"Wie ein Türöffner zu Gott"

Nicht bei jedem in ihrer Familie kam es gut an, dass Sonja Kisler zum katholischen Glauben konvertieren wollte. Doch bei einer Reise nach Rom hatte sie ein Erlebnis, das sie nicht mehr loslies.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 17.04.2017

Frage: Frau Kisler, Sie waren evangelisch und wollten katholisch werden. Warum?

Sonja Kisler: Ich war schon länger katholisch angefärbt. Nicht nur, weil ich mit meiner Familie fast 40 Jahre im katholischen Bayern gelebt habe, auch, weil es mich immer schon in katholische Gotteshäuser hineingezogen hat. Ich habe mich dort wohl gefühlt und viel gebetet. In Bayern waren die Kirchen nie Prunk oder Protz für mich, sondern immer Ausdruck von Liebe. Ich spürte, dass hier ein besonderer Geist wirkte. Die Architektur, die Ausschmückung der Kirchen, das alles wurde ja von Menschen geschaffen, die eine besondere Begabung von Gott dazu hatten. Ich habe dort eine große Liebe gespürt. Und diese Liebe habe ich vermisst, als wir nach Freudenstadt umgezogen sind. Freudenstadt ist zu 80 Prozent evangelisch, und die evangelischen Kirchen sind tagsüber ja meistens geschlossen. Natürlich gibt es da auch schöne Kirchen im Schwarzwald, aber ich merkte rasch, dass mir etwas fehlte.

Frage: Was war es denn genau, was Sie vermisst haben?

Kisler: Mir fehlte die Möglichkeit, auch außerhalb der Gottesdienstzeiten in der Kirche zu beten. Wenn ich eine katholische Kirche betrete, ist das für mich wie ein Hingehen zu Gott. Ich mache das Kreuzzeichen und knie vor Gott nieder, um zu beten. Das habe ich immer schon gemacht, obwohl ich evangelisch war. Das Kreuzzeichen ist für mich wie ein Anklopfen bei Gott. Ich sage ihm hiermit: Ich bin jetzt da und habe Zeit für ein Gespräch.

Auf dem Apsismosaik in der Basilika Sankt Paulus vor den Mauern wird Christus sitzend auf einem Thron gezeigt, seine rechte Hand zur Segensgeste erhoben.
 katholisch.de/Julia Martin

Frage: Wie sprechen Sie Gott an?

Kisler: Ich bete sehr viel frei und spreche Gott mit "Du“ an. Für mich ist Gott wie ein Vater und ich sage einfach "Du" zu ihm. Und dann rede ich mir alles von der Seele, was mich bewegt.

Frage: Manchen Menschen fällt es schwer, Gott als Vater anzusprechen. Kennen Sie dieses Gefühl?

Kisler: Ja, das kenne ich auch. Es gab eine Zeit, bevor ich katholisch wurde, in der ich zu Gott nicht Vater sagen konnte. Ich habe stattdessen zur Gottesmutter Maria gebetet und sie um ihre Hilfe gebeten. Ich hatte aber nie darüber nachgedacht, warum das so ist. Eine Ordensfrau hat mich dann einmal bei Einkehrtagen im Kloster darauf angesprochen. Sie wollte wissen, wie mein Verhältnis zu meinen Eltern war. Und dann habe ich festgestellt, dass ich ein wunderbares Verhältnis zu meiner Mutter hatte, nicht aber zu meinem Vater. Mein Vater hat mir nie etwas Böses angetan, im Gegenteil, aber 1967 stand die Züchtigung an der Tagesordnung. Er war in der Erziehung streng und es gab Schläge. Die Ordensschwester hat mir dann empfohlen, all das Negative, das ich mit meinem Vater verbinde, zur Seite zu legen. Sie hat auch gesagt, dass Gottvater gütig ist und mich liebt. Er ist nicht hartherzig oder streng. Bei meinem Vater war das anders: Wenn wir Kinder nicht funktioniert haben, gab es keine Liebe. Heute weiß ich, dass Gott nicht so ist. Gott liebt mich, egal ob ich etwas geleistet habe oder nicht. Es ist eine allumfassende große und tiefe Liebe, die mich umgibt. Dies zu verstehen, war nicht einfach für mich, aber es ist mir gelungen. Heute bin ich versöhnt mit meinem Vater und kann zu Gott Vater sagen.

Frage: Und dann wurden Sie katholisch?

Kisler: Im Rückblick weiß ich, dass das alles wichtige Schritte auf dem Weg dorthin war. Aber der konkrete Auslöser war eine Romreise mit der evangelischen Kantorei, in der ich mitsinge. Ich habe mich in Rom sehr wohl gefühlt mit all den schönen Kirchen ringsum. Kurz vor unserer Abreise besuchten wir noch die Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Und dort passierte es dann. In der Kapelle entdeckte ich ein Jesuskreuz, ein besonderes Holzkreuz, das mich bis heute immer wieder tief berührt. Ich weiß noch, wie ich in dieser Kapelle stand und auf das Kreuz blickte. Es hat mich dermaßen angesprochen, dass ich es nicht fotografieren konnte. Ich stand vor diesem Kreuz und hatte das Gefühl, da ruft dich jemand. Später bin ich dann nochmals hin. Das Kreuz hat mich einfach angezogen und etwas in mir ausgelöst, das ich nicht beschreiben kann. Ich weiß nur, dass ich in der Nacht darauf heftig geträumt habe. Ich stand im Traum vor meiner Familie und habe laut gesagt: Ich werde katholisch. Und dann noch einmal: Ich werde katholisch. Ich muss das wohl so laut gesagt haben, dass ich davon aufgewacht bin. Das war im September 2015.

Gott liebt mich, egal ob ich etwas geleistet habe oder nicht.

Sonja Kisler

Frage: Wie ging es dann weiter, als sie aufgewacht sind?

Kisler: Ich habe meiner Familie gesagt, dass ich katholisch werden möchte. Manche haben regelrecht erstaunt reagiert, der Großteil fand das gut. Ein großer Zuspruch war allerdings nicht da. Mein Mann und meine Kinder haben gesagt, du bist alt genug, du musst wissen was du tust. Ich weiß auch, dass sich manche bis heute schwer tun mit meiner Entscheidung. Aber das ist mein Weg, den Gott mit mir vorhatte.

Frage: Hatten Sie keine Zweifel?

Kisler: Doch, und wie. Ich habe intensiv darüber nachgedacht, ob meine Entscheidung richtig ist. Und wie sollte ich das am besten prüfen? Klar, ich musste wieder nach Rom. Mein Sohn hat für mich den Flug gebucht und vier Monate später, am 25. Januar 2016, stand ich wieder in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern und zwar genau vor meinem besonderen Holzkreuz. Erst später habe ich herausgefunden, dass das genau der Tag der Bekehrung des heiligen Paulus war.

Frage: Konnten Sie das Kreuz dann fotografieren?

Kisler: Ja, nun habe ich es fotografiert und das Bild hängt heute über meinem Bett. Es soll mich immer an diese tiefe Begegnung vor dem Kreuz erinnern. Bei der zweiten Romreise war ich jeden Tag in der Basilika und habe dort viel gebetet. Vier Tage lang. Ich habe dort auch die Eucharistie mitgefeiert. Am Abend war auch eine Vesper mit Papst Franziskus. Das alles hat mich so berührt, dass für mich nun endgültig feststand: Ich werde katholisch. Zurück in Deutschland habe ich meine Firmvorbereitung gestartet und bin am 16. Juli 2016 in Freudenstadt in der Taborgemeinde gefirmt worden.

Das Hauptschiff der Basilika Sankt Paul vor den Mauern mit goldener Kassettendecke. Sankt Paul vor den Mauern ist eine der Papstbasiliken von Rom und zählt zu den sieben römischen Pilgerkirchen.
 katholisch.de/Julia Martin

Frage: Sie sprechen von einer "Begegnung“ vor dem Kreuz?

Kisler: Ja, etwas hat mich da hingezogen und ganz tief drinnen angesprochen. Ich kann es nur so beschreiben, dass dieses Kreuz für mich wie ein Türöffner zu Gott gewesen ist. So, als hätte Gott mir einen Schlüssel zum Glauben geschickt. Was genau vor dem Kreuz mit mir passiert ist, kann ich nicht in Worten beschreiben, ich weiß nur, dass es mein Leben komplett verändert hat. Zu diesem Kreuz zieht es mich immer wieder hin. Dieses Jahr fahre ich wieder nach Rom, ich freue mich schon darauf. Wenn ich vor der Basilika stehe, fühlt es sich an, als würde ich heimkommen.

Frage: Was hat sich seitdem verändert in Ihrem Leben?

Kisler: Ich gehe sehr oft zur Eucharistie, das ist das größte Geschenk für katholische Christen. Im Hinblick auf die Menschen versuche ich heute vieles anders zu sehen, mit viel mehr Geduld und Liebe.

Frage: War es die richtige Entscheidung katholisch zu werden?

Kisler: Definitiv, ja. Ich fühle mich so wohl damit, alles andere zählt nicht. Manchmal kam ich mir vor wie ein Kochtopf mit Überdruck. Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Umgebung mit meinen Glaubenserfahrungen und dieser neuen Liebe fast erdrücke. Ich hatte nie Bedenken, dass meine Entscheidung nicht richtig war. Wenn man sich da aufhält, wo man hinwill, dann kann man auch die Zweifler besser besänftigen. Ich brauche aber die Kraft, die muss ich mir da holen, wo es mir gut tut. Für mich ist das Rom. Eine Freundin, die übrigens evangelisch ist, hat mich in dieser Zeit intensiv begleitet. Sie hat immer wieder festgestellt, dass ich eine starke Ausstrahlung bekommen habe. Das hat mir Mut gemacht auf meinem Weg. Heute weiß ich, dass das alles ein Geschenk Gottes an mich ist. Das schenkt mir eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit.

Von Madeleine Spendier

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