Papst Franziskus steigt in ein Flugzeug, um am 6. Juni 2015 nach Sarajevo zu reisen
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Franziskus reist Mitte Januar nach Chile und Peru

Der Papst an den Rändern Lateinamerikas

Reich an Chancen, aber auch nicht arm an Problemen: In Chile und Peru erwarten den Papst zwei aufstrebende Schwellenländer. Doch Franziskus wird sich auch mit den kritischen Themen beschäftigen.

Von Burkhard Jürgens (KNA) |  Vatikanstadt - 08.01.2018

Der Papst mit Vorliebe für Peripherien reist wieder an die Ränder: Diesmal ist es die Westküste seines Heimatkontinents Lateinamerika mit Chile und Peru. Beides sind Länder im Aufbruch, Länder im Umbruch, sie stehen an Weggabelungen für die gesellschaftliche Zukunft und haben noch schwer an ihrer jeweiligen Geschichte von Militärdiktatur und Autokratie zu tragen.

Um mit der Politik zu beginnen: In Chile wechselt gerade die Regierung von der Sozialistin Michelle Bachelet zum Mitte-Rechts-Unternehmer und Milliardär Sebastian Piñera, in Peru spürt Präsident Pedro Pablo Kuczynski den Widerstand der Bürger, nachdem er gerade ein Amtsenthebungsverfahren mit Hilfe der Parteigänger seines verhassten Vorgängers Alberto Fujimori knapp überlebt hat.

Natürlich vermeidet es der Vatikan, sich in innenpolitische Angelegenheiten einzumischen, aber die Frage ist, ob Papst Franziskus die aktuellen Debatten umschiffen kann. In Chile sorgen sich viele, dass der unter Piñera erwartete wirtschaftsliberale Wachstumskurs auf Kosten sozialer Sicherheit und der Bildung geht. In Peru steht einmal mehr das Thema Korruption in den Schlagzeilen. Beide Themen liegen Franziskus eigentlich zu sehr am Herzen, als dass er dazu schweigen könnte.

Demonstration skandieren im Altarraum ihre Parolen.

Die Kirche steht auch in Spannung mit der chilenischen Gesellschaft: Mit Spruchbändern, Plakaten und Fußball-Fanfaren marschierten die Gegner des damals geltenden Abtreibungsverbots in die Kathedrale von Santiago de Chile, lärmten und stimmten Sprechchöre an.

In erster Linie kommt der Papst jedoch als Seelsorger, und deshalb steht, wenn er am 15. Januar abends in der chilenischen Hauptstadt Santiago landet, am folgenden Vormittag eine große Messe im O'Higgins-Park auf dem Programm. Am selben Tag sind auch ein Besuch in einem Frauengefängnis und Treffen mit Priestern und Ordensleuten, Bischöfen sowie Mitbrüdern aus dem Jesuitenorden vorgesehen.

Franziskus besucht auch die Mapuche im Süden Chiles

Gut zwei Drittel der Chilenen sind Katholiken, aber das Wertebewusstsein wandelt sich. Im Herbst wurden per Gesetz Abtreibungen teilweise legalisiert, seit 2015 sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt - beides mit breitem Rückhalt in der Bevölkerung. Neben der Säkularisierung spürt die Kirche auch die Konkurrenz von evangelikalen und protestantischen Gemeinschaften.

Besondere Akzente der Papstreise sind am 17. Januar zu erwarten. Dann feiert Franziskus einen Gottesdienst in Temuco im Süden Chiles, einem Zentrum der bis zu 1,6 Millionen Mapuche. Die Angehörigen dieses indigenen Volks kämpfen um ihre alten Stammesgebiete; immer wieder geraten sie auch mit Großunternehmen der Holz- und Landwirtschaft in Konflikt. Am Nachmittag will Franziskus wieder in Santiago mit Jugendlichen zusammentreffen und eine Rede an der katholischen Universität halten. Das indigene Erbe und die Zukunft der Jugend des Kontinents sind ihm wichtig - schon bei einer Messe für Lateinamerika Mitte Dezember in Rom sprach er darüber.

Chilenische Kinder lachen in die Kamera.
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Auch die indigenen Mapuche wird Franziskus besuchen. Hier junge Schüler einer Mapuche-Grundschule bei Temuco in Chile.

Teils ähnliche Themen wie in Chile, aber noch größere gesellschaftliche Spannungen erwarten Franziskus, wenn er am 18. Januar mit einem Zwischenstopp im nordchilenischen Iquique nach Peru weiterreist. Der ärmere größere Nachbar Chiles erlebte in den vergangenen Jahren eine Art Goldgräberstimmung. Die Hoffnung auf wirtschaftlichen Wohlstand ruht auf Gold, Silber und Kupfer, Erdöl und Erdgas sowie auf Exporten nach China, in die USA und die Asien-Pazifik-Region.

Papst beginnt Peru-Aufenthalt im Regenwald

Die Bergbau- und Förderprojekte großer Unternehmen gehen nicht selten über die angestammte Bevölkerung der Anden und des Amazonas-Urwalds hinweg. Deren soziale Belange treten dann ebenso in den Hintergrund wie der Umweltschutz oder eine nachhaltige Wasserwirtschaft. Trotz Sozialprogrammen schlagen sich sieben von zehn Peruanern mit Arbeiten im informellen Sektor durch; unter den Jüngeren sind es mehr als 80 Prozent. Und noch immer hängen die Chancen auf besseres Leben von der ethnischen Zugehörigkeit ab.

Diese Situation muss man im Sinn haben, wenn Franziskus an seinem ersten Programmtag - noch vor seinem Empfang durch Staatspräsident Kuczynski - nach Puerto Maldonado im Regenwald fliegt, um die Völker Amazoniens zu besuchen. Für 2019 hat er eine internationale Bischofssynode über Probleme des Amazonasgebiets, die grüne Lunge des Planeten, einberufen - womöglich ist hier der Auftakt.

Peru ist von unterschiedlichen Landschaften geprägt. Es gibt sowohl Regenwälder als auch eher weite, eher karge Gegenden. Hier ist eine Landschaft mit Bauernhäusern bei Arapa am Titicacasee zu sehen.

Das Thema Ökologie begleitet den Papst auch am folgenden Tag nach Nordperu, wo er nahe der Großstadt Trujillo am Pazifik eine Messe feiert und den Küstenort Buenos Aires besucht; vergangenes Frühjahr wurde er von Überschwemmungen heimgesucht, die auf das Klimaphänomen El Niño zurückgeführt werden. In Trujillo ist ferner eine Begegnung mit Klerikern und eine Feier zu Ehren der Muttergottes geplant.

Von der Hauptstadt Lima verabschiedet sich Franziskus am 21. Januar mit einer weiteren großen Eucharistiefeier. Dass sie auf dem Luftwaffenstützpunkt stattfindet, ist nicht den jüngsten Straßenprotesten geschuldet, sondern war seit jeher so geplant. Zuvor absolviert der Papst am Sitz von Limas Kardinal Juan Luis Cipriani das obligatorische Treffen mit den Bischöfen des Landes. Hier wird er wohl - bei verschlossenen Türen - ein paar klare Worte an die Oberhirten richten. Cipriani selbst sagte kürzlich in Rom, die Kirche Perus brauche mehr sichtbare Einheit.

Von Burkhard Jürgens (KNA)