Blick auf einen umzäunten Rasen im irischen Städtchen Tuam.
Irische Untersuchungskommission hat das Massengrab inspiziert

Ergebnisse nach Kinderleichen-Fund veröffentlicht

2014 sorgte die Entdeckung eines Massengrabs mit Kinderleichen nahe eines ehemaligen Heims für Entsetzen in Irland. Am Freitag hat die Untersuchungskommission erste Ergebnisse dazu veröffentlicht.

Von Agathe Lukassek |  Dublin - 03.03.2017

Zunächst dachten die Bewohner an Opfer der Hungersnot im Irland des 19. Jahrhunderts. Als 1975 zwei Jugendliche ein Massengrab mit Kinderleichen im westirischen Städtchen Tuam fanden, wurde dies zunächst nicht untersucht. Vor wenigen Jahren fand die örtliche Historikerin Catherine Corless Belege dafür, dass die Kinder erst zwischen 1925 und 1961 gestorben sein sollen – und zu einem von Ordensfrauen geführten Heim für ledige Mütter gehören.

Die irische Regierung kündigte im Sommer 2014 Nachforschungen an. Nun hat die "Untersuchungskommission zu Mutter-und-Kind-Heimen und verwandten Themen" in Dublin über einige Ergebnisse berichtet. In 17 von 20 unterirdischen Kammern in Tuam, die möglicherweise einst Abwassertanks waren, seien "erhebliche Mengen" Knochen gefunden worden, heißt es in der Notiz. Eine kleine Zahl der Leichen sei untersucht worden. Es handelt sich demnach um Föten ab ungefähr der 35. Schwangerschaftswoche bis zu Kindern im Alter von bis zu drei Jahren. "Die Kommission ist schockiert von dieser Entdeckung und führt ihre Ermittlungen weiter, um herauszufinden, wer für die Entsorgung menschlicher Überreste in dieser Art verantwortlich war," heißt es dort.

Obwohl die meisten Heime für ledige Mütter und deren Kinder von katholischen Orden geführt wurden, standen diese unter Verantwortung des Staates. Das Heim in Tuam wurde von Schwestern des Bon-Secours-Ordens geleitet.

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Die Nachforschungen über die rund 800 Kinderleichen, die in einem Massengrab im irischen Tuam gefunden wurden, ziehen weitere Kreise. Bei der Entdeckung vor 30 Jahren dachte man noch an Opfer der Hungersnot des 19. Jahrhunderts.

Corless fand heraus, dass in den 36 Jahren, in denen Schwestern das Heim für unverheiratete Frauen und ihre Kinder betrieben, 796 Kinder starben und bis auf eines nicht auf öffentlichen Friedhöfen begraben wurden. Die meisten seien im Kleinkindalter Krankheiten wie  Tuberkulose, Masern, Keuchhusten oder Grippe erlegen. Viele der Kinder seien in einem inoffiziellen Totenacker nahe des Heims begraben worden, der zunächst von der Bevölkerung mit Blumen bepflanzt wurde. Nach der Aufgabe des Heims und dem Bau einer Wohnsiedlung wurde die Gegend um das große Gebäude zu einem Spielort für Kinder, berichtete die Irish Times. Dort fanden zwei Jungen 1975 mehrere Skelette. Einer von ihnen, Barry Sweeney, berichtete Corless, dass es sich um eine Fläche von rund 120 Mal 60 Zentimeter gehandelt habe, in der seiner Schätzung zufolge 20 Skelette waren.

Zehn Einrichtungen für "gefallene Frauen" in Irland

Ein ehemaliger Bewohner, der 1947 in dem Heim in Tuam geboren wurde, verglich die beengten Lebensbedingungen in der Institution während der 1950er Jahre in der Tageszeitung "Irish Independent" mit denen in einer "Kaninchenkolonie". Tuberkulose sei weit verbreitet gewesen, und die Kinder seien häufig "sehr krank" und "unterernährt" gewesen. Er habe "keine guten Erinnerungen" an seine frühe Kindheit und habe nur "mit viel Glück" überlebt.

Das Heim in Tuam war Medienberichten zufolge eine von zehn Einrichtungen in Irland, in denen insgesamt rund 35.000 ledige Mütter, sogenannte gefallene Frauen, untergebracht wurden. Zum Teil mussten sie dort Zwangsarbeit verrichten. Die sogenannten Magdalene Laundries (Wäschereien für Sünderinnen) machten vor einigen Jahren international Schlagzeilen und wurden auch als Filmstoff verarbeitet. Die Kinder "gefallener Mädchen" wurden den Müttern in der Regel weggenommen und viele an andere Familien weitergegeben. (Mit Archivmaterial von KNA)

Von Agathe Lukassek