Kardinal Kasper lächelt
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Interview mit Kardinal Walter Kasper zu seinem 85. Geburtstag

Kasper: Kirche in Deutschland braucht einen Aufbruch

Am 5. März wird Kardinal Walter Kasper 85 Jahre alt. Im Interview spricht er über einen neuen Aufbruch der Kirche in Deutschland, gelingende Ökumene, die Weihe von "viri probati" und den Papst als Propheten.

Von Johannes Schidelko und Roland Juchem (KNA) |  Vatikanstadt - 04.03.2018

Frage: Herr Kardinal, am Montag feiern Sie Ihren 85. Geburtstag. Wo und wie werden Sie das tun?

Kasper: Ich werde ihn hier in Rom feiern - mit meinen nächsten Verwandten und einigen ehemaligen Mitarbeitern. Am Abend wird es in der Kirche Santa Maria dell'Anima einen Gottesdienst und anschließend einen akademischen Akt geben mit Vorträgen über den theologischen Weg, den ich gegangen bin. Das habe ich mir so gewünscht.

Frage: Mögen Sie einen Wunsch nennen - oder etwas, für das Sie an dem Tag besonders dankbar sind?

Kasper: Dankbar bin ich für das Leben von 85 Jahren, mit vielen verschiedenen Etappen, in denen ich geführt worden bin. Wenn ich in die Zukunft schaue, würde ich mir einen Aufbruch der Kirche wünschen, zumal in Deutschland.

Frage: Wie genau?

Kasper: Die Kirche in Deutschland ist momentan in der Gefahr eines Rückbaus. Das ist zum Teil notwendig, aber nichts, das begeistert. Ein Rückbau muss verbunden sein mit der Hoffnung auf einen neuen Aufbau. Das sehe ich derzeit nicht und würde mir manche neuen Ideen und Perspektiven wünschen.

Frage: Welchen konkreten Weg würden Sie empfehlen?

Kasper: Ein Aufbruch in der Kirche muss immer zuerst ein geistlicher Aufbruch sein, sonst läuft er ins Leere. Im Leben, im Glauben, im Gebet. Zudem: So sehr die aktive Mitarbeit von Laien wichtig und erfreulich ist, ist die katholische Kirche doch auch auf Priester angewiesen. Daher brauchen wir auch einen Aufbruch bei der Sorge und beim Gebet für mehr Priesternachwuchs.

Frage: Sie haben elf Jahre lang im Vatikan die Ökumene koordiniert. Wie ist das Ziel der diesbezüglichen Bemühungen?

Kasper: Das Ziel ist die Einheit aller Christen im einen Glauben mit denselben Sakramenten und gegenseitig anerkannten Ämtern, und das in einer großen Vielfalt. Wie unterschiedlich das aussehen kann, sieht man an den Unierten, die ja eine andere Struktur haben; das kann man sich auch für die Kirchen denken, die aus der Reformation hervorgegangen sind. Das Ziel ist klar, aber ich glaube nicht, dass man es sich im Einzelnen sozusagen am Reißbrett ausdenken kann.

Kardinal Kurt Koch (l.) ist der Nachfolger Kardinal Walter Kaspers als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Kasper übte das Amt von 1999 bis 2010 aus. Zuvor war er von 1989 bis 1999 Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Frage: Ist das so? Zuletzt hieß es doch: Wir haben keine gemeinsame Zielvorstellung mehr.

Kasper: Ich habe es soeben so formuliert, wie es in der katholischen Kirche gesehen wird. Es ist offensichtlich, dass große Teile der evangelischen Theologie eine andere Konzeption haben. Es macht nicht viel Sinn, sich abstrakte Pläne auszudenken. Ökumene ist ein gemeinsamer Weg - das ist das Konzept des gegenwärtigen Papstes: Schritt für Schritt. Wir sollten jetzt die Schritte tun, die möglich sind. Persönlich bin ich der Meinung, es wäre theologisch mehr möglich als wir gegenwärtig tun. Mit den Lutheranern etwa sind wir in der Eucharistie- und Amtslehre zwar nicht völlig einig, aber doch sehr, sehr nah. Da wären im Einzelfall Schritte möglich, wie sie schon Papst Johannes Paul II. klar umschrieben hat.

Frage: Sie hatten das Reformationsgedenken 2017 als geschichtliche Chance für die Ökumene bezeichnet? Wurde die ausreichend genutzt oder doch verschlafen?

Kasper: Das Jahr hat sehr gute Früchte getragen. Es gab hoffnungsvolle Zeichen und Worte der Versöhnung; die Idee eines Christusfestes hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Es gab wunderschöne gemeinsame Gottesdienste. Vor zehn Jahren hätte niemand gedacht, dass ein Papst zum Jubiläum des Lutherischen Weltbunds nach Lund fährt. Aber jetzt käme es darauf an, das umzusetzen in konkrete Vereinbarungen und Annäherungen, die Bestand haben. Sonst verfliegt alles wieder.

Frage: Angesichts des Priestermangels wird immer wieder die Weihe von "viri probati", von bewährten Männern, ins Gespräch gebracht. Wäre das für Sie eine Lösung?

Kasper: Auf jeden Fall sollte man gründlich und zeitig darüber nachdenken: Welche Leute für welche Situationen brauchen wir, wie soll deren Ausbildung aussehen? Man könnte mit einzelnen ständigen Diakonen anfangen und mit ihnen modellhaft einen Weg ausprobieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man gleich flächendeckend "viri probati" weiht. Die Regelform wird in der katholischen Kirche der zölibatäre Klerus bleiben. Die zölibatäre Lebensform hat ihren bleibenden Wert. Doch daneben kann es nach meiner Meinung auch "viri probati" geben. Ob und in welcher Form, das müssen die Bischöfe entscheiden.

Frage: Der Papst hat zu Beginn seines Pontifikats öffentlich ein Buch von Ihnen gelobt. Er hegt unverkennbar Sympathie für Sie. Woher rührt das?

Kasper: Ich bin dem Papst bereits begegnet, als er noch Erzbischof von Buenos Aires war. Schon damals war ich von seiner Persönlichkeit beeindruckt. Dass er mein Buch über "Barmherzigkeit" gelobt hat, hat mich, als ich es an jenem Sonntag am Fernsehen gesehen habe, völlig überrascht. Ich treffe ihn gar nicht so häufig, wie viele meinen; meist treffe ich ihn nur mit vielen anderen zusammen. Ich habe dem Papst am Anfang gesagt: Wenn Sie mich brauchen, dann bin ich da und stehe zur Verfügung. Aber ich dränge mich nicht auf. Ich habe seit der Emeritierung ja auch keinen Posten mehr im Vatikan. Doch ich habe eine innere Nähe zu diesem Papst, der ganz vom Evangelium her lebt und handelt und damit neu Bewegung in die Kirche bringt. Ich bin dankbar für dieses Pontifikat.

Frage: Was sagen Sie zu seinem Pontifikat?

Kasper: Franziskus hat in seiner Sprache, seinen Gesten und seinem Amts- und Lebensstil etwas Prophetisches. Er ist der erste nach-konstantinische Papst, er kommt nicht aus dem Bereich des alten Imperium Romanum, sondern aus der südlichen Hemisphäre. Schon damit leitet er eine neue Epoche der Kirche ein: Eine Kirche, die nicht bloß auf die eigenen Probleme konzentriert ist, vielmehr eine Kirche im missionarischen Aufbruch, eine arme Kirche für die Armen. Darum geißelt er die ungerechten Strukturen in der Welt.

Die institutionellen Reformen, etwa die Kurienreform haben nur eine dienende Funktion; sie sind nicht sein Hauptanliegen, wie man in Deutschland oft meint. Ihm geht es um eine grundsätzliche Neuausrichtung am Evangelium. In diesem Sinn ist er ein durch und durch evangelischer Papst, der wie alle Propheten und Jesus selbst mit seiner Botschaft auch Anstoß erregt und verkannt wird. Andererseits wird er auch weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus gehört. Also ein Pontifikat großer prophetischer Perspektiven, die er selbst nicht alle wird zu Ende führen können. Aber ich hoffe, dass seine Impulse weit über dieses Pontifikat hinaus wirken.

Von Johannes Schidelko und Roland Juchem (KNA)