Gläubige in einem Weihnachtsgottesdienst.
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Eine Atheistin geht zum Weihnachtsgottesdienst

Kulturschock Christmette

Unsere Autorin Franziska Jäger ist weder getauft noch Kirchengängerin. An Heiligabend besuchte sie zum ersten Mal den Weihnachtsgottesdienst in ihrer Heimat Stralsund an der Ostsee - ein Erfahrungsbericht.

Von Franziska Jäger |  Stralsund - 25.12.2016

Andreas Sommer hatte Recht. "Dass man sich fremd fühlt, wird ein Stück weit so bleiben, selbst, wenn man vorbereitet ist", sagte mir der katholische Priester noch vor ein paar Tagen.

Christmette mit Spickzettel

An Heiligabend war ich in der Kirche. Sie war so voll, dass Menschen am Rand stehen mussten. Das ist verwunderlich, weil diese katholische Kirche in Mecklenburg-Vorpommern steht. Dort, wo deutschlandweit am wenigsten Katholiken leben. Das ist nicht verwunderlich, weil an Weihnachten so viele Menschen in die Kirche kommen wie sonst nie im Jahr. Ich wollte dieses Weihnachten etwas Neues ausprobieren. Außerdem wurde 2016 viel vom christlichen Abendland geredet. Ich klickte mich durchs Internet, fand Spickzettel für die Christmette, wann muss ich sitzen, knien, stehen, wann wird das Halleluja gesungen. Es dauerte nicht lange, da war ich verwirrt und beschämt zugleich: Wie wenig ich doch wusste über das, was Weihnachten eigentlich bedeutet, über den Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament, über die Abläufe eines ganz normalen Gottesdienstes ganz zu schweigen. Religiöser Analphabetismus, klarer Fall.

Ein Pfarrer steht am Altar und betet
Bild: © katholisch.de

Christmette in der katholischen Kirche in Stralsund an der Ostsee.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Konfirmation oder Kommunion und Firmung sind mir fremd, bei uns hatte jeder Jugendweihe. Eine unaufgeregte Feierstunde mit kurzer Rede vom Schulleiter, vielleicht noch von einem Landespolitiker. Urkunde. Ein Buch über unsere Heimat Mecklenburg-Vorpommern. Danach die Familienfeier, und wenn genug Geld zusammenkam, kaufte man sich mit 14 die erste Hifi-Anlage. Religion hatte keinen Platz in unserem Alltag. Einmal schleppte mich eine Klassenkameradin in die Dorfpfarrei. Da wurde gebastelt, gesungen und Kekse gab es auch. Ich war danach nie wieder dort.

Meine zwei bisherigen Kirchgänge waren nicht sehr verheißungsvoll. Den ersten Gottesdienst erlebte ich an meinem 20. Geburtstag in der Wallfahrtskirche Sacré-Cœur in Paris. Aus bloßer Laune heraus und völlig ahnungslos ging ich da hin. Als sich dann alle Franzosen anstellten und irgendwann ich an der Reihe war, muss ich mich irgendwie verraten haben. Obwohl ich meine Hand aufhielt, wie es die Leute vor mir taten, bekam ich keine Oblate. Stattdessen segnete mich der Priester und ich durfte gehen. Das nächste Mal war wieder in Paris, im November 2015. Gerade fing ich als Hospitantin bei einer Nachrichtenagentur an, als die Terroranschläge die Welt in Aufruhr brachten. Mit zwei deutschen Freunden saß ich in einer deutschsprachigen Kirche. Es waren nicht mehr als ein Dutzend zur Trauerstunde gekommen. Meine zweite "Gotteserfahrung" im laizistischen Frankreich.

Drei Prozent Katholiken

Vorpommern im Dezember 2016: Ich besuche Pfarrer Andreas Sommer in seiner Dienstwohnung in Stralsund. Ich will wissen, wie so eine Christmette abläuft, wie ich mich möglichst unauffällig verhalte, ob es schlimm ist, wenn ich nicht mitsinge. Der 49-Jährige wuchs in einer katholischen Familie in Brandenburg auf. Als bekennende und praktizierende Christen waren sie Staatsfeinde. Propaganda gegen Religion gehörte in der DDR zur Staatsdoktrin. "Wer in der DDR etwas werden wollte, trat besser aus der Kirche aus", erzählt Sommer, der zunächst sein Abitur nicht machen und erst nach der Wende ein Theologiestudium aufnehmen konnte. 1999 wurde er im Bistum Berlin zum Priester geweiht, seit 2012 leitet er die katholische Dreifaltigkeitskirche in der Hansestadt an der Ostsee.

"In Mecklenburg-Vorpommern sind knapp drei Prozent der Menschen Katholiken", schätzt Sommer. Er ist Priester für 6.000 Katholiken im Gebiet um Stralsund, Zingst, Fischland Darss und Grimmen. 20 Prozent dieser Menschen gehen regelmäßig in die Kirche. "Das ist eine erstaunlich gute Rate für uns in Mecklenburg-Vorpommern", erklärt Sommer.

Dass die Kirchen an Weihnachten so voll sind, liegt seiner Ansicht nach daran, dass sich die Menschen "das große Weihnachtsgefühl" erhoffen. Eine richtige Christmette aber stelle einen sehr hohen Anspruch an diejenigen, die da mitfeiern. "Die müssen viel wissen. Anders als beim evangelischen Gottesdienst fällt man in der katholischen Kirche sehr früh als jemand auf, der sich nicht genau auskennt." Das fange beim Kreuzzeichen an, oder wenn sich alle hinsetzen oder aufstehen. Aber der Pfarrer macht mir Mut. Schließlich gebe es auch Gläubige, die einfach die ganze Zeit sitzen bleiben.

Mein erster Weihnachtsgottesdienst in der katholischen Kirche verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ich stand mit den Leuten auf und setzte mich mit ihnen. Ich sang nicht, ich betete nicht, ich rief kein "Dank sei Gott", nachdem ein Messdiener etwas vorlas. Niemand schien sich daran zu stören. Ich hörte zu, als ein Mann und eine Frau einen Dialog sprachen. Da ging es um ein Schaf und einen Esel, die sich aufregten, weil erst immer neue Tiere in den Stall und später fremde Menschen kamen, die streng riechen. "Wat soll dat denn?", rief der Mann, der den Esel spielte.

Der Gottesdienst ließ mich nicht zurück wie einen kalten Fisch. Manchmal machten mir meine Augen zu schaffen.

Zitat: Franziska Jäger

Da kam ein Heimatgefühl auf. Plattdüütsch. Ich sah, wie sich Menschen mit dem Taschentuch im Gesicht abwischten. Ich war überrascht, wie viele junge Menschen zwischen 30 und 40 Jahren da waren und zur Kommunion gingen. Ich war auch erstaunt, dass sich eben diese Jungen auf den kalten Steinboden knieten, um zu beten. Das hatte ich so nicht erwartet. Ich roch den Weihrauch, den junge Ministranten durch die Luft schwenkten.

Ich bin enttarnt

Über die kurzen Momente des Unwohlseins kann ich hinwegsehen. Etwa, als ich bemerkte, dass niemand außer mir mit übereinandergeschlagenen Beinen dasaß, als ich ein paar Euro-Stücke in den Spendenkorb warf, in dem nur Scheine lagen, als sich alle bei der Hand nahmen und mir meine Nachbarin irgendetwas zuflüsterte, das ich nicht verstand und ich nur mit einem beschämten Lächeln kontern konnte. Das "Der Friede sei mit dir" dürfte mich als Gelegenheitskirchengängerin enttarnt haben.

Der Gottesdienst ließ mich nicht zurück wie einen kalten Fisch. Manchmal machten mir meine Augen zu schaffen. Wegen der Orgelmusik. Wegen des Chorgesangs, der in der Kirche hallte. Und weil in der Welt gerade wieder so viel Schlechtes ist.

Von Franziska Jäger