Wie steht der Papst zu Europa?
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Darum nimmt Franziskus den Karlspreis an

Wie steht der Papst zu Europa?

Mit dem Alten Kontinent hat der Papst aus Südamerika scheinbar nicht viel am Hut. Bei seinen Ansprachen vor den EU-Institutionen bezeichnete er Europa 2014 als "unfruchtbare Großmutter". Umso gespannter sind Beobachter auf seine Rede heute zur Verleihung des Karlspreises.

Von Thomas Jansen (KNA) |  Vatikanstadt - 06.05.2016

Auch seine Reisetätigkeit lässt keinen besonderen Europa-Bezug erkennen. In den bislang 37 Monaten seiner Amtszeit brachte er gerade mal zehn Stunden auf dem Boden der EU außerhalb Italiens zu: bei seinem Besuch des Europaparlaments und des Europarats in Straßburg im November 2014 und zuletzt am 16. April auf der griechischen Insel Lesbos.

In seinen beiden Ansprachen in Straßburg nahm der Papst vor anderthalb Jahren kein Blatt vor den Mund. Europa wirke alt, müde und kraftlos, sei wie eine "unfruchtbare Großmutter". Der Kontinent müsse darüber nachdenken, ob "sein gewaltiges Erbe" ein "bloßes museales Vermächtnis der Vergangenheit" sei oder ob es noch imstande sei, "die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der gesamten Menschheit zu erschließen", so Franziskus.

Doch bei aller Kritik machten die Reden auch deutlich, dass der Wagner-Fan und Hölderlin-Leser Europa keineswegs aufgegeben hat. Jenes Europa, "das auf sicherem, festem Boden" voranschreite, sei "ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit". Es sei die Stunde gekommen, gemeinsam ein Europa aufzubauen, das sich nicht nur um die Wirtschaft drehe, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person.

Papst Franziskus trifft Flüchtlinge auf Lesbos.
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Papst Franziskus schüttelte viele Hände und hörte sich Schilderungen der Schicksale vieler Flüchtlinge auf Lesbos an.

Franziskus selbst betonte später mit Blick auf das Medienecho seiner Äußerungen in Straßburg, dass sein Blick auf den alten Kontinent keineswegs pessimistisch sei. In Straßburg habe er ja neben manch kritischem Wort auch deutlich gemacht, dass ein Europa mit seinen religiösen Wurzeln, seinem Reichtum und seinem Potenzial auch leichter immun sein könne gegen die vielen Extreme, die in der heutigen Welt weit verbreitet sind, sagte er im Februar in einem Interview.

Kritik an der Flüchtlingspolitik Brüssels?

Franziskus' Botschaft für Europa ist in jedem Fall unbequem. Der Sohn italienischer Einwanderer wird nicht müde, einen humanen Umgang mit Flüchtlingen einzufordern. Europa sei "die Heimat der Menschenrechte, und wer auch immer seinen Fuß auf europäischen Boden setzt, müsste das spüren können", sagte er zuletzt auf Lesbos. Dass er nur vier Wochen nach Inkrafttreten des Abkommens zwischen der EU und der Türkei dorthin reiste, werteten viele Beobachter als Kritik an der Flüchtlingspolitik Brüssels.

Mit der Entgegennahme des Karlspreises bricht Franziskus mit seinen Grundsätzen. Den Karlspreis habe er "auf Anraten seines Freundes Kardinal Walter Kasper" ausnahmsweise angenommen, so Franziskus im Februar vor Journalisten. Bis zum Sommer 2015 lehnte er jegliche persönliche Ehrungen konsequent ab. "Ich mag das nicht", erklärte er mitreisenden Journalisten auf dem Rückflug von seiner Südamerika-Reise. Doch dann überreichte ihm Staatspräsident Evo Morales im Juli in Bolivien gleich zwei Orden, die er nicht ablehnte. Der eine war die höchste Ehrung des Landes; der andere war dem Gedenken an den in Bolivien ermordeten spanischen Jesuiten Luis Espinal gewidmet.

Hintergrund: Der Karlspreis

Der alljährlich in Aachen verliehene Internationale Karlspreis gilt als eine der bedeutendsten europäischen Ehrungen. Der Preis wird seit 1950 an Persönlichkeiten und Institutionen vergeben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben. Namensgeber ist Kaiser Karl der Große (742-814). Er gilt als erster Einiger Europas und wählte Ende des achten Jahrhunderts Aachen zu seiner Lieblingspfalz. Der Karlspreis wird traditionell an Christi Himmelfahrt im Krönungssaal des Aachener Rathauses verliehen. Mit Rücksicht auf Papst Franziskus wurde die Zeremonie in diesem Jahr auf den Tag nach dem kirchlichen Hochfest und nach Rom verlegt. Außer der Urkunde erhalten die Preisträger eine Medaille, die das älteste erhaltene Stadtsiegel Aachens aus dem zwölften Jahrhundert mit Karl dem Großen auf dem Thron zeigt. (KNA)

2004 hatte auch Johannes Paul II. (1978-2005) im Vatikan den Karlspreis empfangen, damals allerdings als außerordentliche Auszeichnung. Franziskus sagte nun, er wolle seinen Karlspreis als ein Geschenk für Europa verstanden wissen.

Was der Papst der EU ins Stammbuch schreiben wird, ist noch nicht bekannt. Er wolle eine Rede voll "großer Zuneigung" halten, kündigte er im Februar an. Zugleich sagte er, die EU brauche eine Neugründung. Er denke dabei an die Gründungsväter in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Leider gebe es heute keine Leitfiguren mehr wie Konrad Adenauer und Robert Schuman. Am Freitag wird Franziskus selbst zu einer solchen Leitfigur erklärt.

Hinweis: Karlspreis live auf katholisch.de

Die Verleihung des Karlsrpreises an Franziskus ist am Freitag, 5. Mai, ab 12 Uhr live auf kartholisch.de zu sehen. Wir übertragen den Festakt mit freundlicher Genehmigung des Senders EWTN.

Von Thomas Jansen (KNA)