Italienische Medienberichte befeuerten erneut Spekulationen

Plant Franziskus seinen Rücktritt? Was an den Gerüchten dran ist

Aktualisiert am 30.08.2021  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Erneut kocht die vatikanische Gerüchteküche hoch: Vergangene Woche berichteten italienische Medien, dass Papst Franziskus aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt plane. Doch die meisten Vatikan-Experten sind sich in der Bewertung der Spekulationen einig.

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Rücktrittsgerüchte begleiten Papst Franziskus seit langem. Teilweise wurden sie sogar vom Pontifex selbst befeuert. 2015, anlässlich des zweiten Jahrestags seiner Wahl, sagte das Kirchenoberhaupt in einem Interview: "Ich habe das Gefühl, dass der Herr mich für eine kurze Sache eingesetzt hat." Er habe außerdem das Gefühl, dass sein Pontifikat kurz sein und nicht mehr als vier oder fünf Jahre andauern werde, so Franziskus damals. Auch einen Rücktritt nach dem Vorbild seines Vorgängers Papst Benedikt XVI. (2005-2013) schloss er in dem Gespräch nicht aus.

Das Gefühl, das ihn einst beschlichen hatte, täuschte den Pontifex – mittlerweile ist er seit über acht Jahren im Amt und damit länger als sein Vorgänger. Doch aktuell kocht die Gerüchteküche um einen möglichen Rückzug aus dem Amt des bald 85-jährigen Argentiniers wieder hoch. Vergangene Woche schrieb die italienische Tageszeitung "Libero", ein neues Konklave liege "in der Luft". Demnach bereite Franziskus aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt vor. Hintergrund sei seine Darmerkrankung, wegen der sich Franziskus Anfang Juli einer Operation unterziehen musste. Auch Berichte, wonach Franziskus ein Schreiben plane, das den kirchenrechtlichen Status eines zurückgetretenen Papstes regeln soll, befeuerten die Spekulationen.

Politi: Weder offizielle noch inoffizielle Anhaltspunkte

Doch der Großteil der Vatikan-Experten ist sich einig: Von diesen Gerüchten ist wenig bis nichts zu halten. So sagte etwa der italienische Journalist Mario Politi der argentinischen Zeitung "Pagina/12" am Wochenende, im Moment gebe es weder offizielle noch inoffizielle Anhaltspunkte dafür, dass sich der Gesundheitszustand des Papstes verschlechtert habe. Franziskus sehe zwar aus "wie ein Mensch in fortgeschrittenem Alter, aber ohne besondere Probleme". Auch sei im Vatikan derzeit nicht von einem Rücktritt des Papstes die Rede. "Aber wenn Päpste ein hohes Alter erreichen, beginnen die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt darüber nachzudenken, was als nächstes geschehen wird. Und sich zu fragen, was für ein Papst der Nachfolger sein soll", so Politi.

Linktipp: Was man über kranke Päpste wissen darf

Informationen zur Gesundheit des Kirchenoberhaupts unterliegen im Vatikan einer rigorosen Kontrolle. Warum das so ist und trotzdem kein Anlass zu übertriebener Sorge um Papst Franziskus nach seiner Darm-OP besteht, erklärt unsere Kolumnistin Gudrun Sailer.

Einige Beobachter vermuten stattdessen ein gezieltes Manöver hinter dem Bericht des "Libero". Schließlich handelt es sich bei der Zeitung um ein rechtskonservatives Blatt, das den Kurs von Franziskus schon lange argwöhnisch beäugt. Der Autor des entsprechenden Artikels, Antonio Socci, ist ein bekannter Kritiker des argentinischen Pontifex: 2014 veröffentlichte er gleich ein ganzes Buch, in dem er – in seinen Augen schlüssig – darlegte, warum Franziskus unrechtmäßig zum Papst gewählt wurde.

Der deutsche Vatikanexperte Ulrich Nersinger kann sich ebenfalls nicht vorstellen, dass ein Rücktritt von Papst Franziskus bevorsteht. "Ich denke, dafür ist er zu sehr Papst und dafür übt er auch das Papstamt zu sehr aus", sagte Nersinger am Wochenende dem Kölner Portal "domradio.de". Im Rom gebe es immer eine Gerüchteküche, die mal mehr, mal weniger brodle. "Das System Vatikan gleicht auch heute noch immer ein bisschen einem Hofstaat, wo bestimmte Gruppierungen ihre Interessen haben, wo dann auch vielleicht die Medien mit hineingezogen werden."

Große Ereignisse stehen bevor

Auch bevorstehende Ereignisse und Projekte machen einen baldigen Amtsverzicht des Kirchenoberhaupts eher unwahrscheinlich. Aktuell bereitet sich der Pontifex auf seine Reise in die Slowakei und nach Ungarn vor. Im Oktober beginnt zudem die Vorbereitungsphase des weltweiten synodalen Prozesses, der 2023 in einer Bischofssynode im Vatikan gipfeln soll. Dieser Prozess gilt als eines der "Herzensprojekte" von Franziskus. Kaum vorstellbar, dass er vor dessen Abschluss die Segel streicht.

Doch wie steht es um die Spekulationen um ein Dokument zum Thema emeritierte Päpste? Viele Medien haben diese in den vergangenen Tagen aufgegriffen und sich dabei unter anderem auf Luis Badilla Morales, den Direktor des Vatikan-nahen Nachrichtenportals "Il Sismografo", berufen. Nach dessen Worten ist es "sehr wahrscheinlich, dass Papst Franziskus in den nächsten Wochen ein neues Gesetz in Form einer Apostolischen Konstitution vorstellen wird, in welchem diese Situation geregelt wird". Die italienische Ausgabe der "Huffington Post" bringt in diesem Zusammenhang eine Abschaffung des inoffiziellen Titels des "Papa emeritus" ins Spiel. Damit solle "eine ganze Reihe irreführender Interpretationen über die Existenz zweier Päpste, über ihr Zusammenleben und über die These vom 'erweiterten Papsttum' vermieden werden", hieß es vergangene Woche in einem Bericht.

Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Papst Franziskus spielt Tischkicker nach der Generalaudienz am 18. August 2021 im Vatikan.

Seit seinem Rücktritt als Papst am 28. Februar 2013 trägt Benedikt XVI. in der Öffentlichkeit den Titel "Papa emeritus" und weiter die weiße Soutane des Kirchenoberhaupts. Dies hat in der Vergangenheit immer wieder zu Debatten über den Status Benedikts geführt und Spekulationen über die Existenz zweier Päpste genährt. Wiederholt wurde deswegen gefordert, den Status eines zurückgetreten Papstes offiziell zu regeln. So forderten einige Theologen wie etwa der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, dass ein emeritierter Pontifex ins Glied der Kardinäle zurücktreten, seinen Papstnamen ablegen und klar geregelte Kleidung tragen müsse.

Ulrich Nersinger sieht eine derartige Konstitution skeptisch. Denn solche Dokumente seien nach dem Tod eines Papstes hinfällig. "Der Papst ist für die Kirche der Herr des Gesetzes." Er könne im Grunde alles in der Kirche, wenn es nicht dogmatischer Natur ist, ändern. Heißt: Franziskus könnte ein Dokument, das die Befugnisse eines emeritierten Papstes regelt, zwar erlassen. "Aber ob sich dann sein Nachfolger daran hält, ist diesem völlig überlassen", betont Nersinger.

Plan eines kurzen Pontifikats verworfen

Papst Franziskus ist – da sind sich die Vaticanisti einig – weder amtsmüde noch gesundheitlich so angeschlagen, als dass ein baldiger Rücktritt realistisch erscheint. Seinen ursprünglichen Plan von einem eher kurzen Pontifikat habe Franziskus selbst einkassiert, sagt Mario Politi. Denn alle reformorientierten Kräfte in der Kirche hätten ihn nachdrücklich gebeten, so lange wie möglich zu bleiben. "Der Papst wird nur dann zurücktreten, wenn sein Gesundheitszustand es ihm plötzlich nicht mehr erlaubt, sich weiterhin persönlich um den vatikanischen Apparat zu kümmern." Doch Bilder und Mitschnitte von den allerjüngsten Generalaudienzen und anderen Auftritten, die einen agilen Pontifex zeigen, der unter anderem Tischkicker spielt, lassen im Moment nicht darauf schließen.

Der Pontifex selbst lässt sich im Hinblick auf seinen Gesundheitszustand und möglicherweise daraus resultierende Konsequenzen nicht so recht in die Karten schauen. An diesem Montag veröffentlichte der spanische Radiosender "Cope" Auszüge aus einem Interview mit dem Pontifex, das am Mittwoch in voller Länge publiziert werden soll. Darin antwortet Franziskus scherzhaft auf die Frage zu seinem Gesundheitszustand: "Ich bin am Leben." Mit Blick auf Spekulationen um einen möglichen Rücktritt sagt Franziskus, immer wenn ein Papst krank sei, wehe eine "Konklave-Brise oder ein Konklave-Sturmwind".

Von Matthias Altmann