Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien, bei der Pressekonferenz zur Familiensynode am 16. Oktober 2014 im Vatikan.
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Wiener Erzbischof kritisiert kirchliche Strukturen

Kardinal Schönborn hat selbst Priester-Übergriff erlebt

In seiner Jugend habe ein Pfarrer versucht, ihn zu küssen – und es ist noch mehr vorgefallen: Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn berichtet von eigenen Erfahrungen mit Missbrauch in der Kirche.

Wien/München - 07.02.2019

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn hat in der Debatte über sexuellen Missbrauch die Strukturen der Kirche kritisiert. "Wo Menschen sind, gibt es immer Fehlverhalten. Aber es gibt natürlich Strukturen und Systeme, die Missbrauch begünstigen", sagte Schönborn in einer Dokumentation des Bayerischen Rundfunks, die am Mittwoch ausgestrahlt wurde. "Der Priester ist sakral, ist unberührbar, der ist Herr Pfarrer. Wenn dieses Priesterbild vorherrscht, ist natürlich Autoritarismus die ständige Gefahr. Der Pfarrer bestimmt alles. Es ist die Gefahr, dass der Pfarrer sich mehr leisten darf als die anderen", erklärte Schönborn. Die gesamte Missbrauchs-Debatte werde die Frage der Frau in der Kirche in ein neues Licht stellen.

Schönborn berichtete von einem Pfarrer, der in seiner Jugend versucht habe, ihn zu küssen, sowie von abfälligen Sprüchen, die er über Nonnen gehört habe. Letztlich zeigte er sich aber hoffnungsvoll, dass ein "Heilungsprozess" die Kirche "wirklich erneuert."

Der Kardinal traf sich für die Sendung mit der ehemaligen Ordensschwester und jetzigen Buchautorin Doris Reisinger. Sie erstattete nach ihrer Zeit in der Ordensgemeinschaft "Das Werk" Anzeige gegen einen Priester, sie vergewaltigt zu haben. Reisinger berichtete in dem von großem gegenseitigem Respekt geprägten Gespräch von ihren Erfahrungen als Ordensschwester. Über ihre Gedanken bei einer Vergewaltigung durch einen Priester sagte sie: "Mein erster Impuls war: Das kann ich niemals irgendjemandem erzählen und das Wichtigste ist, dass das niemals jemand erfährt, weil sonst würden Menschen an der Kirche zweifeln."

Reisinger: Papst muss jetzt handeln

Nach dem Eingeständnis des Papstes von sexuellem Missbrauch von Nonnen hatte Reisinger angemahnt, dass Franziskus nun seine Machtfülle nutzen müsse. "Wenn das zugegeben wird, dann muss es Konsequenzen haben", sagte sie am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Rom. "Das bloße Zugeben, es gibt diese Fälle und es ist schlimm und wir haben ja schon etwas getan, ohne das zu konkretisieren, das fühlt sich als Betroffene an, als ob sich jemand über uns lustig machen wollen würde."

Der Papst hatte am Dienstag sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Priester und Bischöfe in der katholischen Kirche eingeräumt. In einem Fall sei es bis zur "sexuellen Sklaverei" durch Kleriker und den Gründer einer Gemeinschaft gekommen.

Reisinger forderte unabhängige Studien, die das Problem weltweit in den Blick nehmen, sowie die Entschädigung und Unterstützung betroffener Frauen und die konsequente Bestrafung der Täter. (tmg/dpa)