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Ein Mann aus dem Volk

Pater Pio wurde im September 1918 über Nacht berühmt: Nach einer Vision zeigten sich an seinen Händen, Füßen und an der Brust Wunden.

Pater Pio | Bonn - 28.02.2015

Pater Pio ist eines der mysteriösesten Phänomene Italiens: Sein Kapuzinerkonvent in Apulien ist eine der meistbesuchten Pilgerstätten der Welt; Bilder mit dem Konterfei des bärtigen Paters zieren Bars und Taxen. In einer Umfrage kürten Italiener ihn zur beliebtesten christlichen Persönlichkeit noch vor Maria und Jesus.

Von dem 1968 gestorbenen und 2002 heiliggesprochenen Pater gibt es unzählige Audio- und TV-Mitschnitte, die knapp 20 Stunden am Tag über den Pater-Pio-Fernsehkanal ausgestrahlt werden. Am 25. Mai 1887 wurde Pater Pio als Francesco Forgione in Pietrelcina östlich von Neapel geboren.

Er war, anders als viele adlige Heilige Norditaliens, ein Mann aus dem Volk: Die Eltern Bauern, drei seiner sieben Geschwister verstarben früh, der Vater musste das Dorf zweimal verlassen, um in Amerika Geld zu verdienen. Als 15-Jähriger trat der kränkliche Francesco in den Kapuzinerorden ein. 1916 wurde er nach San Giovanni Rotondo im "Sporn" des italienischen Stiefels versetzt, wo er 52 Jahre später als beliebtester Beichtvater Italiens starb.

Wundmale an Händen, Füßen und der Brust

Dort wurde der Pater im September 1918 über Nacht berühmt: Nach einer Vision zeigten sich an seinen Händen, Füßen und an der Brust Wunden. Trotz oder wegen der Zweifel der Kirchenleitung an der Echtheit der den Wunden Jesu ähnelnden Kreuzigungsmale strömten Pilger zu dem Pater.

An seiner Beliebtheit konnten die vatikanischen Untersuchungskommissionen, die seine Stigmata als Autosuggestion bezeichneten und ihm finanzielle Unregelmäßigkeiten vorwarfen, nichts ändern. Ein von 1931 bis 1933 bestehendes Verbot öffentlicher Auftritte steigerte seine Beliebtheit. Danach brachten die Besucher, Bittsteller und Beichtkinder so viele Spenden mit, dass der Pater im Jahr 1956 in der Kleinstadt eine große Klinik eröffnen konnte.

Gedenktag: 23. September

Schutzpatron der kleinen Leute; der Barkeeper, der Marktfrauen, der Friseure, der Schlachter und der Hausfrauen

Mit der Zeit wandelte sich auch die Haltung der Päpste. Hatte Papst Johannes XXIII. noch 1960 gemeint, der Pater richte eine "enorme Verwüstung der Seelen" an, staunte sein Nachfolger Paul VI., wie viele Menschen der Kapuziner anzog. Johannes Paul II. hatte 1947 als junger Priester selbst bei Pater Pio gebeichtet. Als Papst erhob er ihn 1999 zum Seligen und drei Jahre darauf zum Heiligen.

Verehrer schätzten an Pater Pio seine süditalienisch direkte Art: Zuweilen verjagte er Menschen aus dem Beichtstuhl, wenn er fand, dass sie nicht in der "richtigen inneren Verfassung" waren. Bekannt ist auch seine Vorliebe für Lakritzbonbons. Im Konventsmuseum von San Giovanni Rotondo wird seine letzte Tasse Espresso - samt Bodensatz - ausgestellt. Auch viele Apotheken-Fläschchen werden gezeigt. Kritiker sagen, der Pater habe sich seine Stigmata mit ätzenden Stoffen selbst zugefügt.

Ein Segen für San Giovanni Rotondo

Für die 27.000-Einwohner-Stadt im strukturschwachen Süden ist der Pater bis heute ein Segen: Die Klinik gilt als eine der modernsten Süditaliens, die umliegenden Gemeinden leben von der Produktion von Souvenirs und Büchern, und im Ort selbst reiht sich ein Hotel ans andere. Einen Höhepunkt erreichte die Pater-Pio-Verehrung um die Jahrtausendwende zwischen der Selig- und Heiligsprechung: Bis zu sieben Millionen Menschen im Jahr besuchten sein Grab in der viel zu kleinen Krypta unter der Konventskirche. Acht Millionen kamen, als sein präparierter Leichnam ab 2008 für 17 Monate in einem Glasschrein gezeigt wurde.

Trotz zahlreicher Proteste von Anhängern des wundertätigen Kapuziners wurde sein Grab 2010 aus der Gruft der alten Kirche unter das wenige Meter entfernte monumentale Gotteshaus des Architekten Renzo Piano verlegt. Seitdem kommen freilich weniger Pilger in die Stadt. Das Tourismusbüro nennt die Wirtschaftskrise als Ursache. Doch möglicherweise ist es auch die komplett mit goldenen Mosaiksteinen bedeckte Unterkirche, die nicht so recht zu dem volksnahen Pater passt.

Von Agathe Lukassek

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