Eine Schülerin steht im Religionsunterricht an der Tafel.
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Kirchen wollen bei Religionsunterricht enger zusammenarbeiten

Zwei Konfessionen, ein Unterricht

Weniger Taufen bedeuten weniger Kinder im Religionsunterricht. Die Kirchen wollen aus der Not nun eine Tugend machen und evangelische wie katholische Schüler gemeinsam unterrichten. Erfahrungen damit gibt es bereits.

Von Volker Hasenauer (KNA) |  Freiburg - 13.08.2017

Während die hitzigsten Bildungsdebatten aktuell um Digitalisierung und den Streit um G8 kreisen, schlagen die Zukunftsüberlegungen zum christlichen Religionsunterricht in Deutschland selten hohe öffentliche Wellen. Dennoch zeichnet sich für die kommenden Jahre ein einschneidender Wandel ab, wie junge Schülerinnen und Schüler künftig Religion und Glauben kennenlernen werden. Die Zeichen stehen auf grün für eine engere Zusammenarbeit von katholischer und evangelischer Kirche. Mancherorts schon im jetzt beginnenden neuen Schuljahr.

Hauptgrund des Strukturwandels - bis vor wenigen Jahren war der im Grundgesetz verankerte Religionsunterricht immer klar konfessionell getrennt - ist die rückläufige Zahl getaufter und durch ihre Familien christlich geprägter Kinder. Ein bundesweit verallgemeinerndes Bild ist indes schwierig, genaue Teilnehmerzahlen gibt es nicht. Die sinkende Zahl aber tritt in vielen Bundesländern und Regionen deutlich zutage. Und der bislang praktizierte parallele Unterricht von evangelischer und katholischer Religion ist damit an vielen Schulen immer seltener möglich oder sinnvoll.

Linktipp: Beauftragt, um zu unterrichten

Wer später ein bestimmtes Fach unterrichten möchte, der absolviert ein Studium, erhält nach den Prüfungen sein Staatsexamen und kann das Referendariat antreten. Doch bei künftigen Religionslehrern gelten andere Regeln.

Eine der ersten, die nach kreativen Auswegen suchte, ist die Konstanzer Gymnasiallehrerin Barbara Dreesen. In einem Pilotprojekt des Erzbistums Freiburg entwickelte die Pädagogin ab 2003 das baden-württembergische Modell der konfessionellen Kooperation mit. In zwei aufeinanderfolgenden Schuljahren - meist in Klasse fünf und sechs - unterrichtet zunächst ein evangelischer Religionslehrer und dann der katholische Kollege - oder umgekehrt. "Dabei erleben wir, wie offen die Kinder und auch die Eltern dafür sind, den Blick zu weiten. Und so das christliche Verbindende in einer stark säkular geprägten Welt in den Blick zu nehmen."

Was in Konstanz und mehreren anderen Pilotklassen gelang, machte Schule und mündete in einen Vertrag der je zwei Landeskirchen und Diözesen im Südwesten. Derzeit werden beispielsweise im Erzbistum Freiburg knapp 6 Prozent aller Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, konfessionell-übergreifend unterrichtet, betont Susanne Orth, Leiterin der Bildungsabteilung im Erzbischöflichen Ordinariat. "Und inzwischen kommen immer wieder Anfragen aus ganz Deutschland, wo andere Schulen von unseren Erfahrungen profitieren möchten."

Rückmeldungen sind positiv

Bildung ist Ländersache - und doch wollen die Kirchen bundesweit die Zusammenarbeit ausweiten. Nach langen Vorbereitung hat die Deutsche Bischofskonferenz entsprechende "Empfehlungen" veröffentlicht, um Schulen zu motivieren, "konfessionellen Religionsunterricht in ökumenischem Geist" zu organisieren. "Die Rückmeldungen auf das Rahmenpapier sind positiv, wir hoffen, dass nun die Landeskirchen und Diözesen die neuen Chancen nutzen", so Andreas Verhülsdonk, der das katholische Papier mitentwickelt hat.

Service: Erklärung herunterladen

Die Empfehlungen für die Kooperation des katholischen mit dem evangelischen Religionsunterricht sind auf den Seiten der Deutschen Bischofskonferenz online verfügbar.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird in wenigen Wochen mit einem entsprechenden Papier nachziehen. "Die sinkenden Gläubigenzahlen stellen die Kirchen vor große Herausforderungen. Aber wir gehen beim Religionsunterricht jetzt nicht aus der Not gezwungen aufeinander zu, sondern weil wir davon überzeugt sind, dass wir so einen Beitrag leisten können, unseren Glauben künftig bewusster zu leben", sagt EKD-Oberkirchenrat Mattias Otte.

Durchgriffsmöglichkeiten bis in die örtlichen Schulen haben die Kirchen wegen der föderalen, diözesanen und landeskirchlichen Strukturen nicht überall. Vielmehr sprechen die Verantwortlichen in Bonn und Hannover lieber von "Einladungen", die Kooperationen mit Leben zu füllen. Klar ist, dass vielerorts längst das Miteinander Alltag ist. Seit 1998 gibt es zwischen katholischen Diözesen und evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen Vereinbarungen für gemischt-konfessionelle Lerngruppen. In Nordrhein-Westfalen laufen Gespräche, die Kooperation zwischen Lippischer Landeskirche und Erzbistum Paderborn auf andere Regionen zu übertragen. Religionslehrerin Dreesen geht von einer langsamen, aber stetigen Ausweitung der Zusammenarbeit aus. "Es ist eine große Chance, denn wir kommen im gemeinsamen Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern ganz neu über Glaube und Religion ins Gespräch."

Von Volker Hasenauer (KNA)