Der mittelfränkische Ort Hartenstein.
Zwei Seelsorger über die Kritik an kirchlichen Strukturprozessen

Muss die Kirche zurück ins Dorf?

Der Theologe Herbert Haslinger hat die diözesanen Strukturprozesse scharf kritisiert und als "Irrweg" bezeichnet. Doch wie sehen diese Strukturprozesse in der Praxis wirklich aus? Katholisch.de hat zwei junge Seelsorger nach ihrer Meinung befragt.

Von Kilian Martin |  Bonn - 01.06.2015

"Zunächst einmal sehe ich diese Probleme, die Haslinger kritisiert, in der Praxis so gar nicht", sagt Christian Schröder. Er ist Pastoralassistent in der Innenstadtpfarrei Franziska von Aachen und dort zuständig für die Jugendkirche "kafarna:um".  Die Großpfarrei hat etwa 20.000 Mitglieder und setzt sich aus acht Gemeinden zusammen. Um die Seelsorge kümmern sich insgesamt 13 Personen. "Wir sind zwar ein pastorales Team, aber es ist keiner überall tätig." Das ist die Realität in vielen Gemeindeverbänden dieser Größe. Die zuständigen Seelsorger teilen sich auf und kümmern sich jeweils um einen bestimmten Bereich der Seelsorge, der sich nicht unbedingt auf das Gebiet einer Gemeinde beschränkt. Herbert Haslinger hatte in seinem Artikel dafür plädiert, Seelsorger wieder direkt einer Gemeinde zuzuordnen.

"Das wäre für die Kirche nicht klug, weil sich einfach die Lebenssituationen der Menschen verändert haben", antwortet Schröder. Die Gläubigen würden die Kirche oftmals nicht an ihrem Wohnort suchen, sondern dort, wo sich etwa ihr Freizeitleben abspielt. Überhaupt sei der Wunsch, alle seelsorglichen Bedürfnisse in der Gemeinde vor Ort stillen zu können, "der Wunsch einer kleinen Minderheit."

Zur Person: Christian Schröder

Dr. Christian Schröder (32) ist Pastoralassistent im Bistum Aachen. Neben seiner Tätigkeit als Jugendseelsorger in Aachen arbeitet er in der Berufungspastoral des Bistums.

Alles an einem Ort?

Der Pastoraltheologe Haslinger fordert in seinem Artikel, "Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie in Gemeinden vorfinden, was sie von der Kirche brauchen." Doch dieser Forderung liege eine falsche Auffassung der Struktur der Kirche zugrunde, sagt der Würzburger Kaplan Sebastian Krems. "Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten den Fehler gemacht, Ortskirche nicht als Bistum zu verstehen, sondern als Kirche im Ort. Überall sollte alles angeboten werden. Das fliegt uns jetzt um die Ohren", sagt Krems.

"Von der Kirche wird immer noch erwartet, dass der Pfarrer am Ort ist. Aber der Pfarrer ist nicht am Ort und er kommt auch nicht mehr zurück", so Krems weiter. Er gehört zum Pastoralteam einer Pfarreiengemeinschaft im ländlichen Norden des Bistums Würzburg. Zur Gemeinschaft zählen 4.000 Katholiken, die sich auf sieben ehemals selbstständige Pfarreien verteilen. Wenn in einer solchen Situation das kirchliche Leben aus dem Dorf verschwindet, müsse man eben pragmatisch sein, so Krems. "Die Gläubigen müssen mobiler werden. In anderen Lebensbereichen sind sie es ja auch."

Zur Person: Sebastian Krems

Sebastian Krems (39) ist Priester der Diözese Würzburg und derzeit Kaplan in der Pfarreiengemeinschaft "Grabfeldbrücke" in der unterfränkischen Rhön. Die Priesterweihe hat er im vergangenen Jahr empfangen.

Eine Öffnung des Weihesakraments löst nicht die Probleme

Krems weiß, dass selbst mit zwei Priestern nicht alle Orte der Gemeinschaft regelmäßig mit einer Sonntagsmesse versorgt werden können. Auf dem Land wird der Priestermangel besonders spürbar. Und diözesane Strukturprozesse sind ein Weg der Kirche, mit diesem Problem umzugehen. Herbert Haslinger fordert in seinem Artikel statt struktureller Prozesse eine "Änderung der lehramtlichen und kirchenrechtlichen Vorgaben zum Weiheamt".

Nach dem Vorschlag Haslingers könnten somit möglicherweise auch Laien wie Christian Schröder das priesterliche Amt übertragen bekommen: "Ich sehne mich nicht danach, die priesterlichen Aufgaben übernehmen zu dürfen." Es sei für seine Arbeit nicht zwangsläufig ein Vorteil, etwa das Recht zur Sakramentenspendung zu haben. Schröder befürchtet, dass seine bisherigen Arbeitsschwerpunkte wie Katechese und Erstverkündigung für Jugendliche dann hinter die sakramentalen Aufgaben zurücktreten könnten.

Auch der Priester Sebastian Krems hat eine klare Meinung zu Haslingers Vorschlägen zum Weihesakrament: "Diese Idee kann er gerne haben. Aber unter keinem Papst zu meinen Lebzeiten wird sich da in irgendeiner Weise etwas ändern. Das ist einfach theologisch und kirchenrechtlich nicht machbar."

Eine Öffnung des Priesteramtes ist für Sebastian Krems keine Option. "Sie ist kirchenrechtlich und theologisch nicht machbar", sagt er.

Die Kirche braucht die Laien

Wo Priester und andere hauptamtliche Seelsorger fehlen, wird der Einsatz ehrenamtlicher Laien immer gefragter. Haslinger kritisiert auch das und spricht von einer "ideologischen Fixierung auf das Ehrenamt". Für Christian Schröder ist diese Kritik grundsätzlich nachvollziehbar. "Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass man den Menschen ihren aktiven Einsatz schönredet." Das liege aber an einem zu eng gefassten Verständnis von einer Berufung, die sich nur auf Tätigkeit innerhalb der Kirche bezieht, sagt Schröder. Die Anliegen der Menschen würden sich nicht immer um die Kirche drehen, sondern könnten auch nach außen gerichtet sein. "Ich würde mir wünschen, dass Gemeinden sich weniger mit sich selbst beschäftigen und mehr nach draußen gehen."

Sebastian Krems erinnert an das Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils und das gemeinsame Priestertum aller Getauften. Dies verlange von den Gläubigen, auch ihre Pflichten und Rechte wahrzunehmen: "Es reicht nicht, in den Gottesdienst zu gehen und eine Stunde lang auf die Uhr zu schauen, wann es vorbei ist und dann wieder zu gehen. Jeder muss sich selbst überlegen, wo er sich einbringen kann." Laut Krems gebe es in der Kirche noch immer eine viel zu starke Priesterzentrierung. Viele würden allein den Pfarrer als Vertreter der Kirche akzeptieren. "Man muss den Menschen klar machen: Ihr seid getauft, ihr müsst selbst Verantwortung übernehmen! Werdet in euren Gemeinden aktiv, dann ist die Kirche vor Ort, oder nicht, dann wird aber vor Ort auch nichts mehr sein."

Linktipp: Zurück zur Seelsorge

Die Kirche in Deutschland wandelt "offensichtlich auf einem Irrweg", sagt der Paderborner Theologe Herbert Haslinger. In der "Herder Korrespondenz" rechnet er mit diözesanen Strukturprozessen ab und fordert eine "Rückkehr zur Seelsorge".

Mission und Evangelisierung gehören zum Auftrag

Gläubige Laien zu ermutigen, sich in der Kirche zu engagieren und sie dabei zu unterstützen, ist für viele hauptamtliche Seelsorger zu einem wichtigen Teil ihrer Arbeit geworden. Darauf verwendeten sie Arbeitszeit, die ihnen dann in der Seelsorge fehle, moniert Herber Haslinger.

Für Christian Schröder geht das jedoch zu sehr von der Individualseelsorge als Normalfall aus. "Darin erschöpft sich Seelsorge nicht. Seelsorge hat eine kollektive Dimension, sie dient auch dem Aufbau von Gemeinde." Es brauche zudem Konzepte, wie Gemeinden wachsen oder sogar neu entstehen können. Die Kirche müsse schließlich auch missionarisch und evangelisierend wirken, sagt Schröder. "Ein Christentum, das den Anspruch aufgibt, neue Menschen für den Glauben zu gewinnen, braucht niemand. Das verleugnet seine Wurzeln."

Ist die Kirche mit ihren Strukturprozessen also auf einem Irrweg, wenn sogar Grundaufgaben wie die Verkündigung leiden? Sebastian Krems sagt nein. "Es reicht nicht, Theorien aufzustellen. Man muss auch sehen, was überhaupt machbar ist." Natürlich müssten Wissenschaftler über Ideen und Konzepte streiten. Aber letztlich käme es doch auf die Seelsorge bei den Menschen an.

Von Kilian Martin