf wird nicht letzte Enthüllung dieser Art sein. Solche Enthüllungen sind, wenn man der allgegenwärtigen Falle der Selbstgerechtigkeit entkommen will, eine Gelegenheit zur kritischen Selbstüberprüfung: Wo bin ich selbst für solche Machtspiele anfällig? Wieviel bedeutet mir für mich Macht? Wo bin ich bereit, mich zu unterwerfen, um dann auf der Seite der Macht dabei sein zu können? Wo habe ich mich schon unterworfen, und bin dabei, "die" zu verachten, die nicht dazugehören, oder gar "die" zu hassen, die gar nicht dazugehören wollen und das auch sagen? Vielleicht helfen solche Fragen auch, einen Zugang zu finden zu einer der tieferen Ursachen der gesellschaftlichen Spaltung, die wir zur Zeit erleben - einschließlich der Spaltungen in der Kirche. 

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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