Der Schatten eines Erwachsenen, der ein Kind an der Hand hält.
Irische Regierung weitet Nachforschungen über Kinderleichen aus

Grausamer Fund

Die irische Regierung will ihre Nachforschungen über 800 Kinderleichen in einem Massengrab in Tuam ausweiten. Medienberichten vom Freitag zufolge soll die Geschichte von Heimen für ledige Mütter und deren uneheliche Kinder landesweit aufgearbeitet werden.

Dublin - 06.06.2014

Bei den Kinderleichen soll es sich um die Kinder lediger Mütter aus einem Heim handeln, das vom Orden der Bon-Secours-Schwestern geführt wurde. Die Regierung schließt eine strafrechtliche Ermittlung nicht aus. Die Todesfälle in den umstrittenen Heimen seien "ein weiterer Teil der Geschichte unseres Landes", der untersucht werden müsse, wird Premierminister Enda Kenny von der Tageszeitung "Irish Times" zitiert.

Erzbischof sagt Unterstützung zu

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte eine "sofortige Aufmerksamkeit und Antworten" von der irischen Regierung. Eine Untersuchung müsse herausfinden, ob "Misshandlung, Vernachlässigung oder andere Menschenrechtsverletzungen" in staatlich geführten und finanzierten Institutionen stattgefunden hätten, erklärte der Direktor der Europa-Sektion von Amnesty International, John Dalhuisen.

Da das betreffende, von Ordensfrauen geführte Heim in Tuam erst 1961 geschlossen wurde, sei es möglich, dass einige der Todesfälle auf eine Zeit zurückgehen, in der die europäische Menschenrechtskonvention bereits in Kraft war. In jedem Fall habe die irische Regierung aber die Standards der Allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 gekannt.

Obwohl die meisten Heime für ledige Mütter und deren Kinder von katholischen Orden geführt wurden, standen diese unter Verantwortung des Staates. Das Heim in Tuam wurde von Schwestern des Bon Secours-Ordens geleitet. Dublins Erzbischof Diarmuid Martin hatte am Donnerstag seine Unterstützung bei den Nachforschungen über Heime für ledige Mütter und deren Kinder in Irland versprochen. Er rief alle wichtigen Ordensgemeinschaften und Regierungsbehörden auf, dasselbe zu tun.

Leben wie in einer "Kaninchenkolonie"

Ein ehemaliger Bewohner, der 1947 in dem Heim in Tuam geboren wurde, verglich die beengten Lebensbedingungen in der Institution während der 1950er Jahre unterdessen mit denen in einer "Kaninchenkolonie". Tuberkulose sei weit verbreitet gewesen, und die Kinder seien häufig "sehr krank" und "unterernährt" gewesen. Er habe "keine guten Erinnerungen" an seine frühe Kindheit, wurde JP Rodgers in der Tageszeitung "Irish Independent" zitiert. Er habe nur "mit viel Glück" überlebt.

Das Massengrab war schon vor mehr als 30 Jahren entdeckt worden. Bewohner der Region dachten lange Zeit, es handele sich um Opfer der irischen Hungersnot des 19. Jahrhunderts. Erst kürzlich fand eine Historikerin Belege für deren tatsächliche Herkunft. Experten zufolge lässt sich die Todesursache der Kinder auch heute noch feststellen. Die Kinder sollen zwischen 1925 und 1961 gestorben sein.

Zwangsarbeit in Heimen

Das Heim in Tuam war Medienberichten zufolge eine von zehn Einrichtungen in Irland, in denen insgesamt rund 35.000 ledige Mütter, sogenannte gefallene Frauen, untergebracht wurden. Zum teil mussten sie dort Zwangsarbeit verrichten. Die sogenannten Magdalene Laundries (Wäschereien für Sünderinnen) machten vor einigen Jahren international Schlagzeilen und wurden auch als Filmstoff verarbeitet. Die Kinder "gefallener Mädchen" wurden den Müttern in der Regel weggenommen und viele an andere Familien weitergegeben. (KNA)