Der Kirchenaustritt aus Gleichgültigkeit ist der gefährlichere
Eine Analyse zur aktuellen Kirchenstatistik

Der Kirchenaustritt aus Gleichgültigkeit ist der gefährlichere

Im Vergleich zum Vorjahr sind 2020 weniger Menschen aus der Kirche ausgetreten. Einen Positivtrend erkennt Felix Neumann darin aber nicht. Denn: Alle Bemühungen um Aufarbeitung und Wiedergutmachung können allein über gegenwärtiges Vertrauen entscheiden. Die inhaltliche Zukunftsfrage bleibt offen.

Von Felix Neumann |  Bonn - 14.07.2021

"Coronabedingt". Das ist das Schlagwort, das die aktuellen Kirchenstatistiken von katholischer und evangelischer Kirche etwas erträglicher machen soll. Ein enormer Rückgang bei Sakramenten und Kasualien, mit Ausnahme der Beerdigungen. Immerhin die sind wieder gestiegen, um etwas mehr als ein Prozent – allerdings auch nicht so stark wie die Sterblichkeit insgesamt in Deutschland, die laut Statistischem Bundesamt 2020 fünf Prozent höher als im Vorjahr war. Einigermaßen gleich – und doch leicht sinkend – bleibt nur die Anzahl der pastoralen Mitarbeiter; die der Kleriker sinkt deutlich, aber nicht so schnell wie die der Kirchenmitglieder insgesamt.

Wochen ganz ohne Gottesdienste, Monate mit den heftigsten Einschränkungen für Gottesdienste und Gemeindeversammlungen, die es in Friedenszeiten gab, haben ganz natürlich enorme Auswirkungen, und sie hätten es auch, hätte die Kirche keine anderen Probleme. "Coronabedingt" kann man daher nicht abschätzen, wie nachhaltig der Abbruch ist, wie stark die Corona-Krise die ohnehin schon stattfindenden Zersetzungsprozesse beschleunigt hat.

Deutefolie "coronabedingt" kann zum Bumerang werden

Dazu kommt aber auch, dass die positive Tendenz bei den Kirchenaustritten – fast 20 Prozent weniger als im Vorjahr! – zum ersten nicht heißt, dass hier irgendein Grund zur Hoffnung wäre – schließlich sind es die zweithöchsten bei den Katholiken überhaupt, und auch bei den Protestanten ist das Austrittsjahr 2020 weit oben in der Statistik. Zum zweiten wird man hier auch ein Fragezeichen an den Rand setzen dürfen: Wieder über 200.000 Austritte – "coronabedingt"? Auch der Austritt war coronabedingt 2020 aufwendiger als zuvor, und die kirchliche Großwetterlage mit der katholischen Kölner Vertrauenskrise und der ökumenisch-trostlosen Missbrauchskrise verheißt nichts Gutes für eine Zeit der Lockerungen, in der nicht nur wieder im Gottesdienst gesungen werden darf, sondern auch der Zutritt zu Rathäusern und Amtsgerichten einfacher wird. Die Deutefolie "coronabedingt" könnte sich so zu einem Bumerang entwickeln.

In der offiziellen Deutung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gilt es als positives Zeichen, dass überhaupt etwas stattgefunden hat. "Was musste nicht alles verschoben werden: Taufen, Erstkommunionfeiern, Firmungen und Hochzeiten. Aber sie haben dennoch stattgefunden, wie die Statistik zeigt", wird Bischof Georg Bätzing zitiert, und weiter: "Die Kirche war auch in der Pandemie gerade an den Wegmarken im persönlichen Leben für viele Menschen präsent." Auch das stimmt. Aber für wen eigentlich? Der Rückgang der Sakramente und Kasualien zeigt: Es gibt zwar noch die Menschen, die dieser Präsenz bedürfen – aber es gibt umso mehr, bei denen das nicht so ist. Die Zahl der kirchlichen Trauungen ist fast auf ein Viertel des Vorjahres zurückgegangen – von über 38.000 zu gut 11.000 –, während die staatlichen Eheschließungen von 416.000 auf 373.300 zurückgingen, also um die zehn Prozent Abnahme. Auch das könnte man sich schönreden: Aufs Standesamt geht man auch für die Steuer, und die feierliche Trauung mit Fest und Kirche holt man nach. Aber wer rechnet damit ernsthaft?

Erste Synodalversammlung

Der Synodale Weg wurde von den deutschen Bischöfen im Frühjahr 2019 als Antwort auf die 2018 veröffentlichte Missbrauchsstudie beschlossen. Die vier Synodalforen beschäftigen sich mit den Themen Macht und Gewaltenteilung, priesterliche Existenz, Rolle der Frau sowie Sexualität und Partnerschaft. Die zweite Vollversammlung wurde wegen der Corona-Pandemie auf Ende September 2021 verschoben.

Bischof Bätzing bringt die Austritte, wohl zurecht, auch mit dem Zustand der Kirche, mit einer "tiefgreifenden Erschütterung" zusammen: "Viele haben das Vertrauen verloren und möchten mit dem Kirchenaustritt ein Zeichen setzen", betont der Bischof und verweist darauf, wie aktuell und wichtig das den Synodalen Weg und die anderen Maßnahmen zur Überwindung und Aufarbeitung des Skandals der sexualisierten Gewalt in der Kirche macht. Aber haben wirklich so viele jetzt oder in den zehn Jahren des andauernden Skandals das Vertrauen verloren? Oder war es einfach nicht da?

Viel gefährlicher für die Zukunft der Kirche als ein "heißer" Austritt aus Wut und Enttäuschung – der immerhin noch eine Positionierung ist – ist ein "kalter", einer aus Gleichgültigkeit: Die Kirche wird nicht gebraucht, sie hat nichts zu sagen, und in nüchterner Kosten-Nutzen-Abwägung reicht ein kleiner Stoß, um auszutreten, weil diese Egalheit der Kirche gegenüber umfassend ist – kirchliche Milieus brechen ab, die einst unersetzbare soziale Infrastruktur aus kirchlichen Gemeinden und Verbänden kann gut durch säkulare Institutionen ersetzt werden.

Überwindung der Egalheit ist zentrale Zukunftsfrage

Der Synodale Weg greift viele drängende Themen auf. Der Synodale Weg ist aber in seiner Themensetzung primär eine Reaktion auf die Ergebnisse der MHG-Missbrauchsstudie, um die systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt anzugehen. Ein Weg der umfassenden kirchlichen Erneuerung ist er zunächst nicht, auch wenn eine Lösung der bearbeiteten Probleme doch immerhin einige Steine von diesem Weg der Erneuerung räumen würde.

Ebenso wenig werden Blütenträume einer frommen Neuevangelisierung durch Jüngerschulen oder Alte Messen, durch Marienweihen oder Worship-Events die Kirche aus dieser Krise führen – damit begeistert man einen kleinen Teil der Menschen; aber selbst da ist fraglich, ob es für Strategien der kleinen, aber überzeugten Herde genügend Menschen gibt, dass es ins Gewicht fällt. Die Reste der Volks- und Milieukirche werden diese Projekte jedenfalls sicher nicht beleben können.

Über die Bewältigung aktueller Krisen muss die Kirche, müssen die Gläubigen, denen noch etwas an der Kirche liegt, diese Egalheit, diese Gleichgültigkeit überwinden: Wozu braucht es überhaupt diese Kirche? Was kann die Kirche bieten, das andere gesellschaftliche Player nicht ebenso gut und mit weniger skandalösem Ballast auch bieten? Die Kirche baut auf einer Verheißung von Erlösung und Heil auf. Umkehr, die Bewältigung von Skandalen und der Versuch von Wiedergutmachung, die Wiederherstellung von Vertrauen ist keine Frage der Zukunft der Kirche. Das ist die Frage, ob sie vor der Gegenwart bestehen kann. Die Zukunftsfrage ist: Wo sind Menschen heute erlösungs- und heilsbedürftig? Und was können Christinnen und Christen tun, um dabei zu helfen? Wie kommt die Kirche aus der Egalheit heraus?

Von Felix Neumann