Eine bolivianische Frau läuft in der Stadt La Paz an einem Plakat vorbei, das den Besuch von Franziskus ankündigt.
Bolivien erwartet Franziskus in Hochstimmung und Kampfeslaune

Papst, Plätzchen und Protest

Der Papst ist im Rahmen seiner Lateinamerika-Reise weiter nach Bolivien gereist. Dort erwartet ihn ein durch und durch katholisches Land, das jedoch mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Ausufernder Drogenhandel ist nur eines davon.

Von Tobias Käufer (KNA) |  La Paz - 08.07.2015

Bei den Einheimischen im Andenstaat ist Koka als mildes Therapeutikum beliebt, um den Wirkungen des Sauerstoffmangels in der Höhe zu begegnen, Kopfschmerz und Schwindel. Drogenabhängige Junkies sind sie deshalb noch lange nicht. So fügt es sich gut, dass der 78-jährige Pontifex heute um 16.15 Uhr (22.15 Uhr deutscher Zeit) in El Alto landet, dem höchsten internationalen Flughafen, 4.061 Meter über dem Meer. Die dünne Luft wird ihn treffen wie eine Keule.

Koka-Plätzchen für den Papst

So wittern die Koka-Produzenten ihre Chance: "Wir werden unserem Bruder Papst Koka-Plätzchen, Koka-Tee und andere Koka-Produkte überreichen", tat ein Vertreter von sechs Herstellerverbänden aus Cochabamba kund.

In der Medizin ist die heilende Wirkung des Koka unumstritten. Aber der immergrüne Strauch dient auch als Rohstoff für Kokain und fällt deshalb unter das internationale Betäubungsmittel-Abkommen von 1961. Bolivien hat wie Peru und Kolumbien nicht nur günstige Wachstumsbedingungen für die höheliebende Heilpflanze, sondern auch ein großes Problem mit dem Drogenhandel.

Boliviens Präsident Evo Morales rief seine Landsleute vor dem Besuch von Papst Franziskus dazu auf, wenigstens während der Papstvisite die ideologischen Differenzen zu begraben.

Morales, der seine politische Karriere als Gewerkschaftsboss der Koka-Bauern begann, setzt sich bislang vergeblich für eine Legalisierung der Koka-Pflanze für Genussmittel und Kosmetika ein. Franziskus ist erklärter Gegner selbst sogenannter leichter Drogen. In Brasilien geißelte er im Juli 2013 Liberalisierungspläne lateinamerikanischer Staaten.

Ob der Papst nun ein Tässchen Koka-Tee trinkt, wie ihn in Bolivien jedermann im Supermarkt kaufen kann, oder Koka-Blätter kaut - das ist nur eine von vielen Fragen vor dem Besuch des argentinischen Papstes beim Nachbarn Bolivien. Morales sorgt sich um die innenpolitische Geschlossenheit. Zuletzt rief der Sozialist seine Gegner auf, wenigstens während der Papstvisite die ideologischen Differenzen zu begraben.

"Wir müssen in diesen Tagen unsere Meinungsunterschiede über Ideologie, soziale und kulturelle Fragen vergessen. Hier ist es das Volk, das den Papst empfangen wird", sagte Morales. Vielleicht gibt es auch deshalb kein Treffen des Kirchenoberhauptes mit Regierungskritikern aus dem Indigenen-Schutzgebiet und Nationalpark Isiboro-Secure (TIPNIS). Zwischen der Regierung Morales und den indigenen Bewohnern des Parks kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Spannungen wegen einer geplanten Autobahn.

Stichwort: Katholische Kirche in Bolivien

Von den 11,3 Millionen Einwohnern Boliviens sind nach offiziellen vatikanischen Angaben 82,5 Prozent Katholiken. Die katholische Kirche in Bolivien besteht aus 25 Bistümern und bistumsähnlichen Verwaltungseinheiten. Sie unterhält landesweit 1.791 Kindergärten, Schulen, Universitäten und Seminare. Die christliche Mission des Landes setzte nach der Eroberung des heutigen Bolivien durch die Spanier im 16. Jahrhundert ein. Getragen wurde sie durch katholische Orden, zunächst vor allem den Dominikanern, später den Jesuiten und Franziskanern. Nach der nationalen Unabhängigkeit 1825 verfolgten die Regierungen eine laizistische Politik. Bis 1961 hielt der Staat den Anspruch auf das Patronatsrecht über die katholische Kirche aufrecht. Er reklamierte damit zumindest theoretisch das Recht, etwa über die Ernennung von Pfarrern zu mitzubestimmen. Unter der linken Regierung von Staatspräsident Evo Morales, der selbst mitunter Rituale der indigenen Religion feiert, kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Spannungen zwischen Staat und Kirche. Mit Papst Franziskus unterhält der Präsident aus dem Aymara-Volk jedoch ein freundschaftliches Verhältnis. (KNA)

Noch eine weitere Baustelle bereitet Morales Sorgen: Angehörige inhaftierter Regierungsgegner und Gefangener, die ohne Urteil wegen Terrorismusverdacht einsitzen, wollen Franziskus dazu bewegen, sich für eine Amnestie einzusetzen. Dies solle ein Signal zur Wiedergewinnung des sozialen Friedens und demokratischer Freiheiten sein, erklärte der Sprecher der Gruppe, Gary Pardo. Nach offizieller Lesart gibt es in Bolivien allerdings keine politischen Gefangenen.

Arbeitskampf während des Papstbesuchs?

Unheilvolles Grollen kommt auch aus dem Bergbau, einem wichtigen Industriezweig des Landes: Die Kumpel erwägen zum Papstbesuch einen publikumswirksamen Arbeitskampf. Arbeiterrechte sind unterdessen nur ein Aspekt beim "Welttreffen der Volksbewegungen", zu dem neben Franziskus und Morales mehr als 800 internationale Delegierte erwartet werden. Eine Pilotveranstaltung dazu fand auf Einladung des Papstes im Oktober 2014 im Vatikan statt. Für Morales ist dies nun ein politisches Heimspiel, in dem keine Probleme drohen.

Ob es ein Treffen mit dem schwer erkrankten Kardinal Julio Terrazas Sandoval gibt, wird sich erst kurzfristig entscheiden. Der 79-Jährige musste zum zweiten Mal binnen weniger Wochen in die Klinik. Dort wird er laut jüngsten Berichten auch die meiste Zeit der nächsten Woche bleiben. So kommt vielleicht der Papst ans Krankenbett - mit oder ohne Koka-Plätzchen.

Von Tobias Käufer (KNA)