Mehr Advent, weniger Einkaufen
Kirchen und Gewerkschaften werben für arbeitsfreie Adventssonntage

Mehr Advent, weniger Einkaufen

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt - aber bitte nicht in Geschäften, wenn es nach der "Allianz für den freien Sonntag" geht. Sie setzt sich gegen verkaufsoffene Sonntage ein, besonders im Advent.

Von Christoph Koitka (KNA) |  Bonn - 24.11.2016

Von Menschenmassen über den sonntäglichen Weihnachtsmarkt geschoben werden, nebenbei noch die letzten Geschenke in den ausnahmsweise geöffneten Geschäften einkaufen: Dieses Szenario wird in Deutschland immer unwahrscheinlicher. Die "Allianz für den freien Sonntag", die vor allem von Gewerkschaften und Kirchenverbänden getragen wird, sieht ihr Anliegen von den Gerichten immer mehr gewürdigt: "Auf dem juristischen Weg befinden wir uns auf einer Gewinnerstraße", sagt etwa Hannes Kreller, Referatsleiter der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung.

Im Spannungsfeld von Arbeit und Freizeit

Der freie Sonntag steht im Spannungsfeld von Arbeit und Freizeit, Liberalisierung und staatlichen Maßgaben. Vor gut 20 Jahren sorgte eine Novelle des Ladenschlussgesetzes für verlängerte Öffnungszeiten. Außerdem gibt es seitdem auch sonntags frische Brötchen beim Bäcker. Stück für Stück wurden in der Folge zuvor geltende Regeln weiter gelockert. Spätabendliche Öffnungszeiten sind keine Seltenheit mehr. Der Höhepunkt der Liberalisierung wurde 2006 mit der Föderalismusreform erreicht: "Da kam es zu einem richtigen Wettbewerb zwischen den Städten", erinnert sich Kreller. So habe etwa die Stadt Köln in einem Jahr insgesamt über 60 verkaufsoffene Sonntage in verschiedenen Stadtbezirken abgehalten.

KKV setzt sich für Sonntagsschutz ein

Der Sonntagsschutz ist auch ein wichtiges Element der Kampagne "Mensch bleiben in der Arbeitswelt" des Bundesverbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV). Mit Blick auf den Sonntag gelte: Die Arbeit gehört zwar zum Leben, aber sie ist nicht das Leben, so der KKV. Deswegen sei das Gebot der Sonntagsruhe ein Bollwerk gegen die "freiwillige oder erzwungene Versklavung des Menschen durch die Arbeit". (stz)

Die Adventszeit ist seit 2009 höchstrichterlich geschützt: Das Bundesverfassungsgericht befand, dass in Berlin an höchstens zwei der vier Adventssonntage Geschäfte öffnen dürfen. Geklagt hatten die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und das Erzbistum Berlin. Die Verfassungsrichter stellten aber fest, dass neben Berlin nur Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt keinen besonderen Schutz der Adventssonntage vorsahen. Sonntagsschutz ist Ländersache - und bietet damit immer wieder Konfliktpotenzial.

"Hier provoziert der Gesetzgeber über Bundesländergrenzen hinweg Standortnachteile, weil im einen Land diese Regelung gilt, im anderen jene", kritisiert etwa der Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser. Seltene Einigkeit also zwischen der Allianz für den freien Sonntag und den Verbänden der Kaufleute, die für mehr Liberalisierung werben? Auch Hannes Kreller und seine Mitstreiter treten für eine bundeseinheitliche Lösung ein. Dabei stoßen beide Parteien auf offene Ohren der Politik: Die Arbeits- und Sozialministerkonferenz der Länder hat bereits vor einem Jahr beschlossen, dass über den weiteren Fortbestand der Sonntagsarbeit gemeinsam mit der Bundesregierung verhandelt werden solle.

Während der Handelsverband aber erst kürzlich "bundesweit zehn verkaufsoffene Sonntage ohne besonderen Anlass" forderte, pocht die Allianz für den freien Sonntag auf die rechtlichen Grundlagen. Neben dem Sonntagsschutz sehen die meisten Landesgesetze auch vor, dass verkaufsoffene Sonntage aus Anlass eines Marktes oder einer konkreten anderen Veranstaltung stattfinden, die mehr Publikum anzieht als die Ladenöffnung. "Es braucht ein politisches Bekenntnis zu dem im Grundgesetz festgeschrieben Sonntagsschutz und entsprechende Maßnahmen zur Sicherstellung des Sonntagsschutzes in der Praxis", sagt auch Ingrid Reidt.

Es sieht danach aus, als müsse man sich in diesem Jahr ohne Aussicht auf Ladenbummel über die Weihnachtsmärkte der Republik schieben lassen.

Als Betriebsseelsorgerin im Bistum Mainz ist Reidt mit den Schattenseiten der Sonntagsarbeit vertraut. Die Menschen seien gefangen in einem Teufelskreis völlig ausgeuferter Arbeits- und Konsumzeit: "Stress und Erschöpfung sind an der Tagesordnung. Was sich hinter dem Modewort 'burn out' verbirgt ist bittere Realität für viele. Menschen werden krank."

Offensive der Sonntagsschützer zeigt Wirkung

Die anhaltende Offensive der Sonntagsschützer zeigt Wirkung: Zur Frankfurter Buchmesse blieben die Geschäfte in diesem Jahr ebenso geschlossen wie zum Gießener Suppenfest. In Münster wurden Anfang November bundesweit erstmalig die Bürger zum Thema befragt, sie sprachen sich ebenfalls gegen die Öffnung im Advent aus. Viele Kommunen zogen aus Sorge vor erfolgreichen Klagen der Allianz von sich aus verkaufsoffene Sonntage zurück. Es sieht danach aus, als müsse man sich in diesem Jahr ohne Aussicht auf Ladenbummel über die Weihnachtsmärkte der Republik schieben lassen.

Von Christoph Koitka (KNA)

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