Nicht "ex cathedra", sondern aus dem Flieger
Neue Worte des Papstes zur Kommuniondebatte in Deutschland

Nicht "ex cathedra", sondern aus dem Flieger

Was bedeutet die spontane Antwort eines Papstes in einer Pressekonferenz für die kirchliche Lehre? Die Frage stellt sich derzeit mit Blick auf die Debatte um die Kommunionhandreichung der deutschen Bischöfe.

Von Roland Juchem (KNA) |  Rom - 23.06.2018

Die Debatte um die Handreichung der deutschen katholischen Bischöfe zur Kommunion für nicht katholische Ehepartner hat einen neuen Aufreger: die Antwort von Franziskus auf eine entsprechende Journalistenfrage, gestellt beim Rückflug vom Papstbesuch des Weltkirchenrates (ÖRK) in Genf am Donnerstag.

Unabhängig vom Inhalt ist unklar: Welchen Stellenwert haben die Aussagen eines Papstes bei einer "Fliegenden Pressekonferenz"? – Was der Papst dort sagt ist natürlich nicht irrelevant. Es ist aber auch nicht "ex cathedra" gesprochen – wie manche zu meinen scheinen. Am Ende eines langen, eng getakteten Tages mit vielen Begegnungen antwortet Franziskus im Flieger auf Journalistenfragen, die in mehr oder weniger engem Zusammenhang mit der Reise stehen. Der Papst kennt die Fragen vorher nicht. Er antwortet spontan.

Nach dieser Reise "in Richtung Einheit" der Kirchen, wie Franziskus selbst sagte, lag es nahe, nach den Wirren um die geplante Handreichung der deutschen Bischöfe zu fragen. Der Brief der Glaubenskongregation von Ende Mai wirke doch wie eine Notbremse. Wer denn jetzt am Zuge sei, der Vatikan oder die deutschen Bischöfe, war die Frage.

Franziskus formuliert an einer Stelle missverständlich

In seiner Antwort bezieht sich der Papst auf das Kirchenrecht und verweist auf den Unterschied zwischen der Ortskirche mit dem einzelnen Bischof, der dort zu entscheiden hat, und der "lokalen Kirche"; gemeint ist in diesem Fall die Bischofskonferenz. Dabei machen zwei Dinge seine Antwort schwierig.

Bild: © KNA

Die Sache ist eindeutig: Auch eine Bischofskonferenz kann laut Kirchenrecht solche Fragen regeln.

Zum einen formuliert Franziskus an einer Stelle missverständlich: "Etwas, das von einer Bischofskonferenz genehmigt wurde, wird sofort allgemein [ital. "universale]", sagt Franziskus. Implizit gemeint ist wohl auch "weltkirchlich relevant". Denn der Beschluss einer größeren Bischofskonferenz hat weltkirchlich eine andere Wirkung als die eines einzelnen Bischofs.

Die zweite Schwierigkeit: Im von Franziskus angeführten Kirchenrecht heißt es in dem relevanten Kanon 844 § 4: "... wenn nach dem Urteil des Diözesanbischofs bzw. der Bischofskonferenz eine andere schwere Notlage dazu drängt, spenden katholische Spender diese Sakramente erlaubt auch den übrigen nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehenden Christen ...". Die Sache ist eindeutig: Auch eine Bischofskonferenz kann laut Kirchenrecht solche Fragen regeln.

Papst: Text der Handreichung war restriktiv

Wie gesagt: Franziskus antwortete spontan. Dabei versuchte er sichtlich, seine Informationen zu einer der vielen Debatten, mit denen er befasst ist, aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Eine solche Antwort auf dem Heimflug ist keine von Fachstellen vorbereitete formale päpstliche Stellungnahme. Franziskus wollte etwas erklären. Unter anderem wollte er den mancherorts geäußerten Verdacht entkräften, die angeblich so liberalen deutschen Bischöfe wollten die katholische Kommunion quasi für alle freigeben. Deshalb sein Urteil, der Text der Handreichung sei "restriktiv".

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Nun hat sich auch der Papst persönlich zum Kommunion-Streit für evangelische Ehepartner geäußert: Für ihn ist die geplante Handreichung sogar restriktiver gewesen, als es das Kirchenrecht vorsehe. Dennoch gab es einen Grund, sie zu stoppen.

Das Anliegen der deutschen Bischöfe und ihre Arbeit an sich würdigt Franziskus – "ben fatto – gut gemacht", sagte er zweimal. Die Einlassung der Glaubenskongregation sei "kein Bremsen" gewesen. "Es ging darum, die Sache auf den richtigen Weg zu bringen." Am Ende werde es "ein orientierendes Dokument werden".

Es ist Franziskus' Art, durch seine vielfachen Einlassungen Debatten anzuregen und im Fluss zu halten. Er will die Verkündigung des Evangeliums und den gelebten Glauben voranbringen und dabei viele Gläubige mit einbeziehen.

Offizielle Reden des Papstes sind gewissenhaft von Experten vorbereitet; und je offizieller und diplomatisch heikler der Anlass ist, desto genauer hält er sich ans Manuskript. Im persönlichen Gespräch aber oder bei Pressekonferenzen sind seine Antworten nicht mehrfach gegengelesen – und sie sind nicht immer in allen Punkten "wasserdicht". Hinzu kommen im Nachhinein die eine oder andere Ungenauigkeit oder einseitige Auswahl in der Wiedergabe des spontan Gesagten in den Medien. So geben die vielen päpstlichen Interviews immer wieder wichtige Impulse – als verbindliche Basis für kirchenrechtliche Grundsatzentscheidungen oder theologisch-dogmatische Definitionen taugen sie eher nicht.

Von Roland Juchem (KNA)