"Die Passion": Zwischen Religion und Unterhaltung
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Interview mit dem Theologen Stefan Gärtner zum TV-Event

"Die Passion": Zwischen Religion und Unterhaltung

Die wichtigste christliche Erzählung als Unterhaltungsevent? Genau das plant RTL mit der Sendung "Die Passion" kurz vor Ostern. Ein zweischneidiges Schwert, findet der Theologe Stefan Gärtner. Er sieht aber vor allem eine große Chance.

Von Christoph Paul Hartmann |  Tilburg - 13.03.2020

Das Leiden und Sterben Jesu sowie seine Auferstehung kommt in der Essener Innenstadt auf die ganz große Bühne: Das Fernsehevent "Die Passion" erzählt die Geschichte aus der Bibel mit prominenten Darstellern wie Thomas Gottschalk und bekannten deutschen Pop-Liedern. Gleichzeitig zieht eine Prozession durch die Stadt, die Teil der Übertragung wird. In den Niederlanden ist das ursprünglich britische Projekt bereits seit zehn Jahren sehr erfolgreich. Der im niederländischen Tilburg Praktische Theologie lehrende Stefan Gärtner hat sich mit dem Event beschäftigt.

Frage: Herr Gärtner, ist "Die Passion" die Trivialisierung der zentralen christlichen Erzählung oder eine Chance der Evangelisierung?

Gärtner: Eher letzteres. Eine Trivialisierung ist es ganz sicher nicht, auch wenn das aus dogmatischer Sicht so erscheinen mag. Es ist vielmehr der ernste Versuch, die Passionsgeschichte aus der Bibel auf eine zeitgemäße Art zu präsentieren – aber eben nicht als Mittel der Evangelisierung, sondern als Unterhaltungsevent. Genau diese Mischung macht "Die Passion" aus.

Frage: Welches Bild von Jesus und der Bibel wird da vermittelt?

Gärtner: Der Zugang zu Jesus und der biblischen Geschichte ist ein menschlicher. Das liegt vor allem an den verwendeten Popsongs, die in die Passionserzählung eingewoben sind und das Geschehen kommentieren. So reagieren Text und Musik wechselseitig aufeinander. In diesen Liedern geht es oft um urmenschliche Erfahrungen wie Freundschaft, Liebe und Verrat. Diese Gefühle übertragen sich auf das biblische Geschehen.

Frage: Werden brutale Elemente wie Folter und Tod heruntergespielt?

Gärtner: Ja, die Folter etwa wird nur ganz zurückgenommen dargestellt. Anders als bei den klassischen Passionsspielen, in denen die Leidenselemente sehr zentral sind, ist das hier ganz stark zurückgenommen – immerhin ist das ein Mainstream-Event zur besten Sendezeit. In den Niederlanden werden bei den Leidensszenen nur ganz kurz einzelne Elemente klassischer Kreuzesdarstellungen eingeblendet, nach denen dann direkt zur Auferstehung übergeblendet wird.

Frage: In den Niederlanden kommt das Event gut an – in einer der kirchenfernsten Gesellschaften Europas. Wie erklären Sie sich das?

Gärtner: Eine Erklärung, die ich plausibel finde, setzt beim religionssoziologischen Begriff "invisible" beziehungsweise "implicit religion" an, also der unsichtbaren und impliziten Religion. Man kann dabei zum Beispiel an die Rituale und Gemeinschaftsbildung im Fußballstadion denken. In einer Gesellschaft, in der der Einfluss des Christentums abnimmt, gibt es trotzdem das Bedürfnis, bestimmte Zeiten wie die Osterzeit oder Weihnachten zu feiern. Ein Event wie "Die Passion" funktioniert da als Ersatz oder Äquivalent etwa für den Gottesdienstbesuch oder eine andere christliche Gestaltung. Das Schöne an "Die Passion" im Gegensatz zum Fußball ist, dass die christliche Botschaft dabei eine bedeutende Rolle spielt. Es gibt andere Elemente der unsichtbaren Religion, die vollkommen ohne christliche Inhalte auskommen.

Bild: © Privat

Der praktische Theologe Stefan Gärtner lehrt an der Universität Tilburg.

Frage: Ist "Die Passion" denn eine christliche Sendung?

Gärtner: Die Art, wie sie geguckt und von den Menschen vor Ort empfunden wird, ist sehr unterschiedlich. Für manche hat das einen spirituellen Effekt, so wird das Event in den Niederlanden etwa auch in Gemeinden gezeigt und gemeinsam geguckt. Da wird es dann oft mit einem kurzen liturgischen Element wie etwa einem Gebet oder einer Andacht verbunden. Andere wiederum gucken das einfach als Musical. Das macht einen Teil des Erfolgs aus, dass Menschen da ganz verschieden andocken können.

Frage: Aber es besteht doch die Gefahr, dass der Glaube für Kommerz und Unterhaltung ausgenutzt wird.

Gärtner: Das ist definitiv eine Lesart. Es gibt bei dieser Show eine Mischung von Religion und Unterhaltung. RTL will natürlich viele Zuschauer erreichen und – anders als in den Niederlanden – zwischendurch Werbung schalten. Das ist sicher ein Problem. Andererseits hat "Die Passion" eben auch Zeugnischarakter. Für die deutsche Version hat das Bistum Essen die Kreuzprozession angemeldet. Deren etwa 1.000 Teilnehmer werden ganz gezielt nach ihrer religiösen Motivation gefragt, diese Interviews sind ein wichtiger Teil der Fernsehausstrahlung.

Frage: Das Bistum Essen steht dem Event eher abwartend gegenüber. Hätte sich die Kirche mehr einbringen müssen?

Gärtner: Ich kann gut verstehen, dass man erst einmal zurückhaltend ist und abwarten will, wie das funktioniert und ob diese Show wiederholt wird. Außer in den Niederlanden gab es "Die Passion" in Ländern wie den USA oder Belgien jeweils nur einmal. Aber es ist dennoch schon einiges passiert: Im Hintergrund gab es einen theologischen Beirat, der sich den Text und die Lieder aus diesem Blickwinkel angesehen hat. Zudem plant das Bistum Essen nach der Aufnahme einen Abendsegen und die Kirchen der Innenstadt stehen dann für Gespräch oder Ruhe offen. Das ist eine geschickte Art, das Geschehen in ein kirchliches Angebot einzubetten. Außerdem gibt es eine Arbeitshilfe für Gemeinden des Bonifatiuswerks.

Frage: Kann denn so ein Projekt pastoral etwas bringen – auch nachhaltig?

Gärtner: In den Niederlanden wurde das untersucht. Die Leute gehen danach weder häufiger in die Kirche noch werden sie christlicher. Es ist aber, glaube ich, auch nicht zu unterschätzen, dass diese Sendung für religiöse Menschen eine Bestätigung ist und die Botschaft der Passion durch die mediale Berichterstattung auch in einem säkularen Umfeld präsent ist. Durch ein Event wie "Die Passion" können viele Menschen erreicht werden, die die Kirche nicht erreicht.

Von Christoph Paul Hartmann

Update

Wegen der Verbreitung des Coronavirus hat RTL am 13. März beschlossen, "Die Passion" ohne Publikum zu veranstalten. Außerdem soll die Prozession ohne Zuschauer und mit lediglich 30 bis 40 Kreuzträgern abgehalten werden. Weitere Planungen hängen von der weiteren Entwicklung der Pandemie und den Vorgaben der Stadt Essen ab.