Papstbesuch: Kritik an "Flüchtlings-Show"
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Lesbos-Reise von Papst und Patriarch hat kirchenpolitische Aspekte

Papstbesuch: Kritik an "Flüchtlings-Show"

Wenn Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I. heute einige Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos besuchen, ist das nicht nur ein gemeinsames Zeugnis christlicher Hilfsbereitschaft. Im Vorfeld gab es Kritik an dem Besuch.

Von Heinz Gstrein (KNA)  |  Istanbul/Athen - 16.04.2016

Diese Bemühungen intensivierten sich nach dem historischen Zusammentreffen von Franziskus mit dem russischen Patriarchen Kyrill I. Mitte Februar in Havanna. Dem Vernehmen nach ging die jetzige Initiative von Franziskus mit seinem persönlichen Schreiben aus, in dem er Bartholomaios I. über den Kirchengipfel auf Kuba informierte. Weder der Phanar in Istanbul noch der Vatikan wollten den Eindruck entstehen lassen, dass die neue Achse vom ersten Rom zum "Dritten Rom", Moskau, auf Kosten der sehr guten, bis auf Johannes XXIII. (1958-1963) zurückgehenden engen Beziehung zum Ökumenischen Patriarchat ginge.

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Patriarch Kyrill I. (l.) und Papst Franziskus bei ihrem historischen Treffen in Havanna am 12. Februar 2016.

Ende März schlug der Ökumenische Patriarch dem Papst den gemeinsamen Besuch eines Lagers auf der griechischen Insel Lesbos vor, eine Agape mit den Flüchtlingen und ein Totengedenken für die vielen Opfer der heimlichen Überfahrt von der türkischen Küste. Bei diesem humanitären Akt will Bartholomaios I. allerdings nicht nur seine - durch keinerlei Störversuche aus Moskau zu erschütternde - ökumenische Verbundenheit und persönliche Freundschaft mit Franziskus unter Beweis stellen. Auf Lesbos unterstreicht er zugleich die Zugehörigkeit dieser und anderer Inseln sowie von ganz Nordgriechenland zum Ökumenischen Patriarchat.

Der Hintergrund: Die Kirche von Griechenland hatte sich erst mit der staatlichen Unabhängigkeit vom türkischen Sultan auch vom Patriarchat im damaligen Stambul getrennt. 1863 und 1882 fielen ihr bei der Ausdehnung des griechischen Territoriums weitere Bistümer von Konstantinopel zu. Erst der große Gebietszuwachs Griechenlands vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde kirchlich nicht mehr mitvollzogen. Da das Ökumenische Patriarchat in der Türkei bis 1923/24 fast all seine Gläubigen durch Massaker oder Vertreibung einbüßte, sollte es nicht weiter geschwächt werden. Ihm blieben zwar daher seine letzten Bistümer auf griechischem Boden - doch wurde die Kirche von Griechenland mit ihrer Verwaltung beauftragt.

Linktipp: Die eine, vielfältige Kirche

"Unica est ecclesia" - eine einzige ist die Kirche - sagt das katholische Lehramt. Und diese eine Kirche ist deutlich mehr, als ihre römisch-katholische Gestalt in der westlichen Welt: In den orthodoxen und orientalischen Kirchen haben sich über Jahrhunderte Traditionen bewahrt, die von der großen Vielfalt der einen Kirche zeugen. Katholisch.de erklärt, wieso es verschiedene "Kirchen" gibt und was sie voneinander unterscheidet.

In der Praxis kam das einem Zusammenschluss gleich - bis Patriarch Bartholomaios I. seit den 1990er Jahren wieder auf seine Rechte zu pochen begann. Das führte unter dem Athener Erzbischof Christodoulos schon einmal bis zum Abbruch der kirchlichen Gemeinschaft zwischen Patriarchat und griechischer Nationalkirche. Neue Spannungen stellten sich zuletzt mit dem zuvor lange konstantinopelfreundlichen Erzbischof Hieronymos Liapis ein. Dieser nahm deswegen im Januar nicht an dem orthodoxen Gipfeltreffen in Chambesy zur Vorbereitung des Konzils teil.

"Flüchtlings-Show mit dem römischen Erzoberketzer"

Nun aber kommt der Athener Erzbischof mit nach Lesbos. Er nahm die Einladung von Bartholomaios I. an - und bekräftigt damit dessen kirchliche Zuständigkeit für die Insel. Zugleich wird ein neues Einvernehmen zwischen dem Patriarchen und Hieronymos demonstriert. Dieses diplomatische Meisterstück des Phanar findet natürlich in Griechenland nicht bei allen Beifall. Der auch sonst für antiökumenische und auch antisemitische Einlassungen bekannte Metropolit Seraphim von Piräus wettert gegen die Zustimmung der griechischen Kirchenleitung zu der "Flüchtlings-Show mit dem römischen Erzoberketzer Franziskus". Der "nationalorthodoxe" Metropolit von Argolis auf dem östlichen Peloponnes, Nektarios Antonopoulos, will sein Bistum gleich überhaupt gegen jede "Überfremdung und Islamisierung durch Migranten und Terroristen" abschotten. In Griechenlands ultraorthodoxem Lager werden so Gehässigkeiten und Formalitäten über das Anliegen der Solidarität mit Flüchtlingen gestellt.

Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. grüßen die Gläubigen vom Balkon des ökumenischen Patriarchats am 30. November 2006 in Istanbul.
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Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. grüßen die Gläubigen vom Balkon des ökumenischen Patriarchats am 30. November 2006 in Istanbul: Auch Benedikt suchte den Dialog mit der christlich-orthodoxen Kirche.

Zur Person: Bartholomaios I.

Bartholomaios I. ist der griechisch-orthodoxe Patriarch von Konstantinopel. Als Nachfolger des Apostels Andreas trägt er seit 1991 den Titel "Ökumenischer Patriarch", der ihn zum Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie mit ihren rund 300 Millionen Mitgliedern macht. Allerdings verfügt er mit diesem Ehrenamt über keinerlei Jurisdiktionsbefugnisse über die nationalen Kirchen. Der 76-Jährige ist ein weltweit anerkannter Theologe und Ökumeniker. Sein Bemühen gilt der Einheit der Weltorthodoxie und dem Dialog mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Mehrmals besuchte der Patriarch den Vatikan. Der promovierte Kirchenrechtler, der sieben Sprachen fließend spricht, ist ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner für Islam und Judentum. Weltweite Anerkennung findet Bartholomaios I. auch für sein ökologisches Engagement, das ihm den Ehrennamen "Grüner Patriarch" einbrachte. Die türkischen Behörden erkennen die gesamtorthodoxen Aufgaben des Patriarchates nicht an. Sie sehen in Bartholomaios I. lediglich den obersten Seelsorger der wenigen tausend in der Türkei verbliebenen griechisch-orthodoxen Christen. Während deren Zahl stetig sinkt, sind dem Patriarchat jedoch direkt rund 3,5 Millionen Gläubige in Teilen von Griechenland sowie in der Diaspora in Nord- und Südamerika, Mittel- und Westeuropa sowie in Australien unterstellt. Bartholomaios I. wurde am 29. Februar 1940 als Dimitrios Archondonis auf der türkischen Insel Imbros geboren. Er studierte an der Hochschule von Chalki und erhielt bei seiner Diakonenweihe den Namen des Apostels Bartholomäus. Zur weiterführenden Ausbildung ging er nach Rom, ins französische Bossey und nach München. Als Metropolit von Chalcedon wurde Bartholomaios I. 1990 ranghöchster Metropolit der Heiligen Synode und hatte den Vorsitz mehrerer Kommissionen, darunter die Bereiche Kirchenrecht und Ökumene. 1991 wurde er zum Ökumenischen Patriarchen gewählt. (KNA)

Von Heinz Gstrein (KNA)